Buchcover
Ilse Helbich

Vineta

2013
gebunden , 13 x 18 cm
240 Seiten
ISBN: 9783854208457
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Die Baracken liegen ganz nah; ihr ist verboten, dieses Areal zu betreten. Sie tut’s trotzdem immer wieder, mit Herzklopfen, denn alle wissen, dass dort Diebe wohnen und überhaupt Gesindel.
Sie muss nur die Grinzinger Allee wenige Schritte hinaufgehen und dann links abbiegen: und schon ist sie da.
Auf den ersten Blick würde keiner vermuten, dass hier Leute wohnen: zwischen schütteren Bäumen wächst das Unkraut an manchen Stellen hüfthoch, dann sind wieder kahle Flecken da und Betonblöcke liegen herum.
Hie und da Trampelpfade durch das stachelige Grün, gerade breit genug, dass einer hinter dem anderen gehen kann. Ein Gerät, das auf Rädern fortbewegt wird, könnte man hier nicht gebrauchen – nicht einmal einen Handwagen oder eine Schubkarre.
Wenn sie einem solchen Pfad folgt, kann es sein, dass er vor einem Brennnesseldickicht aufhört, aber er kann sie auch zu einer der ins Gelände geduckten grauen Baracken führen, von denen sie gehört hat, dass sie im letzten Krieg für die gefangenen Soldaten errichtet wurden.
Wenn sie vor einer Baracke lauscht, liegt das niedrige Gehäuse ganz still da, kein Mensch ist zu sehen und zu hören. Sie geht ein paar Mal auf dem nach dem gestrigen Regen im Dreck versinkenden Lehmboden vor dem verwahrlosten Bauwerk hin und her, sie schlendert scheinbar achtlos und sieht sich nicht um, aus den Augenwinkeln späht sie jedoch nach jeder noch so winzigen Bewegung.
Nichts. Also geht sie langsam weiter, einen anderen Pfad entlang, es ist sehr sehr still hier, sie hat die ganze Zeit das Gefühl, da sei etwas, da sei einer hinter ihr. Sie wagt es nicht, sich umzuschauen. Und wenn sie Glück hat, landet sie vor der anderen Baracke, wo der ungarische Offizier wohnt – dass er aus dem Krieg übriggeblieben und schwer krank sei, hat ihr die Mizzi verraten.
Und wirklich, da lehnt er ja an seiner Hauswand und ist blass und hat kohlschwarze Locken und ist sehr mager in seiner schlotternden alten Uniformhose, und wie immer hat er eine Zigarette zwischen den Fingern und zieht jetzt daran, ein wenig bläulicher Rauch steigt auf. Der schöne Offizier schaut an ihr vorbei – sie ist für ihn nicht vorhanden.

Bartbinden, Spucknäpfe in den Wartezimmern, Beethoven-Büsten aus Gips, der wöchentlich ins Haus liefernde Eismann, der Laternenanzünder: Ilse Helbich, 1923 in Wien geboren, erinnert sich an Gegenstände, Berufe und gesellschaftliche Verkehrsformen, die längst untergegangen sind. Nicht nur die verhassten Sonntagsspaziergänge im Kreis der ganzen Familie, auch die heimlichen Ausflüge in die unheimlichen Terrains der Barackensiedlungen und anderer sozial fremder Umgebungen nehmen in diesem Panorama Gestalt an. Ohne Nostalgie, ohne Verharmlosung formen diese Erinnerungen nach und nach ein umfassendes Bild einer Wiener Kindheit, einer Mädchen-Kindheit, wachsen sich zu einem großbürgerlichen Familienbild aus und öffnen sich, mit den 30er Jahren, allmählich den politischen Schrecken des Nationalsozialismus.

So wie man die Häuser des versunkenen Vineta nur bei ganz ruhiger, klarer See erblicken kann, so ist auch große Ruhe und Klarheit des Geistes Voraussetzung für derart präzise, plastische und intensive Bilder. Ilse Helbichs Empathie, ihr distanziert anteilnehmender Blick auf das Mädchen, das sie einmal war, bedeuten einen großen Gewinn für jeden Leser – und ihre Kunstfertigkeit im Umgang mit den hellen und dunklen Farben ihrer Geschichten ist ungetrübtes Leseglück.

Veranstaltungen

  • 4. Dezember 2019, 19:30
    Wien, Österreichische Gesellschaft für Literatur

Presse

»Ein stilles, ganz großartiges Buch« (Florian Felix Weyh)

»Das Buch hat eine ungeheure Schönheit – das liegt an diesen dichten Beschreibungen und an dem ganz zurückgenommenen Tonfall. Mir hat die Atmosphäre sehr gut gefallen.« (Maike Albath)

»Das versunkene Vineta: Das sind für Helbich vor allem die Dinge eines verschwundenen Alltags, die mit ihrer Zeit untergegangenen Sozialcharaktere, das Staunen eines klugen, neugierigen Mädchens, in dem sich die Dichterin selbst erkennt.« (Karl-Markus Gauß, NZZ)

»Ein hoch empfehlenswertes Buch« (Hajo Steinert, Deutschlandfunk Büchermarkt)

Ilse Helbich »schildert mit großer Leichtigkeit kleine Episoden, die augenblicklich die eigene Kindheit wieder auferstehen lassen – mit all ihren Rätseln, Entdeckungen und kleinen Abenteuern des Alltags. Es sind Miniaturen voller Poesie und Klugheit.« (Barbara Geschwinde, WDR5)

»In ihren Prosaminiaturen beschwört Ilse Helbich Bilder, Klänge und Gerüche herauf, die (nicht nur) für Kinder ihrer Generation prägend waren.« (Wolfgang Huber-Lang, APA)

»So wie man die Häuser des versunkenen Vineta nur bei ganz ruhiger, klarer See erblicken kann, so ist auch große Ruhe und Klarheit des Geistes Voraussetzung für derart präzise, plastische und intensive Bilder.« (Felix Werner, Buchmagazin.ch)

»Nur mit der Ruhe und der Klarheit des Geistes, nur mit einer dem Leben dankbar verpflichteten Gelassenheit, dem Glück der späten Jahre, kann man mit einer derartigen Empathie wie es Ilse Helbich tut, das versunkene Reich der eigenen Kindheit heraufholen und es anschauend beschreiben.« (Winfried Stanzick)

»Ilse Helbich beschreibt die große Geschichte so, dass wir spüren, wie sie sich anfühlte, als sie für die Handelnden Gegenwart war. « (Elske Brault, SWR2)

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