NEUERSCHEINUNGEN
LITERATURVERLAG DROSCHL



               Sebastian Kiefer
Was kann Literatur?

Eine kämpferisch-radikale Attacke
gegen die Beliebigkeit von Behauptungen in der Literaturkritik.

»Kiefers brillanter Essay zeigt, was aus dem Nachdenken über Literatur werden kann, wenn es sich hinter dem Schreibtisch germanistischer Wortbürokratie hervortraut.« (Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung)

»Kiefer beschert einem Lektüreglücksgefühle und – oh doch – Erkenntnisgewinn.« (Markus Köhle)




»Der werdende Dichter hat nichts, letztlich nicht einmal sich selbst, sondern nur den Satz und seine Erscheinungsweisen, das spannungsvolle Verhältnis des Satzes zu unseren Vorstellungen von ihm und zu seinen Teilen, die den Aufstand proben«.
Diese Erkenntnis ist die Grundlage einer Untersuchung, in der Sebastian Kiefer vorführt, wie Literatur zu betrachten und zu bewerten wäre, würde ihr dieselbe methodische Aufmerksamkeit zuteil werden wie den anderen Künsten, etwa der Musik und der Malerei. Anders als die Bildende Kunst hat die Literatur nie eine systematische – und vor allem: bleibende – Modernisierung erlebt; die Grundlagen für poetisches Sprechen sind seit Klopstock und Hölderlin kaum ernsthaft untersucht und noch viel weniger ernst genommen worden.
Sebastian Kiefer, seit seinen streitbaren Aufsätzen und Analysen zu Paul Celan oder Franz Josef Czernin kein Unbekannter mehr, führt in faszinierenden Detailstudien an Hölderlin, Gertrude Stein, Brecht, Bobrowski, Priessnitz und Schmatz vor, wie Poesie [das Machen, Verfertigen!] als eine besondere Arbeitsweise am Satz adäquat zu lesen und zu verstehen ist. Er plädiert sogar in echter Bauhaus-Manier für einen »Ton-Satz-Unterricht«, in dem »Satz-Modelle im historischen Bedingungsfeld« erlernt und angewendet werden sollen, was nichts anderes heißt als das Verhältnis von Laut, Körper, Bewusstsein und Welt jeweils neu zu organisieren.



              

       

Sebastian Kiefer, geboren 1961, lebt als Musikwissen-schaftler, Dozent, literarischer Essayist in Berlin.




                          


   

Textausschnitt


Literatur, jahrhundertelang die Königsdisziplin der Schönen Künste, ist mittlerweile verwaist: Jeder Komponist, jeder Maler, jeder Tänzer, jeder Architekt durchläuft einschlägige Akademien, die mehr oder minder autonom einen darstellungssystematischen »Kanon« pflegen und entwickeln dürfen; die Literatur hat sich im 19. Jahrhundert vom Rhetorikunterricht gelöst und wurde entlassen an die Marktbedürfnisse einerseits, das Autodidaktentum andererseits. Heute pflanzt sich die Mehrheitsliteratur daher eher fort wie einstige volkstümliche Gattungen, sagen wir der Blues oder der Beat oder der Swing: durch theorieloses praktisches Imitieren, um das »Feeling« reproduzieren und modifizieren zu können – wobei die Rolle des »Feelings« in der Literatur der Stoff, die Spannung, die Einfühlung, die Pointe, das Erlebnis usf. übernommen haben.

Im musikalischen »Ton-Satz«-Unterricht heißt, eine Sprache sprechen lernen: Satz-Modelle im historischen Bedingungsfeld erlernen und selbstständig anwenden zu können. Diese Form der Kunstlehre zu übernehmen, dürfte zu den sichersten Mitteln gehören, um das Absinken der Literatur ins intuitive Imitationslernen rückgängig zu machen. Dem literarischen Darstellungssystem entsprechend, in dem die satzartigen Grundstrukturen stets (versuchte) Bezugnahmen auf Anderes sind, aber die Erscheinungsweise des Satzes zentral ist, muss der literarische »Ton-Satz« zweisträngig aufgebaut sein: einerseits die morphologische, körperliche, energetische, musikalische, performative und visuelle Erforschung des Satzes und seiner Bauelemente; andererseits die Theorie und Praxis des Bezugnehmens. In der Interferenzzone beider Sphären entstehen die literarischen Modelle des satzartigen Bezugnehmens – »Texte«.

   
   




Sebastian Kiefer
Was kann Literatur?
ESSAY 55

184 Seiten
18 x 11,5 cm, Broschur
ISBN 3-85420-698-4
€ 15,50

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Stand vom 20. 6. 2006