Buchcover
Mela Hartwig

Das Verbrechen

Novellen und Erzählungen
2004
gebunden , 13 x 21 cm
304 Seiten
Mit einem Vorwort von Margit Schreiner.
ISBN: 9783854206590
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Drei Tage lang schloß Agnes sich ein, nahm weder Speise noch Trank zu sich und spielte mit dem Gedanken, zu sterben. Sie verbrachte diese Zeit in einem Dämmerzustand des Bewußtseins, der jede ihrer Bewegungen lähmte und ihr Leben unter der Unwirklichkeit eines überreizten Willens begrub; Dunkelheit verkleisterte die Fenster, verklebte ihre Augen, wälzte Schatten und ein Chaos von Geräuschen ohne Sinn über ihr Bett hin, eine Gewitterwolke aus Angst, Dunkelheit und Tod, die sich immer tiefer auf sie herabsenkte, die farblosen Wände ihres verfinsterten Zimmers drängten sich immer enger um sie zusammen, wie ein Grab, bis ihr Atem nur mehr stoßweise und behindert von dem Alpdruck ihrer Vision durch ihren vertrockneten Kehlkopf rasselte.
Am vierten Tag wurde die Tür aufgebrochen, und mitten in der Helle des hereinstürzenden Tages stand ihr Vater vor ihren geblendeten Augen, die blicklos vor Entsetzen in sein verschlossenes Gesicht starrten, das von der Drohung ihres Entschlusses nicht im mindesten beunruhigt schien und das ihr die Furcht des Augenblickes in ein widerliches Grinsen verzerrte.
»Sie lebt«, schluchzte ein ältliches Mädchen, das nicht gewillt war, sich die Sensation dieses Augenblickes durch den Mangel an einer Leiche verkümmern und sich um das Recht ihrer Tränen prellen zu lassen. »Sie lebt.«
Ruhig und mit einem Mangel an innerem Entgegenkommen, der eindeutig die Absicht verriet, die exzentrische Stimmung zu zerreißen und durch eine Banalität lächerlich zu machen, ordnete der Herr des Hauses an: »Öffnen Sie die Fenster. Diese eingesperrte Luft verursacht Übelkeiten und Halluzinationen.«
Widerwillig und mit umständlicher Gewissenhaftigkeit zugleich kam das Mädchen dieser Aufforderung nach. Sie begriff, daß es um ihren eigenen Anteil an diesem Ereignis ging, daß man ihr ein Erlebnis entreißen wollte, das ihr zukam, daß man ihr Recht, Anteilnahme zu bezeugen, verkürzen wollte, und ihr Optimismus, von dieser Erkenntnis beunruhigt, wollte sich noch einige köstliche Augenblicke in diesem geheimnisvollen Zimmer sichern.

Aus dem Vorwort von Margit Schreiner:

Die Erzählungen Mela Hartwigs in diesem Buch sind absolut unerträglich. Grausam, gewalttätig, hoffnungslos. Expressionistisch, hysterisch, eben ekstatisch, wie der Titel schon sagt. Die Protagonistinnen sind Besessene. »Besessene« hat Hartwig den Band zunächst nennen wollen, dann hat der Verlag bei der Erstveröffentlichung 1928 wohl auf den Geschmack der Verzückung gesetzt, der in Ekstase mitschwingt.
Schade, dass Mela Hartwig derzeit nicht modern ist. Es könnten sich hunderttausende Bücher verkaufen. American Psycho zum Beispiel ist ebenfalls unerträglich grausam, gewalttätig, ekstatisch, besessen, hoffnungslos und hysterisch, und es haben sich Hunderttausende verkauft. Ein Kultbuch. Oder Plattform. Warum ist Ekstasen kein Kultbuch?
Immerhin wurde es 1992 im Ullstein Verlag im Kontext der Wiederentdeckung vergessener Frauenliteratur wieder aufgelegt. Vielleicht liegt es daran, dass sich in den oben angeführten Kultbüchern New Yorker Yuppies – eine reine Männergesellschaft übrigens – langweilen, während einer von ihnen, selbstverständlich ein Hysteriker, Frauen massakriert; oder in Plattform französische Yuppies – ebenfalls garantiert männlich und hysterisch (sollte die Hysterie heute eine vorwiegend männliche Angelegenheit sein?) – sich in Thailand langweilen und die Frauen dort demütigen.
Das soll keine Kritik an American Psycho und Plattform sein. Die oben beschriebenen Phänomene gibt es und sind also wert, beschrieben zu werden. Nur: Auch bei Mela Hartwig werden massenhaft Frauen massakriert und gedemütigt. Detailfreudig ist Mela Hartwig auch. Grausam ebenfalls. Ekstasen wurde darüberhinaus von einer Frau geschrieben. Einer geradezu besessenen. Das scheint dem Ganzen irgendwie die Coolness zu nehmen. Auch wenn es noch so blutrünstig ist. Sollte es nicht möglich sein, im Jahre 2004 ein Buch zu einem Kultbuch zu ernennen, obwohl eine Frau es geschrieben hat?

Zum ersten Mal alle erhaltenen Erzählungen von Mela Hartwig in einem Band.

Nachdem sie einige Jahre zuvor bereits als Schauspielerin Karriere gemacht hatte, betrat Mela Hartwig 1928 die literarische Bühne mit einem von Alfred Döblin und Stefan Zweig empfohlenen Erzählband, Ekstasen, der von den Zeitgenossen höchst zwiespältig aufgenommen wurde. »Außerordentlich quälend und unerfreulich« seien ihre Stoffe, Zeugnisse eines »durch die Psychoanalyse verjauchten Gehirns«. So wurden dann auch (bis auf den Roman Das Weib ist ein Nichts, 1929) ihre weiteren Werke nicht mehr zum Druck angenommen: Die Kurzgeschichtensammlung Quer durch die Krise ist bis heute verschollen und der Roman Bin ich ein überflüssiger Mensch? blieb bis lange nach ihrem Tod unveröffentlicht.

In diesem Band sind zum ersten Mal alle Erzählungen von Mela Hartwig gesammelt: die Novellen aus dem berühmten Erstling Ekstasen, andere Erzählungen aus deren Umfeld (z. T. nur im Nachlass vorhanden), die 1936 in einem französischen Exilverlag gedruckte Novelle Das Wunder von Ulm und die einzige nach 1945 noch erschienene Prosaveröffentlichung Georgslegende.

Wie wenige andere Autoren steht Mela Hartwig zwischen den Polen des Expressionismus, mit seiner überreizten Sinnlichkeit und seinen stilistischen Neuerungen, und der nüchternen Beschreibungskunst der Neuen Sachlichkeit. Immer aber behandelt sie unerschrocken, mit großer Kunstfertigkeit und gestaltender Intelligenz schmerzhafte und daher gerne verschwiegene Themen. Keine Autorin hat in ihren neurotischen Frauenfiguren solche Weiblichkeitsentwürfe gewagt, keine hat aber auch wie sie die sozialen Realitäten ihrer Zeit, Arbeitslosigkeit und mörderischer Antisemitismus, gestaltet.

Presse

»Eine Erbin Kleists (…) Mela Hartwig, die literaturhistorische Entdeckung der letzten Jahre.« (Hannelore Schlaffer, FAZ)

»Hartwigs ständiger Wechsel von heißer Emotion und eisiger Analyse zieht unvermindert in den Bann – eine Wiederentdeckung.« (Der Spiegel)

»Demütigende materielle Einschränkungen, Behördenwillkür und unerwiderte Liebe: aus dieser Mischung ergibt sich der explosive Cocktail für den Furor der hartwigschen Heldinnen.« (Der Bund)

»Mela Hartwigs Erzählungen bewegen und fesseln mehr denn je und haben sich einen festen Platz in der Geschichte der Literatur erobert.« (Literatur-Report)

»Die wilden zwanziger Jahre der Literatur – im Hintergrund die Psychoanalyse Sigmund Freuds.« (Reinhold Tauber, OÖ Nachrichten)

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