Buchcover
Ilse Helbich

Grenzland Zwischenland

Erkundungen
2012
gebunden , 13 x 18 cm
128 Seiten
ISBN: 9783854207962
€ 18,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Mit einem Schlag bin ich sehr alt geworden, in einer Verfassung, die meinen Lebensjahren – ich war 87 – entspricht.
Dieser Zustand ist faszinierend, er interessiert mich jetzt so sehr wie die Geschichten Unbekannter, die ich im letzten Buch festgehalten habe, ehe sie mir wieder wie Rauch zergingen.
Jetzt schreibe ich also über mich – oder doch nicht über mich, sondern über dieses Neue, das da hereingebrochen ist. Unabweisbar.
Ich kann plötzlich nur mit großer Mühseligkeit gehen. Die Beine wollen mir nicht gehorchen, es ist, als wäre in der Hüftgegend eine Art Sperre, die Schmerzen aussendet, wenn sie durch stärkeren Krafteinsatz überwunden werden soll; diese Hemmung zwingt die beiden voneinander wie isolierten Beine in auseinanderstrebende Richtungen. Eine Art Watschelgang muss gewaltsam unterdrückt werden, ebenso das Dahinschlurfen der Schuhe.
Die Augenschwäche verhindert schon lange, Entgegenkommende – auch aus nächster Nähe – zu erkennen. Wo früher ein Gesicht war, ist jetzt ein Oval mit zerfließenden Konturen. Es geschieht, dass die entgegenkommende Figur jäh anhält und mich beim Namen nennt, inzwischen tue ich nicht mehr, als wäre ich unaufmerksam dahingewandert, versunken in meine Spinnereien, jetzt verkünde ich fröhlich, dass ich kaum mehr sehe.
Aber das ist eine Lüge. Ich sehe ja noch. Daheim am Land erkenne ich die Gestalten der Hügel, die jetzt beredter sind, als sie es je waren.
Und die Himmel sind zum Wunder geworden. Wolkengebirge türmen sich, haben manchmal goldene Ränder, als strahle von drüben eine andere, eine in Gold getauchte Welt, eine Anderswelt her. Und zwischen ihren langsam ziehenden Gipfeln eine tiefe Tiefe von reinster Bläue, die anzieht und hochsaugt, sodass es scheinen kann, als hafteten die schweren Füße nicht mehr auf der Erde.
Und das Dahinrollen des Flusses und das Auf und Ab seines leisen Singens. Sein Singen fängt alles Schluchzen und Schreien und Lachen ein und schmilzt es um in Musik.

Die fast 90jährige Ilse Helbich gewährt in ihrem Buch einerseits Einblicke in die Werkstatt der Schriftstellerin, in das Arbeiten der Sätze und Gedanken, andererseits in den Alltag eines Menschen, der mit den Behinderungen und den besonderen Umständen des hohen Alters konfrontiert ist.

Unnachahmlich ist die innere Heiterkeit dieser Aufzeichnungen, eine Gelassenheit und eine ruhige, wache Neugier, die auch alle anderen Texte von Ilse Helbich charakterisieren und an buddhistische Weltsicht denken lassen. Egal, ob sie von einem Arztbesuch spricht, von einer Reise ans Meer, die sie mit ihrer Familie unternimmt, von den Regeln ihres Alltags oder von der Natur, die sie nunmehr mit ungeahnter Intensität wahrnimmt: ihre Sätze sind von einer Leichtigkeit im Festhalten des Schweren, die man selten findet.

Hin und wieder verdichten sich die kleinen Tagesnotizen zu größeren Essays, mit den Überschriften »Vom Schreiben«, »Von der Langeweile« und »Vom Anderen«, und diese Notate gehören zum Schönsten, was Ilse Helbich ihren Lesern anzubieten hat. Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit, Zurückhaltung und Furchtlosigkeit sind die Merkmale dieser Prosa, der die Beschwerlichkeit ihrer Niederschrift nicht im mindesten mehr anzumerken ist.

Veranstaltungen

  • 4. Dezember 2019, 19:30
    Wien, Österreichische Gesellschaft für Literatur

Presse

»Sollte sich jemand vor dem Altern fürchten, probiere er es mit Grenzland Zwischenland, denn besseren Zuspruch wird so rasch nicht finden, wer das Alter mit Ängsten und Verzweiflungen verbindet.« (Karl-Markus Gauss, Süddeutsche Zeitung)

»Ein Buch über das Leben ist dies, das Glück des Lebens und seine verglimmende Intensität. Viele Sätze will man sich anstreichen und herausschreiben, viel zu viele sind es dann am Ende, anmutige, einfache, kluge, poetische, reiflich abgewogene Sätze.« (Alexander Kluy, Der Standard)

»Mit dem forschenden Blick eines Insektenkundlers und dem genauen Auge einer großen Dichterin legt Helbich sich selbst unters Mikroskop. Ein wunderschönes Buch.« (Julia Kospach, Welt der Frau)

»Es sind Beobachtungen von tiefer Spiritualität, Texte, denen man die Anstrengung nicht anspürt, die das Verfassen für die Autorin bedeutet, Texte, die aufmerksam und aufrichtig ihr Leben, ihre Umwelt beschreiben.« (Winfried Stanzick, lovelybooks)

Ilse Helbich »beschreibt, wie sie sich zurückzieht von der Welt, schon weil sie immer weniger sieht und hört, wie aber die Welt ihr keine Sekunde weniger reich und weniger schön erscheint.« (Arno Widmann, Frankfurter Rundschau)

»Unnachahmlich ist die innere Heiterkeit dieser Aufzeichnungen, eine Gelassenheit und eine ruhige, wache Neugier, die an buddhistische Weltsicht denken lassen.« (Rotraut Schöberl, 5 plus)

»Humorvoll und engagiert, klar und präzise Ihre Worte machen Mut, jede Veränderung des Lebens mit Neugier auszuloten – eingeschlossen Alter und Tod. Ein wahrlich jeden berührendes Thema.« (Elske Brault, NDR)

»Ein erstaunlich beglückendes kleines Buch über das elende Altwerden. Klug und komisch, traurig und heiter.« (Gabriele von Arnim, NDR Bücherwelt)

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