NEUERSCHEINUNGEN
LITERATURVERLAG DROSCHL



                          


   

Yisang

Mogelperspektive
Das poetische Werk

»Die aufregendste lyrische Neuerscheinung des koreanischen Herbstes ist die Mogelperspektive.« (Heinz Müller, Buchhändler heute)

»Yisang gilt als der wichtigste, ja konstituierende Dichter der Moderne in Korea.« (Komittee Korea-Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse)

»Der Dichter Yisang hat den Dadaismus und den Surrealismus nach Korea gebracht. Mit einem Mal war die literarische Moderne da, nachdem sich das Land für Jahrhunderte der Außenwelt gegenüber verschlossen hatte.« (Katharina Borchardt, Die Zeit)

»1937 im Alter von nur 27 Jahren gestorben, hinterließ Yisang ein die literarische Moderne Koreas nachhaltig prägendes Werk. Dieser Zyklus dunkler, sehnsuchtsvoller Lyrik stellt den Dichter erstmals in deutscher Übersetzung vor – eine Entdeckung!« (ZDF)

Yisang ist »ein Meister der spektakulären Gedichtanfänge und findet (…) immer wieder zu so prägnanten wie verstörenden Bildern, zu Zeilen, die schlicht umwerfend sind.« (Jan Wagner, Frankfurter Rundschau)

»Es ist ein großes Verdienst des Literaturverlags Droschl in Graz, dass soeben eine ganz zentrale Gedichtsammlung Yisangs, der Zyklus Mogelperspektive von 1934, in hübscher Aufmachung und mit einem klugen Nachwort versehen erscheinen konnte. (Jörg Drews, buchjournal)

»Yisang gilt tatsächlich als der ungewöhnlichste unter den modernen Dichtern Koreas.« (Ludger Lütkehaus, NZZ)




Den meisten mitteleuropäischen Lesern ist nicht bewusst, dass sich die Moderne nicht nur auf den Schauplätzen der europäischen (und nordamerikanischen) kulturellen Inszenierungen ereignete, sondern auch, z.B., in Ostasien. In Korea etwa war der Dichter Yisang in den 20er und 30er Jahren des 20. Jhds. eine solche Figur des kulturellen Umbruchs, deren Bedeutung mit den Jahren nur noch zunahm und beinahe zu mythischer Größe anwuchs. Der Autor, der seinen bürgerlichen Namen gemeinsam mit seiner bürgerlichen Existenz ablegte und mit dem Pseudonym Yisang zeichnete, starb mit 27 Jahren nach einem unsteten Leben in der Hauptstadt der Kolonialmacht Japan, das damals Korea besetzt hielt, an Tuberkulose, knapp nach seiner Verhaftung wegen »ungesunden Gedankenguts« (nämlich antikolonialistischer Gesinnung). Heute zählen seine Werke, die er in wenigen Jahren schrieb, zu den Grenzsteinen der Moderne in Korea. Dieser Band, Mogelperspektive, stellt den Dichter zum ersten Mal auf deutsch vor. Yisang steht mit seinem gesamten Werk für eine existenzielle Unsicherheit, für eine kontinuierliche Selbst-Erfindung. Krankheit und Spiegel sind häufig wiederkehrende Metaphern. Sein dichterischer Umgang mit unterschiedlichen Rollen ist kein bloßes Spiel wie bei seinen surrealistischen Zeitgenossen, sondern die riskante Verwandlung eines umrissenen Subjekts in eine Folge von Rätseln. So üben auch seine Gedichte (die meisten sind Prosa-Gedichte) einen dunklen, schwer erklärbaren Reiz aus, dessen Kern sehr oft in ihrer Körperlichkeit liegt.



       


   

Textauszug

1
ich bin in einem raum ohne spiegel. auch das spiegel-ich ist ausgegangen. ich fürchte mich jetzt vor dem spiegel-ich und zittere. wo ist das spiegel-ich wohl hingegangen und was plant es mir anzutun.

2
sünde brütend schlief ich im ausgekühlten bett. an meinem eindeutigen traum nahm ich nicht teil, und ein holzbein im springerstiefel verschmutzte das weiße blatt meines traums.

3
heimlich gehe ich in einen raum mit spiegel. um mich aus dem spiegel zu befreien. aber das spiegel-ich kommt mit bedrückter miene genau zur gleichen zeit herein. das spiegel-ich zeigt mir sein bedauern. so wie ich seinetwegen eingeschlossen bin, ist es meinetwegen eingeschlossen und zittert.

4
mein traum, an dem ich nicht teilnahm, mein spiegel, in dem mein gefälschtes ich nicht auftritt. der nutzlose, der meine nutzlose einsamkeit begehrt. ich beschloß zuletzt, mein spiegel-ich zum selbstmord anzustiften. ich zeigte ihm eine luke ohne ausblick. eine nur zum selbstmord taugende luke. doch solange ich mich nicht umbringe, könne es sich nicht umbringen, unterrichtet es mich. das spiegel-ich ähnelt beinah dem unsterblichen phönix.

5
ich panzerte meine linke brust an der stelle des herzens mit kugelfestem metall, zielte auf die linke brust des spiegel-ichs und drückte ab. die kugel durchbohrte die linke brust, doch sein herz sitzt rechts.

                          


   




                          


   



Yisang, 1910 in Seoul als Kim Hae-Kyong geboren, gilt als der wichtigste Dichter der Moderne in Korea. Noch während seines Architekturstudiums veröffentlichte er erste (auf Japanisch geschriebene) Gedichte, betrieb eher erfolglos mehrere Cafés und war eine unübersehbare, dandyhafte Erscheinung im gerade zur Großstadt anwachsenden Seoul. Er starb, aus politischen Gründen inhaftiert, in Tokyo 1937 an Tbc.
Sein in etwa sechs Lebensjahren entstandenes Werk umfasst insgesamt 100 Gedichte, einen Roman (Der 12. 12., 1930), fünfzehn Erzählungen und fünfzig Essays. Der Zyklus Mogelperspektive erschien 1934 in der Tageszeitung ›Choson Mitte‹, erregte aber Anstoß bei den Lesern und mußte nach der 15. Folge abgesetzt werden.
                          


   


Mogelperspektive
Das poetische Werk

Aus dem Koreanischen von Marion Eggert, Hanju Yang und Matthias Göritz
Mit einem Nachwort von Hanju Yang und einer Einleitung von Marion Eggert

184 Seiten, 21 x 13 cm, französische Broschur
ISBN 3-85420-696-8
€ 19.-

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Stand vom 6. 12. 2005