Literaturverlag Droschl
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Ilma Rakusa
Mehr Meer
Erinnerungspassagen
2009

Textauszug:

Auch heute noch beuge ich mich mit derselben Faszination über Atlanten, Straßenkarten, Stadtpläne. Aus den grünen Schraffuren der Pripjetsümpfe, den blauen Bändern von Dnjestr und Bug ersteht mir eine Landschaft vor der Landschaft, mit eigenen Koordinaten, Formen, Farben. Gehörtes klingt mythisch hinein (Urheimat der Slaven etc.), und Ortsnamen wie Halytsch, Brody oder Drohobycz beginnen zu erzählen, als genügte ihre bloße Nennung. Was ich dann wirklich (wirklich) sehe, ist eine Art Déjà-vu: die Birkenwälder, die struppigen Flussufer, das galizische Hügelland. Farbige Bauernkaten, umgeben von Gemüsegärten und Gänseteichen. Zwiebelkuppelige Kirchen mit angrenzendem Friedhof. Neu sind die Gerüche. Und immer überraschend der Mensch in der Landschaft.
Ein solcher Mensch bin ich selbst. Ausgesetzt im Moment der Reise, in diesem stotternden Expresszug Moskau-Czernowitz (Moskwa-Tschernowzy). Ja, ich sitze auf abgewetzten Kunstledersitzen, wische mit einem Papiertaschentuch den tagealten Staub von der Rücklehne. Der Zug ruckelt, bleibt stehen, kommt wieder in Fahrt. Tee wird angeboten (nicht aus dem Samowar), die Fenster sind schmutztrübe und das WC ein unangenehm zugiger Ort. Draußen zieht die imaginierte Landschaft vorbei. Zeit kommt ins Spiel, sie kippt hin und her, vor und zurück. Dieses Gefühl hat mir der Atlas nicht vermittelt. Diese Zeitreise nicht. Und nicht den ätzenden Geruch nach Kartoffelfeuern.
Die Überraschungen nehmen kein Ende. Angekommen in Czernowitz, ertönt aus den Lautsprechern des prunkvollen kakanischen Bahnhofsgebäudes russische Marschmusik, wie in tiefsten sowjetischen Zeiten. Kulisse und Geist in krassem Widerspruch. Vom Ghetto ganz zu schweigen. Die abschüssigen Straßen schauen leer.
Aufgerissenes Pflaster, das Gehen fällt schwer.
Reisen, das sagt mir mein Atlas nicht, tut weh. Reisen ist eine physische und – wie in Czernowitz – eine seelische Strapaz. Weil die steingewordene Geschichte und die Gegenwart, weil imaginierte Vergangenheit und triste Realität aufeinanderprallen. Dazwischen (dazwischen) klafft nichts.


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