Buchcover
Mela Hartwig

Bin ich ein überflüssiger Mensch?

Roman
2001
gebunden , 13 x 21 cm
176 Seiten
Mit einem Nachwort von Bettina Fraisl
ISBN: 9783854205746
€ 18,00

AUTOREN

Textauszug

Ich bin Stenotypistin. Ich habe nahezu ein Dutzend Dienstjahre hinter mir. Ich stenographiere äußerst flink und bin flotte Maschinschreiberin. Ich erwähne das nicht, um damit zu prahlen. Ich erwähne es nur, weil ich feststellen will, daß ich zu etwas tauge. Denn ich bin ehrgeizig.
Ich bin ehrgeizig, ich wiederhole es. Ich bin verzweifelt ehrgeizig, obwohl ich Ursache genug hätte, bescheiden zu sein. Ich muß zugeben, daß ich alle Ursache hätte, das Defizit, das zwischen meinen Fähigkeiten und meinen Ansprüchen besteht, durch Genügsamkeit auszugleichen.
Ich bin fleißig, gewissenhaft, leidlich verläßlich, aber ich kann mich weder einer besonders raschen Auffassungsgabe, noch der Initiative rühmen, die zu einer einigermaßen leitenden Stellung befähigt. Ich kann also kaum damit rechnen, jemals zu einer vorteilhafteren Position zu gelangen. Und ich habe noch mindestens 20 Dienstjahre vor mir. Ich sage mindestens und sollte eigentlich sagen: bestenfalls. Denn in 20 Jahren werde ich 50 Jahre alt sein.
Was mir fast ebenso schmerzlich fehlt wie die Sicherheit, die jegliche Fähigkeit und Begabung verleihen, ist die Sicherheit, die ein Körper, auf den man sich verlassen kann, gewährt. Ich bin nicht schön, ich bin nicht häßlich. Ich habe ein Gesicht, das weder angenehm noch unangenehm auf­fällt, das weder anziehend noch abstoßend ist, das man einfach nicht beachtet. Ich kann mir, glaube ich, das Geständnis ersparen, daß ich schön sein möchte. Das ist selbstverständlich. Aber ich beteuere, daß ich zuweilen häßlich sein möchte, abstoßend häßlich. Ich kann nicht erklären, weshalb ich zuweilen abstoßend häßlich sein möchte. Vielleicht, weil man mich dann beachten müßte, vielleicht. Aber das ist nur eine Vermutung von mir, erklären kann ich es wirklich nicht.

Im Mittelpunkt dieses 1930 entstandenen Romans steht eine Frau, die mit sich uneins ist, eine »Neurotikerin«, die mit jedem Schritt an die ihr auferlegten Begrenzungen stößt: eine unscheinbare und sehr entbehrliche Sekretärin ohne besondere Fähigkeiten, die eines Tages einer erotischen Obsession verfällt. Ein im Gestus des schonungslosen Geständnisses formulierter Roman einer unerhörten Selbsterniedrigung, präzise in der messerscharf geschilderten sozialen Situation der frühen 30er Jahre lokalisiert.

Presse

»Ein unscheinbares Bürofräulein verfällt einer erotischen Obsession. Mela Hartwigs Roman ist das Geständnis einer unerhörten Selbsterniedrigung: ein aufreizendes, unvergessbares Buch.« (Karl Woisetschläger, Die Presse)

»Die virtuosen Geständnispraktiken von Hartwigs Heldin fügen den literarischen Bürogeräuschen in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg eine wichtige Stimme hinzu.« (Jutta Person, Süddeutsche Zeitung)

»Die zu Unrecht vergessene Mela Hartwig hat einen zutiefst ehrlichen Roman geschrieben über die Kraft, die es braucht, nichts Besonderes zu sein.« (Facts)

»Beeindruckend, wie die Autorin den Zusammenhang von Arbeit in labilen Angestelltenverhältnissen, entfremdeter Sexualität und der Massenkultur als Ort verborgener Sehnsüchte und enttäuschter Erwartungen reflektiert. Eine wirkliche Entdeckung.« (Bernhard Fetz, Neue Zürcher Zeitung)

»Der ständige Wechsel von Leidenschaft und kalter Beobachtung macht Hartwigs Büroroman, der in Form eines gehetzten Geständnisses geschrieben ist, unerhört modern und spannend.« (Katrin Hillgruber, Frankfurter Rundschau)

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