Buchcover
Oksana Sabuschko

Planet Wermut

Essays
2012
gebunden , 13 x 21 cm
168 Seiten
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil
ISBN: 9783854207955
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Ich erinnerte mich an einen Typen, der sich als »langjähriger Bewunderer« vorgestellt und sich auf einem schicken Empfang mit familiärer Geste und gezückter Visitenkarte an mich rangeschmissen hatte (ein hochgestellter Jurist, tatsächlich, wenn auch schon etwas in die Jahre gekommen, hatte er sich doch ganz gut gehalten), dabei auf eine frühere Bekanntschaft mit meinen Eltern anspielend, was ihm augenblicklich in der Schar der zahl- und namenlosen »Bewunderer« einen Sonderplatz einräumen sollte … Ich fragte meine Mutter dann auch, ob sie einen gewissen M. kenne, und es stellte sich heraus, dass vor einem Vierteljahrhundert, in jenem schrecklichen Jahr 1973, in dem ich – ein verängstigter Teenager – mit anschauen musste, wie Leute in Militäruniformen meinen schlagartig gealterten Papa, einen Schatten seiner selbst, aus der Wohnung abführten, gerade jener M. assistierte, und zwar äußerst eifrig, auch bei den Verhören meiner Eltern durch den KGB, und mit akademischen Federn geschmückt Material für seine Dissertation über Dissidenten sammelte (die er, seiner jetzigen Position als Jurist nach zu schließen, seinerzeit auch erfolgreich zu Ende brachte). »Irre!«, meine Mutter und ich lachten auch nur darüber (der Vater, wie alle Männer aus zerbrechlichem Material, fertig gemacht, konnte nicht mit uns zusammen lachen: Er ist ungefähr vor 20 Jahren gestorben, bald nach dem Arrest) – irre, dass dieser Arsch es nun wagte, mir in die Augen zu sehen und dabei seine KGB-Vergangenheit den Leuten gegenüber zu erwähnen, die, und sei es auch nur mittelbar, seine Opfer sind/sich als seine Opfer sehen?

Die UKRAINE, das ist für den durchschnittlich gebildeten Mitteleuropäer: ein fortwährend auf den Außenpolitikseiten der Zeitungen diskutiertes Land, das ist Tschernobyl, das ist der Holodomor, eine der größten – und künstlich herbeigeführten – Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts, das ist der schon Jahrzehnte dauernde schwierige Weg zur nationalen Selbstfindung, und das ist Oksana Sabuschko, die wütendste und leidenschaftlichste epische Stimme dieses Landes. In ihren Romanen und Essays, Analysen und Kommentaren wird sie nicht müde, die verkommene Moral der herrschenden Klasse anzuprangern und deren Wurzeln in den Geschichtsmythen des Landes offenzulegen.

Glauben Sie aber bloß nicht, das alles seien rein ukrainische Probleme und gingen uns nichts an! Der Umgang mit der Geschichte, mit Fragen des Geschlechterverhältnisses, mit Sexualität, mit Kolonialismus, das führt tief in die moralische Verantwortung jedes Einzelnen hinein, und niemand analysiert diese Verflechtungen lebendiger, kraftvoller und unverwechselbarer als Oksana Sabuschko, deren Romane ja immer für beides gerühmt werden: ihren Stil und ihren politisch-philosophisch-historischen Horizont.

Planet Wermut enthält Aufsätze über Fußball und Tschernobyl und Lars von Trier, über die politische Verantwortung im Zeichen virtueller Realitäten und – mit ihrem Essay über die Autorin in kolonialen Kulturen – einen programmatischen und für das ganze östliche Europa grundlegenden Text zu Feminismus und Postkolonialismus.

Presse

»Ganz und gar außergewöhnlich. Hemmungslos angriffslustig und voller Angriffsflächen. Ironisch, pathetisch, tieftraurig und versiert mit den neuesten Diskurswerkzeugen hantierend.« (Hans-Jost Weyandt, Spiegel Online)

»Die ukrainische Powerfrau Oksana Sabuschko schreibt über Korruption und Verantwortung, Tschernobyl und Fussball. Mit kaltem Verstand und heissem Zorn.« (Martin Ebel, Tages-Anzeiger)

»Der titelgebende Aufsatz ist ein Geniestreich. Klügeres als diese 60 Seiten voll intellektueller und rhetorischer Brillanz über das ›Land an der Grenze‹ zwischen Ost und West lassen sich schwer finden.« (Erich Klein, Falter und Ö1 ex libris)

»Kaum ein Autor versteht es derzeit so gut wie sie, politische und literarische Werte in einem Werk zu vereinen.« (Christoph Hartner, Kronen Zeitung)

»Brillant formulierte Gedankengänge.« (Bruno Lässer, Vorarlberger Nachrichten)

»Sabuschko ist eine Meisterin des assoziativen Schreibens. Das verleiht ihren belletristischen Arbeiten einen besonderen Sog, einen großen narrativen Flow, der niemals nur an der Oberfläche bleibt.« (Katharian Granzin, Frankfurter Rundschau)

»Bittere und wortgewaltige Analysen« (Bernadette Lietzow, Tiroler Tageszeitung)

»Eine streitbare und hellsichtige Essayistin.« (Ulrich M. Schmid, NZZ)

»In Ihrem Essayband verbindet Sabuschko das Politische mit dem Literarischen. Sie zeichnet ein Bild ihres Landes und greift universelle gesellschaftliche Probleme auf.« (Erika Achermann, St. Galler Tagblatt)

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