Buchcover
Oksana Sabuschko

Museum der vergessenen Geheimnisse

Roman
2010
gebunden mit Lesebändchen , 15 x 23 cm
760 Seiten
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil
ISBN: 9783854207726
€ 29,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Ich neige inzwischen zur Ansicht, dass das menschliche Leben “nicht nur” eine episch aufbereitete Story mit Personal (Eltern, Kinder, Geliebte, Freunde, Kollegen, wer noch …?) ist, die man als mehr oder weniger komplette Abbildung an die Nachfahren weiterreichen kann, so sieht es nur ein fremder Blick, eine Perspektive auf das Leben wie durch das umgedrehte Ende eines Fernrohrs, durch die Linsen verschiedener kurzgefasster Lebensläufe, autobiografischer Anekdoten und Küchengeschichten, der Privatmythen, also das fortwährende Zurechtstutzen der Form für das menschliche Auge; betrachtet man das Leben dagegen aus seiner Mitte heraus, erscheint es wie ein gewaltiger, unförmiger Koffer, vollgestopft mit – für andere überflüssigem – Kram, und diesen Koffer nimmt der Mensch unwiederbringlich mit sich, wenn er diese Welt verlässt. Unterwegs fällt freilich für die Lebenden zum Andenken das eine oder andere Überbleibsel aus dem nicht ganz geschlossenen Koffer (der Wunsch nach einem letzten Birnenkompott, ein schwungvoller Ballettschritt, ein Schwung von unten nach oben ähnlich wie beim Hochsprung) und bleibt, bis es vermodert, in den Köpfen der Finder … jedes Mal wenn ich auf so ein verirrtes Überbleibsel stoße, verspüre ich kaum merklich eine dumpfe Schuld wegen meiner Ratlosigkeit, als könne sich in dem zufälligen Überbleibsel ein Schlüssel verbergen, ein verlorener Code für einen tieferen, verborgenen Sinn des fremden Lebens, und dieser Schlüssel ist mir in die Hände gegeben und ich weiß nicht, in welches Schloss er gehört, und noch schlimmer, ob es dieses Schloss überhaupt gibt …

Eine schonungslose, mutige und manchmal schockierende Abrechnung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Ukraine.

Oksana Sabuschkos zweiter Roman ist eine schonungslose, mutige und manchmal schockierende Abrechnung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Ukraine. In einem komplexen Panorama erzählt sie die Geschichte dreier Frauen und damit auch die schwierige und verworrene Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert.

Daryna ist Fernsehproduzentin in Kiew. Eines Tages entdeckt sie ein Foto der Partisanin Helzja, Mitglied der Ukrainischen Aufstandsarmee in den 40er Jahren, und beschließt, ihre Geschichte in einer Dokumentation aufzuarbeiten, umso mehr, als sie sich im Zuge ihrer Recherchen in Helzjas Enkel verliebt. Fast zur selben Zeit kommt Darynas beste Freundin bei einem Unfall ums Leben, die Malerin Wlada, deren international hoch gehandelte Gemäldeserie »Geheimnisse« bei diesem Unfall verschwindet.

Geheimnisse – vor den Bolschewiken vergrabene Ikonen, geheimniskrämerische Mädchenspiele, von der offiziellen Geschichtsschreibung Verschwiegenes, das Unausgesprochene zwischen Männern und Frauen – dieses Motiv durchzieht den überbordend erzählten Roman, der eine erstrangige Mentalitätsgeschichte eines paradigmatischen osteuropäischen Landes darstellt. Oksana Sabuschkos neues Buch ist noch offensiver als ihr Erfolgsroman Feldstudien über ukrainischen Sex, sie verschont weder die Helden der ukrainischen Geschichte noch deren Opfer, weder die Jahrzehnte unter der russischen Sowjetherrschaft noch die ersten beiden Jahrzehnte der Unabhängigkeit, und – da sich der gesellschaftliche Machtkampf gerade auch im Sexuellen spiegelt – weder Männer noch Frauen. Ihre Fragen gehen uns alle an: Ist es vernünftig, die »stillgelegten Geheimnisse« der Geschichte auszugraben – oder sollte man sie aus Sicherheitsgründen gar nicht erst berühren? Wie gehen wir mit den Traumata der Vergangenheit um, von denen wir gar nicht wissen, dass wir sie geerbt haben?

Presse

Es ist »ein Verdienst der Autorin, die ziemlich vergessene Geschichte der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung angepackt und gleichzeitig ein schonungsloses, ernüchterndes Bild ihres Landes heute gezeichnet zu haben.« (Sabine Berking, FAZ)

»Ein Roman auf weltliterarischem Niveau, in dem Fragen des Menschseins und des Geschlechterverhältnisses historisch konkret und universell dargestellt werden.« (Achim Engelberg, NZZ)

»Eine hochkomplexe, drei Generationen umfassende Liebesgeschichte – ein sprachgewaltiger, zornig dahingaloppierender Roman« (Stefanie Flamm, DIE ZEIT)

»Ein Buch unter Starkstrom, von einer mitreissenden Kraft, die bis zur letzten Seite nicht nachlässt.« (Ilma Rakusa, NZZ)

»Oksana Sabuschko erzählt diesen schweren Stoff so leicht und frisch, wie der weiblichen Hauptfigur der Schnabel gewachsen ist. Daryna sprüht vor Witz, Lebenslust und Schimpfworten.« (Bernd Kempker, Gutenbergs Welt WDR)

»Mit Sätzen so voll und temporeich wie Flüsse, kurz bevor sie über die Ufer treten, berichtet sie aus dem von ihr selbst geschaffenen Museum für Ungesagtes.« (Silja Ukena, KulturSpiegel)

»Im Interview sagte die Autorin einmal, die Ukrainer betrachteten sich seit Jahrzehnten als Verlierer der Geschichte. Ihr opulenter Roman ist ein Versuch, sich die Geschichte ihres Landes in allen Brüchen anzueignen, bis in die privatesten Winkel hinein.« (Natascha Freundel, NDR)

»Streitbar, fiebrig, fulminant« (Franziska Hirsbrunner, 52 beste Bücher, DRS2)

»Mehr kann ein Buch nicht leisten.« (lesenblog)

»Ein fieberhafter Diskurs über den Kampf einer nationalen und individuellen Realität zwischen Aufdeckung der Vergangenheit und Verständnis der Gegenwart. Ein furioses Stück Literatur.« (Christoph Hartner, Kronen Zeitung)

»Ein Opus magnum et horrendum, in dem gegen die Mächte der Finsternis alles mobilisiert wird, was die Waffenkammern der Literatur hergeben: die grossen Gefühle, die Gewalt des Pathos, die bezwingendsten Bilder.« (Martin Ebel, Tages-Anzeiger)

»Ein spektakulärer intellektueller Wurf. Getragen von dem Glauben, dass geistige und politische Unabhängigkeit das Einzige ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt – neben der Liebe natürlich.« (Mathias Schnitzler, Berliner Zeitung)

»Ähnlich wie bei Elfriede Jelinek stellt bei Oksana Sabuschko die Frau das eigentliche Subjekt und Medium der Geschichte dar. Das verdeutlicht sie temporeich und mit amüsantem Sarkasmus, der alles Tragische zuverlässig abfedert.« (Katrin Hillgruber, Stuttgarter Zeitung)

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