AUTORENPORTRAITS
LITERATURVERLAG DROSCHL




© Gabriela Koch



Jürgen Lagger, geboren 1967 in Villach, besuchte eine Gartenbauschule, studierte Architektur und Philosophie, arbeitete in diversen Baumschulen und Architekturbüros, lebt in Wien.
Er veröffentlichte bisher in mehreren Literaturzeitschriften und Anthologien, 2002 erschien sein Roman Kreuzblütler. Er erhielt u.a. das Wiener Autorenstipendium 2002 und den Förderungspreis des Theodor Körner Fonds 2004. 2005 erschien bei Droschl sein Band Öffnungen.



Jürgen Lagger
Öffnungen
Ein Maßnahmenkatalog

Ein Körper ist eine verletzliche Sache: seine Oberfläche ist dünn, sie umhüllt das darin Geborgene nie vollständig, es gibt Falten und Öffnungen, an denen ein Austausch von außen nach innen und von innen nach außen jederzeit stattfinden kann. Die Integrität des Körpers ist labil, das angestrebte ›geschlossene System‹ stellt sich unangenehmerweise als allzu offen heraus. Dass die Öffnungen, sobald es sich nicht etwa um Wohnungen handelt, sondern um den menschlichen Körper, zudem auch noch eng mit Sexualität verknüpft sind, macht die Sache noch prekärer …

»Lagger unternimmt in seinem ebenso radikalen wie intelligenten Buch Öffnungen den Versuch, die Einsamkeit des Menschen in ein prägnantes Bild zu fassen. Er tut das mit diagnostischem Blick und der klirrenden Kälte seiner Sprache. (…) Jürgen Laggers Körperparabel ist ein philosophischer Diskurs mit den Mitteln der Literatur. Ein konsequenter Angriff auf die Behaglichkeit der Belletristik, dessen Mut selten geworden ist. Die Öffnung des Titels bedeutet keine Versöhnung mit der Welt, sondern sie meint jene dunklen Zwischenräume, in denen die existentielle Ungemütlichkeit immer noch haust.« (Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung)

»Jürgen Laggers Roman über einen sich selbst recherchierenden Helden ist geradezu sensationell witzig. (…) Hinter dem Begriff Maßnahmenkatalog tun sich freilich wunderbar scharfe Notizen auf, die manchmal ein Gedicht sind, dann wieder ein genau kalkulierter Lexikoneintrag, oder eine Schlauheit aus dem Alltagsleben.« (Helmuth Schönauer, Buchkultur)

»Auf einen Punkt zuorientierte Sprache, fein und aufregend klar. Die Dinge beinahe zärtlich distanziert benennend und Gedanken von unglaublichem Scharfsinn und Präzision. Dahinter, dazwischen: der Humor, frappierend! Das Buch: wichtig: lesen!« (Erika Wurzenrainer, DUM)

Lagger gelangt zu »tiefsinnigen philosophischen Erkenntnissen. Erkenntnissen von höchster Abstraktion und großem existenziellen Pathos.« (Michaela Schmitz, Büchermarkt)

»ein vergnügliches sprachphilosophisches Experiment« (Harald Klauhs, Die Presse)




Jürgen Lagger führt in seiner Erzählung einen ziemlich exzentrischen Helden vor, dessen stabile Welt langsam zu zerfallen beginnt, dessen Lebens- und Denksystem durch diverse ›Öffnungen‹ instabil zu werden droht. Mit dem Voranschreiten der Geschichte spinnt sich dieser L. in eine so bizarre wie zwingende Wahnidee hinein, der sich schließlich seine ganze Weltwahrnehmung und mit ihr der gesamte Text unterwirft. Von der wimmelnden Welt der Ameisen, die in der Wohnung auftauchen und L.s Denken ganz auf die Gebärmaschine Ameisenkönigin hin zwingen, bis zu zerbrechenden Eierschalen: das Oppositionspaar ›offen – geschlossen‹ wird allmählich zum bestimmenden Element in seiner Welt, und er zieht die brutalen Konsequenzen. Mit einer erstaunlich ungerührten Sprache, die in der Lage ist, diesen Gegensatz zu vermitteln zwischen der Enge und Systematik der Zwangsidee und der Freiheit der Handlungs-Alternativen, geht Jürgen Lagger dieser Geschichte bis zu ihrem erschreckenden Ende nach: ein fatal glückliches Ende für den Protagonisten – und ein drastisch anschauliches Bild für das zwangsläufige Endziel der Angst vor Offenheit.




                          


   

Textausschnitt


# über Öffnungen

Wäre so ein Körper, so L., ja geradezu abenteuerlich schlecht organisiert; angefangen bei all den von der Basis unbotmäßig abstehenden Dingen, wie: Finger/ Zehen/ Ohren, überhaupt: Gliedmaßen aller Art, die nichts weiter darstellten als Vergrößerungen der Oberfläche/ die ausschließlich zusätzliche Angriffsfläche böten.
Und, so L. weiter, gar nicht zu reden über: körpereigene Öffnungen/ diverse Löcher (jedes davon einer eigenen/ speziellen Funktion zugeordnet), die alle irgendwohin ins Innere führten/ in die man oben Nahrung stopfe, die verdaut bei anderer Öffnung wieder heraustrete/ die schleimige Auswürfe absonderten/ die Luft einsögen und wieder ausstießen/ durch die ständig fremdartige Dinge in den Körper eindrängen/ lange Wege durchliefen und deren Fortgang man selbst eigentlich gar nicht wirklich verfolgen könne;
warum nicht, wenn man schon auf einer Öffnung nach außen bestehe, warum man sich nicht beschränke auf: 1 universal nutzbares Loch?
warum eigentlich nicht direkt aus der Lunge pfeifen?
warum überhaupt dieser ganze umständliche Austausch?


# über Sichtbares

Spätestens jetzt also:
einfach abwenden den Blick;
einen Schritt beiseite treten;
den augenscheinlich notwendigen/ angemessenen Abstand einnehmen, in bequemer Haltung;
rückblickend sich beliebiger Betrachtung hingeben;
dann nach einer Weile: Weltwesentliches mit sich nehmen/ mit einschließen in zu konzipierende/ auszuformende Kapsel, fugenlos;
schließlich: bestehende Verbindungen kappen;
sich unaufgeregt loslösen;
solcherart die Türen endgültig schließen.

   
   




Jürgen Lagger
Öffnungen

128 Seiten
21 x 13 cm, gebunden
ISBN 3-85420-680-1
€ 16.-

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Stand vom 23. 3. 2006