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Anna Kim
Die gefrorene Zeit
Roman
2008

Textauszug:

Vermissen ist eine Form des Erinnerns, sagst du. Es ist abhängig von der Qualität des Gedächtnisses, vergisst man leicht, vermisst man weniger. Diese Gleichung geht nicht auf, du vermisst manchmal Menschen, Situationen, die du nie kennengelernt hast, in die du nie geraten durftest; dann vermisst du die Vorstellung von etwas, das es in Wirklichkeit nie gab, du vermisst nichts, das unendlich viel ist, und gerade weil es nie wirklich wurde, kannst du das Vermissen selbst nicht aufgeben.
Du hast einmal gesagt, vermissen sei wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die unfreiwillig und ungeschickt nachkoloriert wurde, sodass manche Farben stärker ins Auge stechen als andere, manche Bereiche wiederum fast unsichtbar sind; und war nicht auch die Rede von Gestank, schrecklichem Gestank, der dich verfolgt, nicht bloß einen Kanaldeckel lang? All das beschreibt es nicht annähernd, nicht wahr, vermissen ist schließlich das langsame Verlieren im vollen Bewusstsein des Verlierens, die Art und Weise, wie sich der Verlust eines Teils deiner Identität äußert, daher auch das Warten, verzweifelte Warten, Hoffen auf Heilung, Hoffen auf das Rückgängigmachen der Trennung.
So sitzt du vor dem Fenster, in dem sich Zeit anders verhält, als du es bisher gewohnt warst, und gleitest schließlich hinein. Plötzlich gibt es nur noch Zeit, alles Tun löst sich auf in Zeit, wird von ihr verdünnt, existiert nicht mehr oder vegetiert als Schatten seiner selbst. Und es ist dir Recht, denn deine ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf den Moment der Wiedervereinigung, nie geht es dir um die ersten drei Wochen oder Jahre, die zukünftigere Zukunft, denn es gibt sie nicht, deine Zukunft endet mit dem Auftauchen von Fahrie, ach Unsinn, natürlich gibt es sie, sie ist nur noch nicht relevant, alle Pläne warten mit dir, mit euch –
allmächtiges Warten: Beim Warten übernimmt Dauer dein Leben. Dauer teilt sich unablässig, ohne sich wesentlich zu verändern; sie bewahrt und häuft Vergangenheit in der Gegenwart an, somit ist sie ebenfalls ein Gedächtnis, das eine Mehrzahl von Augenblicken zu einem zusammenzieht. Dauer kann mit sich selbst verschmelzen, sie kann aber auch andere entdecken, sie aufsaugen und sich ausweiten. Sie kontrolliert alles, und alles, was von ihr ablenkt, wird gestrichen; sie streicht allmählich dein Leben zusammen.
Dieses Warten, sagst du, ist unverzeihlich.


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