NEUERSCHEINUNGEN
LITERATURVERLAG DROSCHL



               Thomas Jonigk
Vierzig Tage
Roman

»In rasantem Tempo, oft beinahe atemlos, zeichnet Thomas Jonigk das Bild eines Lifestylejunkies, der mit seinem Leben nicht mehr klar kommt. Unglaublich präzise, ohne Umschweife fängt der Autor das Bild einer am Rande der Selbstzerstörung stehenden Gesellschaft ein.« (ORF)

»Das Bemerkenswerte und Fesselnde an Vierzig Tage ist die Skurrilität und Dramatik der Geschichte, in die der Autor seine Leser mitreißt.« (Rhein-Neckar-Zeitung)

»Thomas Jonigk treibt seinen Jan in atemlosem Rhythmus durch 40 Regentage und ebenso viele Obsessionen zu Selbsterkenntnis und Rettung.« (Tiroler Tagenzeitung)




Die Welt ist eine Katastrophe. Luftangriffe, Kampfflieger, Verletzte, Tote – und jetzt beginnt es auch noch für 40 Tage und Nächte zu regnen. Alles ist schief gelaufen. Jan Jonas' Vater ist eines Tages tot, wer weiß, möglicherweise hat er, sein Sohn, ihn umgebracht. Und damit beginnt für Jan eine dramatische Reise hin zu seiner eigenen Vernichtung – oder ist das, was da am Ende in einem grünen Kleidchen winkt, vielleicht doch das Glück? Mit ungeheurem sprachlichem Furor, mit Witz, Drastik und Anspielungsreichtum führt Thomas Jonigk den Leser in ein Spiegelkabinett des Schreckens. Aber wo der Schrecken groß ist, ist auch die Aufklärung, das heißt der Kommissar, nicht weit. Der virile, gut aussehende mutmaßliche Vatermörder trifft auf den gütig-gelassenen, hässlichen Kriminalkommissar und wird süchtig nach dessen Geschichten und Gleichnissen. So wie der Roman sein Gesicht wechselt – von der zynischen Darstellung eines restlos entfremdeten Sexualneurotikers über die Krimi-Parodie zur psychotherapeutischen Selbstfindung –, so verändert sich auch die Identität des Helden: wer ist das, der da am Schluss, Arm in Arm mit dem froschgesichtigen Mädchen, gemeinsam mit anderen glücklichen Paaren in die Arche geht? Ein schmerzhafter, furchtbar komischer Roman über Verwundungen und Narben, Welthaltungen und Schuld und Sühne, und gleichzeitig ein großes literarisches Vergnügen.



              


© Isolde Ohlbaum

       

Thomas Jonigk, 1966 in Eckernförde geboren, studierte Mediävistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft. Gemeinsam mit dem Regisseur Stefan Bachmann gründete er die freie Berliner Theatergruppe ›Theater Affekt‹, war als Dramaturg in Theatern und Opernhäusern u.a. in Berlin, Bonn, Zürich, Wien und Lyon tätig und arbeitete als Regisseur an der Volksbühne Berlin und am Schauspielhaus Wien.

Seit 1994 werden seine Theaterstücke mit Erfolg aufgeführt (u.a. Du sollst mir Enkel schenken, 1994, Rottweiler, 1994, Täter, 1999, Triumph der Schauspielkunst, Dramolett zu Cechovs ›Kirschgarten‹, 2000, Die Elixiere des Teufels, nach Motiven von E.T.A. Hoffmann, 2003, Heliogabal, Libretto zu Peter Vermeersch, 2003, Ach!, Monolog, 2004. Sein erster Roman Jupiter erschien 1999.

1995 von ›Theater heute‹ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt, 1997 Drama Logue Critics Award for Outstanding Achievement in Theatre in den USA, 2001 Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles.

Im März 2006 ist er mit dem Godard-Projekt am Theater Luzern; im September 2006 wird sein neues Stück Hörst du mein heimliches Rufen am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt.




                          


   

Textausschnitt


Kopflose Männeraugen auf Frauenbeinen, Lauras Beine winden sich hochhackig durch Tischzwischenräume, schlanke Waden in Nylonstrumpfhosen, ein Kaffee für die Dame, ich bitte sehr, sie ist bereits abgewendet, als sie das sagt, ihr Blick wandert von dort zu Irene, zu ihren Beinen, sie sind stämmig, vollständig unbehaart, lebenserfahren, blaue Äderchen fließen als Rinnsale in Fußrichtung. Am Nebentisch sitzen zwei Beinpaare, das eine übereinandergeschlagen, schlank, braungebrannt, das andere nebeneinander, keine Zellulitis, prototypisch, nichts. Darüber eine Stimme, sie sagt, danke der Nachfrage, es geht wieder, nur die Depressionen sind schwierig, mein Arzt sagt, ich soll Psychopharmaka nehmen, aber ich will das nicht. Eine zweite Stimme reagiert entgeistert, um Gottes willen, will sie wissen, warum nicht?

Es ist zwölf Uhr fünfundfünfzig, das macht zwei achtzig, sagt Irene, stimmt so, vielen Dank, am anderen Tisch sind es sechzehn vierzig, darf ich bei Ihnen schon abkassieren, danach übernimmt dann meine Kollegin, natürlich, selbstverständlich, einen Augenblick, sagt die junge Frau, die immer nach Räucherlachs riecht, Fischverkäuferin vermutlich, denkt sich Irene, plötzlich sonderbar zufrieden mit sich und ihrem Dienstverhältnis, ich fühle mich irgendwie komisch, sagt die junge Frau und reicht Irene einen Zwanzig-Euro-Schein, auf dem Weg hierher habe ich beobachtet, wie eine Gruppe von Männern eine Frau ausgeraubt und vergewaltigt hat. Möglicherweise Feministin, denkt Irene missmutig, was waren das für Männer, fragt sie freundlich in Aussicht auf steigendes Trinkgeld, ich glaube, sagt die Frau, es waren eher Jugendliche, das Ganze hat circa zehn Minuten gedauert, die Frau tat mir unheimlich leid. Sie haben sich doch nicht etwa eingemischt, empört Irene sich, so was geht leicht nach hinten los. Nein, sagt die Frau, natürlich nicht, aber trotzdem, ich weiß nicht, der Rest ist für sie, sagt sie und schiebt Irene einen Euro herüber, sie nimmt ihn und lächelt, im Umwenden verdreht sie die Augen, Frauen, denkt sie und geht.

   
   




Thomas Jonigk
Vierzig Tage

168 Seiten
21 x 13 cm, gebunden
ISBN 3-85420-700-X
€ 16.-

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Stand vom 8. 5. 2006