Buchcover
Ilse Helbich

Schmelzungen

2015
gebunden , 13 x 18 cm
136 Seiten
ISBN: 9783854209645
€ 18,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Heute zum ersten Mal die Erfahrung, dass mir die Sprache nicht gehorcht!
Ich erzähle von Bekannten, die ich bei den Festspielen traf. Wo? »In Salzburg«, möchte ich sagen, aber dieser Ortsname entgleitet mir wieder und wieder. In »Saalbach«, nein, nicht in »Sarningstein«. Ein Gefühl, als versuchte ich, auf schwankendem Boden (etwa in einem Boot?)
einen vorbeigleitenden Griff zu erwischen, der vor mir hin- und herschwankt, sodass ich immer danebengreife. Endlich gelingt es mir, »Salzburg« hervorzustoßen.
Es bleibt ein Gefühl der Nausea, eine Art leichte Übelkeit und Schwindel.
Ich bin schon so isoliert von den anderen, dass ich mich für mein Versagen nicht schäme.
Wenn die Anstrengung des Hinzielens und Treffenwollens größer würde, müsste es eine Erleichterung sein, sich einfach treiben zu lassen und auf das »richtige« Wort zu verzichten. Und dann das erstbeste Ersatzwort leichthin auszusprechen.

Mehr und mehr verschwimmen jetzt die Grenzen zwischen der gegenwärtigen Tatsächlichkeit und Geträumtem, Erinnertem oder Phantasiertem.
Warum soll ich nicht meine Mutter anrufen, von der ich gleichzeitig weiß, dass sie tot ist – seit 30 Jahren schon. Ich entgehe gerade noch der Versuchung, zum Hörer zu greifen und ein langes Gespräch mit ihr zu beginnen. Ich weiß ja, dass dies gefährlich wäre – dass ich nicht mehr zurückfände aus dieser belebteren vielräumigen Anderswelt.

Noch einmal hat Ilse Helbich die Notizen der letzten beiden Jahre, ihre Kommentare zum Altern, ihre Selbstbeobachtungen und Aufzeichnungen zu einem neuen Band zusammengestellt. Im Mittelpunkt steht dabei ein bestimmtes Phänomen, das die Autorin in vielen Formen und an unterschiedlichen Orten wahrnimmt und das der Titel Schmelzungen widerspiegelt: In ihrem hohen Alter nimmt sie den Charakter des Übergangs zwischen unterschiedlichen Lebensphasen, zwischen Erinnerungen und Träumen ganz intensiv wahr, eins geht ins andere über und verwandelt sich wie unter großer Hitze. Und ein Besuch in Dresden führt ihr noch eine andere Dimension des Schmelzens unter großer Hitze vor Augen: Die wiederaufgebaute Frauenkirche ruft ihr den ganzen unbewältigten, unbewältigbaren Komplex des Handelns ihrer Generation vor Augen, der Schuld, der Mitwisserschaft, des Mitläufertums, des Verschweigens und Verdrängens.

Wie in allen ihren so unvergleichlichen Aufzeichnungs- und Erinnerungsbüchern beweist Ilse Helbich auch in diesem Band ihre nüchterne, auf das Wesentliche gerichtete Eleganz des Schreibens. Dass diese Luzidität auch auf die Wahrheit abzielt, wird in dem Abschnitt über die verdrängten, verschwiegenen und entstellten Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit keinen Leser unberührt lassen.

Presse

»Das Buch ist eine berührende und, ja, tatsächlich auch beglückende Lektüre über ein altes Leben zwischen Menschennähe und Einsamkeit.« (Gabriele von Arnim, Die Zeit)

»Fragmente einer Suche nach der verlorenen Zeit verschmelzen mit Bruchstücken erlebter Gegenwart zum berührenden Ganzen – in einer Sprache von poetischer Eleganz. Garantierter Erkenntnisgewinn und Lesevergnügen.« (Walter Titz, Kleine Zeitung)

»Was dieses Buch so einzigartig macht: Wenige können berichten, wie sie mit über 90 Jahren sich und die Welt erleben; noch viel weniger Menschen sind fähig, das Ringen um Worte und das Nachdenken über das Verstummen in einer solch gewaltigen Sprache zu beschreiben.« (Petra Vock, NÖN)

»Für mich ist es ein lesenswertes, Mut machendes Buch, weil es neben den körperlichen Veränderungen im Alter, die unwidersprochen starke Einschränkungen bedeuten, auch sichtbar wird, dass sich dann andere Möglichkeiten der Wahrnehmung ergeben, andere Aspekte von Welt deutlich werden, wenn man den Mut hat, hinzusehen, wahrzunehmen, mit offenen Fragen zu leben und vielleicht dennoch nicht aufzuhören, nach eigenen Antworten zu suchen.« (Mona Lisa Blog)

»Die Schmelzungen haben mich sehr berührt – Ilse Helbich gibt viel zu denken über das Leben. Ich kenne niemanden, der so aufrichtig schreibt wie sie und gleichzeitig so poetisch.« (Rotraut Schöberl, Buchhandlung Leporello)

»Eine eigene, kräftige Stimme der deutschsprachigen Literatur.« (Arno Widmann, Vom Nachttisch geräumt, Perlentaucher)

»Es sind Nachrichten wie von einem unbekannten Planeten: Die nun 92-Jährige beschreibt ihr Altern – mit einer Nüchternheit und Klarheit, die ganz ohne Selbstmitleid auskommt, aber weder Schönheit noch Schrecken ausspart.« (APA)

»Eine faszinierende Expedition in die mühsalbeladenen Gefilde des Greisenalters (…) ein schönes, lange nachhallendes Buch.« (Günter Kaindlstorfer, SWR2)

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