NEUERSCHEINUNGEN
LITERATURVERLAG DROSCHL



                          


   

Monique Schwitter

Wenn's schneit beim Krokodil
Erzählungen

Robert Walser Preis 2006
Hermann-Lenz-Stipendium
Auszeichnung der Stadt Zürich
Preis der Marianne und Curt Dienemann Stiftung

»Monique Schwitter debütiert mit einem rasanten Erzählband.« (Samuel Moser, NZZ)

»Sehr starke Frauenfiguren … Monique Schwitter hat eine spannende, harte und eindringliche Art zu schreiben.« (Hardy Ruoss, 52 Beste Bücher, DRS)

»Ein überzeugendes Debüt .« (Kulturplatz, Schweizer Fernsehen)

Aus der Jurybegründung für den Robert-Walser-Preis 2006: »Das Spiel von Täuschung und Offenbarung, Annäherung und Zurückweisung prägt Monique Schwitters erotisierende Prosa.«

»Schwitter versetzt ihre Figuren mitten hinein in tragische oder komische, verstörende oder ganz alltägliche Situationen. Und was dort mit ihnen passiert, ist nicht nur für den Leser überraschend. Denn wie Schauspieler schlüpfen sie plötzlich in Rollen, die nicht die ihren sind und werden von den Ereignissen mitgerissen.« (Brigitte)

»Wunderschöne Momentaufnahmen … beachtlich« (Frido Hütter, Kleine Zeitung)

»Jede Geschichte lebt ihr eigenes Universum, die Erzählungern verketten und verdichten sich durch das Talent Schwitters, Situationen hörbar und sichtbar zu machen, zu einem besonderen Erzählband.« (Saskya Rudigier, anschläge)

»Spielerisch und sympathisch wirken die Texte, weil Monique Schwitter auf jegliches Psychologisieren verzichtet. Stattdessen nimmt die Autorin ihre Figuren, wie sie gerade sein möchten … Schwitters Erzähldebüt ist etwas vom Reizvollsten, was die Schweizer Literatur in jüngster Zeit hervorgebracht hat.« (Gieri Cavelty, Tagesanzeiger)

»ein glänzendes Debüt, Schwitters Erzähltalent entfaltet sich in den schlichten zwischenmenschlichen Situationen, die sie entwirft und gnadenlos durchspielt.« (Oliver Meier, Berner Zeitung)

Schwitter ist eine »smarte Beobachterin, mit viel Gefühl für Details« (Astrid Schwarz, ORF) und »regt zum Reflektieren über unser Dasein an« (Heinrich Boxler)

»Zart und behutsam balanciert die Autorin zwischen zerbrechlichen Momenten und abgründigen Erlebnissen. Monique Schwitter glänzt in ihrem Debütband als smarte Beobachterin. Mit wenig Pathos aber viel Gefühl für Details.« (Astrid Schwarz, Ö1 ex libris)

»Monique Schwitters Texte sprechen eine munter-freche, dem Slang junger Menschen nachgebildete, stark dialogische Sprache, sie wirken direkt und unmittelbar und stecken jenseits aller selbstverliebten Larmoyanz ein breites Themenspektrum ab.« (Charles Linsmayer, Weltwoche)

»Die fein komponierten Texte verdienen höchstes Lob.« (Silja Ukena)

»Monique Schwitter erzählt zupackend, vielschichtig und mit Humor.« (Christine Lötscher, Tages-Anzeiger)

»Ein Debüt, das durch kecke Sprachbilder und eine anziehende Klarheit imponiert« (Beat Mazenauer, Schweizerische Depeschenagentur))




In den Erzählungen von Monique Schwitter wird gespielt, sehr ernst und auf hohem Niveau; ihre Personen wissen, dass sie spielen – auch wenn sie es ernst meinen. Sie können gar nicht anders: das Als-ob ist ihnen zur Notwendigkeit geworden, egal ob es um sexuelles Begehren geht oder um anderes, egal ob sie ihre eigene Ironie durchschauen oder nicht. Die Intelligenz, mit der Monique Schwitter diese ernsthaften und manchmal durchaus heftigen Simulationen transparent macht, ist so groß wie das Vergnügen, das die Lektüre bereitet.

Eine schonungslose und neugierige neue Erzählerin, und die Erzählungen sind ihre Sonden, mit denen sie das Unbekannte abtastet.

Diese Geschichten sind geschrieben mit einem unerbittlichen Auge für Situationen, in denen alles offen ist und aus denen noch alles werden kann, und mit dem scharfen Gehör für die Sätze, die Menschen im Offenen miteinander wechseln. Zwei junge Frauen auf einer Parkbank, eine Rotweinflasche, und zwischen ihnen ein offenes Schweizermesser. Sie denken sich Indianernamen füreinander aus und die Frage »Sag mal, wieviel Erfahrung hast du eigentlich mit Frauen« hängt in der Luft. Oder: Eine Frau kehrt auf Weihnachtsurlaub in die Heimatstadt zurück; diesmal erwartet sie ein anonymer Brief mit einer Verabredung im Zoo, »wenn's schneit beim Krokodil, sonst beim Kamel«. Alle möglichen Absender passieren vor ihrem inneren Auge Revue – und damit auch alles, wofür ›Heimat‹ steht, ein ganzes »Erinnerungspaket« aus Kindheit, Jugendzimmer, Lehrerin, Männern. Oder: Eine Autofahrt mit einem fremden Mann in einem fremden Land, sie fotografiert durch die verschmierte Scheibe die Straße voller plattgefahrener Tiere, »soundsoviel Katzen, Frösche, Füchse, Marder, Vögel.«



       


   

Textauszug

Vertraut, sagte sie. So empfinde ich uns.
Sie rieb die große Klinge ihres Schweizermessers am Stoff ihrer Hose, knapp seitlich unter dem Schambein.
Das tut sie absichtlich, dachte ich und versuchte, nicht hinzuschauen.
Ich konzentrierte mich auf meine Zigarette und zählte die Farben der Asche, während ich mir ihren nackten Schoß vorstellte. Ich fand kein Bild dafür. Immer wieder sah ich nur meinen eigenen vor mir, den einzigen, den ich je aus der Nähe betrachtet habe. So nah es halt geht. So nah eine Frau sich selber eben kommen kann, mit den Augen.
Total verdreckt, sagte sie und schabte mit ihrem rechten Daumennagel an der Klinge, mit sehr schnellen Bewegungen, Flinker Daumen, fiel mir ein, ich lächelte unsichtbar. Seit Jahren, einem Jahrzehnt, länger, wie lange eigentlich hatte ich dieses Spiel nicht mehr gespielt, das Indianernamenspiel.
Ich stellte mir ihren Daumen an, um und in ihrem Schoß vor, der aussah wie meiner.
Findest du nicht, fragte sie. Ihr Daumen unterbrach die Putzarbeit, sie sah mich an.
Ich spürte ihren Blick auf meiner Backe, der linken, der schönen Backe.
Es zuckte in mir.
Ich entschloß mich, ihren Blick zu erwidern, als Zeichen meiner Offenheit.
Ich sah sie an. Ich wußte, ich hatte zu lange geschwiegen, um nein zu sagen.
Ja, sagte ich. Ein wackliges Ja, ein Ja, das nachdenklich wirken wollte, mit einem langen a, mit einem kleinen Fragezeichen, einem kleinen nur, das Ja wollte nicht fragen, es wollte nur möglichst unbestimmt sein, das Ja wollte so tun, als hätte ich die ganze Zeit nur darüber nachgedacht. Über die Vertrautheit zwischen uns.
Das Ja sollte mich und meine schmutzigen Gedanken tarnen, es sollte ein Attest meiner Ernsthaftigkeit und Tiefe sein.
Sie sah mich unverwandt an. Sie wollte mehr hören, mit meinem Ja kam ich nicht davon.
Ich mußte eine Entscheidung treffen.
Hast du dir als Kind auch Indianernamen ausgedacht, fragte ich sie und lächelte schelmisch.




© Jacques Gilbert

                          


   



Monique Schwitter, Schweizerin, Katholikin, abergläubisch, bewegte Jugend, Magistra, Schauspielerin, Vegetarierin, Hundehalterin, Autofahrerin, Drogenkonsumentin, gewaltbereit und liebesbedürftig, launenhaft aber unkompliziert, stets auf der Flucht, am liebsten Richtung Berlin. Scheint in Hamburg (St. Pauli) zu wohnen. Narbe neben der rechten Schläfe, tätowiert. Augen braun, Haare braun, 1,70 m, derzeit 62 kg (morgen bestimmt weniger), stark kurzsichtig. Trägt zur Tarnung Perücken, Brillen, Mützen; spricht ausgefallene Dialekte und 23 Fremdsprachen. Möglicherweise im Besitz einer Waffe.

Monique Schwitter erhielt für ihr Prosadebüt den Robert-Walser-Preis 2006, den Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung 2006, das Hermann-Lenz-Stipendium 2005, eine Auszeichnung im Bereich Literatur (Halbes Werkjahr) der Stadt Zürich und den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung Luzern.


Wenn's schneit beim Krokodil
Erzählungen

184 Seiten, 21 x 13 cm, gebunden
ISBN 3-85420-694-1
€ 19.-

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Stand vom 13. 7. 2006