NEUERSCHEINUNGEN
LITERATURVERLAG DROSCHL



                          


   

Wolfgang Matz

Gewalt des Gewordenen
Zu Adalbert Stifter

Zum 200. Geburtstag des Dichters:
eine großartige Einführung in sein Werk.

»Viele tiefe Stifter-Gedanken, virtuos auf 100 Seiten verdichtet.« (Die Presse, Spectrum)

»Ein ausgezeichneter Überblick über das Werk Stifters.« (Der Standard)

»Matz erfasst Haltungen, die im Verhältnis von Mensch und Welt grundlegend sind; die Kapitelüberschriften des Essays kündigen diese an: Dingwelt, Naturverfallenheit, Nichtsein, Ordnung, Tradition.« (Hannelore Schlaffer, NZZ)

»Wolfgang Matz erschließt Stifters Texte neu und bläst energisch den Staub weg.« (Der Bund)

»Auf kanpp hundert Seiten gelingt es Matz, die Facetten von Stifters ›Fatalismus dem Faktischen‹ gegenüber herauszuarbeiten.« (Heribert Kuhn, Frankfurter Rundschau)

»Der Aufsatz von Wolfgang Matz, ungemein konzentriert und sprachlich konkret, bringt auf den Punkt, was viele Stifter-Leser vielleicht schon immer geahnt haben. Die Argumentation ist philosophisch und gut lesbar. (…) Der Essay ist auch für einen im Werk Stifters nicht so gut orientierten Leser mit großem Gewinn zu lesen.« (Helmut Sturm literaturkritik.de)




Einer der großen österreichischen Dichter des 19. Jahrhunderts, Adalbert Stifter, wurde vor 200 Jahren, am 23. Oktober 1805, geboren. Wolfgang Matz, Autor der jüngsten Biographie Stifters, hat mit Gewalt des Gewordenen eine feinfühlige, philosophisch durchdachte und sprachlich prägnante Darstellung der Welt Adalbert Stifters geschrieben. In 10 Kapiteln nähert er sich dem Kosmos dieses als Landschafts- und Naturdichter gerühmten, als reaktionärer Idylliker abgelehnten Dichters, und vor unseren Augen entsteht eine Szenerie höchster Dramatik: ein Werk, in dem das Erhabene, die Schönheit des Natürlichen ständig in ein finsteres Prinzip der Gewalt umschlägt, in dem jede Landschaft zur Naturkatastrophe zu werden droht, in der die Menschen unbegreiflichen Mächten ausgeliefert sind. Die Angst davor, die gleichzeitig die Angst vor den ungebremsten vitalen Kräften ist, wird zur Angst vor der geschichtlichen Bewegung als solcher und ist wohl verantwortlich für die Seiten Stifters, in denen Erbaulichkeit und idyllische Selbstzufriedenheit uns als etwas typisch ›Biedermeierliches‹ erscheinen wollen. Klug und überzeugend arbeitet Wolfgang Matz die Dialektik von Stifters Werk heraus, »daß Angst und latenter Wahnsinn da endgültig zum Durchbruch kommen, wo äußerlich die ihnen entgegengesetzten Kräfte vorherrschen, wo Ordnung, Konstruktion und Vernunft das Chaos und die Leidenschaft bezwungen zu haben scheinen.«

Ein im besten Sinne gedankenreicher Essay, eine großartige Einführung in Stifters Werk und ein glänzendes Beispiel für die Kunst der Literaturwissenschaft.




       


   

Textauszug

Stifter lebt in Feindesland. Er steht als ganz und gar vereinsamtes Subjekt im Zentrum einer Welt, die ihn bedroht. Im Laufe seines Lebens macht ihn die Angst er­starren, die Flucht versagt er sich, nicht wissend, was auf ihrem Wege seiner harrt. Er registriert bewegungslos: Dies macht ihn zum Dichter. Und ins wahrhaft Große wächst sein Dichtertum da, wo er dessen eigenes Wesen nicht länger romantischen Topoi anpaßt, sondern es zu gestalten sucht in all seiner Kargheit und Starre. Stifter lebte reagierend; er war überlegener Herr weder seines Lebens noch seiner Kunst. Er erstrebte die dichterische Reinheit, doch immer deutlicher geriet ihm der Abdruck seiner Gegenwart, der er doch zu entrinnen suchte. Das Bild einer Epoche verdankt sich nie nur ihrem eigenen positiven Selbstverständnis, und so ist das Biedermeier nicht allein die geschlossene, selbstzufrieden in sich ruhende Welt der Spießbürger, sondern ist gleichermaßen und vielleicht noch mehr die Kultur des reaktiven Rückzugs, der Angst. Der Bürger richtet sich ein in seiner Wohnung, die ihn gleich einer Burg gegen die Welt zu schützen hat; die sich füllt mit Gegenständen, die Besitztum sind und die das Haus erst zum eigenen machen. Die Wohnung des Biedermeier ist bis an den Rand mit toten Dingen gefüllt: mit Möbeln, Bildern, Vasen und Teppichen, mit Andenken, Schränkchen und Uhren, und jedes Ding hat für den Besitzer seinen eigenen Sinn wie ein Planet im Gleichgewicht der Gestirne. Doch die leblosen Dinge ändern ihr Gesicht. Der Tod, der ihr We­sen ist, überträgt sich auf das Haus und seine Bewohner. Der Tod beginnt zu leben; all das, was der Mensch sich zu unterwerfen suchte, wird zu Einem gegen ihn: Zwischen Tieren und Dingen schließt sich die Kluft und sie werden sich gleich darin, daß sie ihren Herrn bedrohen. Die ganze Welt, vor der er sich zurückziehen wollte und die er zugleich zu beherrschen glaubte, wird ihm zu einer Fremde, in der aus jedem Sofakissen böse Augen glühen, über jedem Fluchtweg der Tod lauert.

                          


   




                          


   



Wolfgang Matz, geboren 1955 in Berlin, lehrte von 1987 bis 1995 deutsche Sprache und Literatur an der Universität Poitiers und arbeitet seitdem als Verlagslektor in München.
Er veröffentlichte zahlreiche Essays zur deutschen und zur französischen Literatur, wurde als Übersetzer mit dem Paul Celan Preis und dem Petrarca-Preis ausgezeichnet und ist Herausgeber von Adalbert Stifters Sämtliche Erzählungen in der Fassung des Erstdrucks (2005).
Buchveröffentlichungen: Musica humana. Versuche über Ernst Blochs Philosophie der Musik (1988), Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. Biographie (1995) und Julien Green. Das Jahrhundert und sein Schatten (1997).
                          


   


Gewalt des Gewordenen
Zu Adalbert Stifter

ESSAY 53

104 Seiten, 18 x 11,5 cm, Broschur
ISBN 3-85420-691-7
€ 12.-

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Stand vom 3. 11. 2005