NEUERSCHEINUNGEN
LITERATURVERLAG DROSCHL



Doris Byer
Essaouira, endlich

Ein Blick auf eines unserer Lieblingskonsumgüter: unsere Reisen und Fluchten in fremde Kulturen.

»Doris Byer ist ein spannendes Werk zwischen den literarischen Gattungen gelungen.« (Karl-Markus Gauss, NZZ)

»In Zeiten von islamischem Terror und anti-islamischem Rassismus leistet Byer einen spannenden Beitrag dazu,
mehr voneinander zu wissen und historische Kontinuitäten in der Beziehung zwischen Islam und Westen
besser zu verstehen.« (Simon Hadler, Literatur und Kritik)

»Ein Sachbuch über Fremde, Liebe, Religion und Sexualität, zu lesen wie ein Roman.« (Schweizer Illustrierte)

Kaum jemand, der nicht schon davon geträumt hat: aus den Zwängen und Verpflichtungen des Alltags aufzubrechen, der eigenen Kultur zu entfliehen und im warmen Süden, in Asien, Afrika, der Karibik ein neues Leben zu beginnen, mit neuen Beziehungen, anderen Tätigkeiten, anderer Sexualität. Die Zahl der Migranten, die aus Europa und Nordamerika dann tatsächlich in die Entwicklungsländer des Südens ziehen, nimmt sich zwar im Vergleich mit den Migrationen in die andere Richtung bescheiden aus, ist aber doch ein zentrales Phänomen unserer Gesellschaft. Die Wiener Historikerin und Kulturanthropologin Doris Byer hat an einem der bevorzugten Orte dieser Sehnsucht gelebt und dort auf Tonband und Papier aufgezeichnet, wie die Realität aussieht, die hinter diesen Träumen vom kulturellen Orts- und Identitätswechsel steht. Sie studierte die Begegnung der Kulturen in einer marokkanischen Hafenstadt, die seit Jahrhunderten einen Kreuzungspunkt verschiedener Gruppen darstellt: Berber, Araber, Schwarzafrikaner, Juden, Europäer der Handelsmächte und Kolonialimperien, dann Beatniks und Hippies, Künstler, Geschäftsleute und Abenteurer bis hin zu expliziten Sextouristen homo- und heterosexueller Spielart beider Geschlechter. Byer hat die Begrenzungen ihrer wissenschaftlichen Disziplin in ihrem Buch auf spannende Weise übertreten: wir lesen keine kulturanthropologische Studie, sondern ein dicht verwobenes Geflecht von Lebensläufen, Ansichten, Einstellungen, von Begegnungen, Wunscherfüllungen und Enttäuschungen, Katastrophen und Glücksfällen. Sie hat die Immigranten genauso im Blick wie die Einheimischen, die ideologischen Programme hinter diesen transkulturellen Lebensentwürfen zwischen Islam und Christentum genauso wie deren alltägliche Bewährungsproben. Ihre Protagonisten sind weniger Objekte der Forschung als vielmehr siegreiche oder scheiternde ›Helden‹ eines Romans, in dem auch die Autorin eine Rolle spielt.

Und nicht zuletzt hat sie der Literatur einen schillernden neuen Ort dazugewonnen: Essaouira an Marokkos atlantischer Küste.





© Abderrazzak Ben Chaabane



Doris Byer, in Wien geboren, lehrt am Institut für Geschichte der Universität Wien Historische Anthropologie und Wissenschaftstheorie. Stationen in ihrem Leben und Arbeiten sind Jamaica, Marokko, die Salomon-Inseln, Marseille und immer wieder Wien.
In zahlreichen Publikationen thematisierte sie ›rassenkundliche‹ und anthropologische Diskurse des 19. und 20. Jahrhunderts, Kolonialismus und Postkolonialismus, sowie den Zusammenhang von individuellem Lebensentwurf, kultureller Repräsentation und politischer Geschichte.




                          


   

Textausschnitt


Omar sagte plötzlich: »Im Grunde verdienen all diese Typen ihr Schicksal.«
Er sagte: »Schauen Sie sich um, all diese Europäer leben doch nur hier, weil sie zu Hause irgendwelchen unerfreulichen Geschichten entfliehen wollten. Steuerflüchtlinge, Kinderficker, Betrüger in irgendeiner Form, zumindest Spekulanten, die die Armut im Land ausnützen.«
War das nicht etwas übertrieben?
Er sagte: »Übertrieben? nehmen wir nur die Spekulanten. In den Neunzigerjahren waren es drei oder vier Europäer, die hier die Häuser aufkauften und binnen vier Jahren die Preise in schwindelerregende Höhen trieben. Die Bestechungsgelder auch für die Umwidmungen der Liegenschaften waren bei ihren Geschäften schon einkalkuliert. Jetzt ist halb Essaouira in ausländischen Händen.«
Omar sagte: »Diese Ausländer, die hier leben, scheren sich doch ein Leben lang einen Dreck um diejenigen, die sie benützt haben. Sie hatten hier ihren Spaß auf Kosten des Elends. Was erwarten Sie denn von uns?«
Er sagte: »Und alle kommen mit ihren dreckigen Geschichten zu mir. Ich weiß nicht warum.«
Hinter seiner Freundlichkeit hatte Omars Abscheu einen langen Atem. Nicht nur von den in den letzten zehn Jahren zugezogenen Geschäftemachern kannte er alle Details, von verbotener Polygamie mit Frauen in mehreren Ländern bis zur Steuerhinterziehung und Pornoproduktion. Auch die intellektuellen Stars der Siebzigerjahre waren für Omar Wichtigtuer mit Allüren. Auch dem bekanntesten unter ihnen war seine akademische Arbeit doch nur Vorwand für seine sexuellen Exzesse.
Omar sagte: »Kein marokkanischer Student war vor ihm sicher. In den Hotels ließen sie ihn mit Minderjährigen nicht aufs Zimmer. Da fickte er sie in den Stiegenhäusern. Und heute noch gilt der Mann als Geistesriese.«
Omar sagte: »Und solche Leute sind Professoren an Universitäten, unterrichten junge Menschen und schreiben Bücher – und sie schämen sich nicht.«
Er sagte: »Aber, bitte, erklären Sie mir das: Wie kann jemand die Gesellschaft verstehen, wenn er nicht einmal Achtung vor seinem Nächsten hat!«

   
   




Doris Byer
Essaouira, endlich

312 Seiten
21 x 13 cm, gebunden
ISBN 3-85420-651-8
€ 23.-

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Stand vom 21. 9. 2004