Im Lande der Zauberei

 

Als ich ein weichgekochtes Ei öffne, finde ich eine Fliege darin.
Sie kroch aus dem lauwarmen, noch nicht geronnenen Eigelb hervor, rieb sich mühsam die Flügel und flog schwerfällig davon.
Jemand hatte sich wohl mir gegenüber diesen Scherz erlaubt. Soll ich dies hier überhaupt erwähnen? Ist das wert, Zauberei genannt zu werden ?
(Im Lande der Zauberei S.31)


AKZENTE Heft 4 / August 1981
E. M. Cioran
Michaux oder das Vertiefen
© CARL HANSER VERLAG, München

Jede innere Gewalttätigkeit ist ansteckend; die von Michaux mehr als alle anderen. Nie ist man nach einem Gespräch mit ihm demoralisiert. Letztlich ist es unwichtig, ob man ihn ununterbrochen frequentiert oder nur selten, vorausgesetzt, daß man in allen wesentlichen Situationen sich seine Reaktion, seine Äußerungen, vorzustellen versucht. Allgegenwärtiger Einzelgänger, stets ist er anwesend … nie wird er von dem, was in einem Leben etwas bedeutet, zu trennen sein.
   Diese Vertrautheit auf Abstand ist nur möglich mit einem »Obsedé«, der fähig ist, unparteilich zu bleiben, mit einem Introvertierten, der allem offen steht und bereit ist, über alles zu sprechen, sogar über das Tagesgeschehen. Seine Ansichten zur internationalen Lage, seine politische Diagnostik, seine Einschätzung des Fatalitätsgrades innerhalb der Kräfteverhältnisse, sie alle sind bemerkenswert zutreffend und oft prophetisch. Eine so genaue Perzeption der äußeren Welt zu haben und zugleich dahin gelangt sein, das wahnhafte Delirium von innen her zu erfassen, seine zahlreichen Ausformungen nachzuvollziehen und sie sich anzueignen, diese fesselnde und beneidenswerte Anomalie könnte ohne weiteres akzeptiert werden, ohne daß man versucht ist, sie zu verstehen. Dennoch möchte ich eine Erklärung vorschlagen, die notgedrungen nur annähernd ist. Nichts ist so anziehend, wenigstens für mich, wie mit Michaux ein Gespräch über Krankheiten zu führen. Man könnte meinen, er habe sie alle vorausgeahnt und befürchtet, erwartet und gemieden. Jedes seiner Bücher ist ein Parademarsch von Symptomen, von vorgefühlten und teilweise aktualisierten Spielformen, von ausgedachten und immer wieder durchdachten Krankheiten. Er besitzt eine außergewöhnliche Empfindsamkeit für die verschiedenen Modalitäten der Gleichgewichtsstörung. Was ist aber die Politik, diese niedere prometheische Verlockung, anders als eine ständige Gleichgewichtsstörung, als das Unheil par excellence eines größenwahnsinnigen Affen? Michaux, der am wenigsten neutrale, passive Geist, der mir bekannt ist, konnte nicht umhin, sich dafür zu interessieren, und sei es nur, um seinen Scharfsinn und seinen Widerwillen daran auszulassen.      
   Im allgemeinen zeigen die Schriftsteller, wenn sie die Aktualität beurteilen, eine lächerliche Naivität. Mir scheint es wichtig, hier eine Ausnahme anzuführen. Nur ein einziges Mal habe ich vermeint, Michaux auf frischer Tat zu ertappen, nicht der Naivität (dazu ist er rein physiologisch unfähig), sondern der »guten Meinung«, des Vertrauens, der Nachsicht, von etwas, das ich damals niedergeschrieben habe und hier wiedergeben möchte;      
   »Ich bewunderte ihn wegen seiner aggressiven Klarsicht, seiner Verweigerungen und Phobien, wegen der vielfältigen Formen seines Widerwillens. In der kleinen Gasse, in der wir uns seit Stunden unterhielten, sagte er mir aber an jenem Abend mit einem völlig unerwarteten Unterton der Rührung, daß der Gedanke an das Aussterben des Menschen ihn nicht ganz gleichgültig ließe … Darauf habe ich ihn stehen lassen und war überzeugt, daß ich ihm dieses Erbarmen und diese Schwäche nie verzeihen würde.«      
   Wenn ich aus einem undatierten Heft diese Aufzeichnung, die selbst so naiv wie nur möglich ist, hervorhole, geschieht es, um deutlich zu machen, daß ich selber damals ganz besonders das Ätzende, Gereizte, Unmenschliche an ihm schätzte, seine Ausbrüche und sein höhnisches Gelächter, seinen geschundenen Humor, seine »Berufung« als Konvulsionär und als Gentleman. Im Grunde schien es mir nebensächlich, daß er Dichter war. Einmal hat er mir gestanden, daß er sich selbst frage, ob er einer sei. Er ist es, das steht außer Frage, aber man kann sich vorstellen, daß er es auch nicht hätte sein können.      


 

AKZENTE Heft 4 / August 1981
Harald Kaas

Der Himmel des Spermatozoons der Krabbe

Jeder Garten ist grausam für die Bäume.
Michaux

© CARL HANSER VERLAG, München

Michaux entwickelt einen Gedanken, doch er bildet keine Konklusionen, sondern berichtet, was dem Gedanken unterwegs passiert. Der Gedanke schreitet nicht logisch fort, sondern analogisch, paralogisch. Aus allen Axiomen - mögen sie noch so feststehen - folgt eine unendliche Vielheit, die man nicht »durchlassen« kann. Diese Vielheit bildet die möglichen Ichs, die nicht zum Leben gelangt sind. Kämen alle Gedanken und die durch sie signalisierten Ichs zugleich zum Vorschein, so ergäbe sich eine »Gedankenmusik«, die es wahrscheinlich machen würde, daß man durch die Lektüre einer Seite eines beliebigen Buches über eine Unendlichkeit von Phänomen belehrt wird: »Aus den zehn Seiten des Taoteking von Lao-Tse müßte sich, wenn man sie richtig liest, auch der chinesische Schubkarren und das Schießpulver erschließen lassen, ebenso wie die asiatische Cholera, Sun Yat Sen und der Sieg über Japan.«
Doch zu dieser Gedankenmusik kommt es nie. Das Ich wird ausgesandt, hat Erlebnisse, kann aber, da es der Körperlichkeit ermangelt, nicht über sie berichten. Es bedarf eines zweiten Ichs, das die Situation beobachtet, und eines dritten, vierten, fünften, die darüber berichten. So erklären sich die Sprünge, Lücken, Wiederholungen in den Texten Michaux'. Ein innerer Dialog findet statt, ein Gespräch zwischen mehreren Ichs, die sich an verschiedenen Punkten des Raumes befinden, eines riesigen Treffpunkts von hundert Räumen, »die ineinandertauchen und in die mit uns zusammen die Dinge und die Wesen getaucht sind«.


 

DIE ZEIT 5.November 1998
Gabriele Killert

Ins innere Indien
Über den zornigen Reisenden Henri Michaux

Am Anfang war der Zorn. Der Zorn ist das Allerschönste an Michaux: So ein reiner, hochherziger Zorn. Er ist das Pfauenrad des Mystikers. Das periodische Kastagnettengerassel der sich sträubenden Moralisten-Federn. Eine unbezwingbare, durchaus animalische »Wollust für die letzten Dinge«, wie sie der gleichfalls zornige, in manchem verwandte Emile Cioran bei Michaux konstatiert hat. Henri Michaux – strenger Mann mit dem Ardenner Mönchskopf, den feinen glacialen Zügen um Augen und Mundwinkel. Monsieur Iceberg. Er soll nie gelacht haben. Um so besser. So hat er sich den Witz für seine Texte aufgespart und Paul Celan als Übersetzer Gelegenheit gegeben, sich auch von dieser Seite begnadet zu zeigen. »O Welt, erwürgte, gedrosselte Welt, Frostbauch! / Du nicht einmal Sinnbild, du Nichtigkeit und Nichts, ich gebe / kontra, kontra!«


 

Aufwachen können
Die Nacht läßt mich als Leiche zurück.
Die muß man wieder beleben.
Und dennoch habe ich am Morgen nicht den Eindruck, ein toter Körper zu sein.
Könnte man mich meinen Eindrücken entsprechend wahrnehmen, erschiene ich wie ein Wolkenmeer, ein flockig aufgequollenes Meer, ein riesiges Objekt, das zweifellos an die Stratosphäre angrenzt.
Ganz und gar Wolke, bin ich mir dennoch beständig darüber im klaren, daß es Feinde dieses Zustands gibt, daß ich demnächst wieder aktiv werden muß, entschlußbereit, kleiner Á, und daß es ratsam wäre, diese Richtung einzuschlagen (falls es nicht zu spät ist, jemals wieder aufzuwachen). Ich gehe sofort ans Werk.
Um es zu schaffen, um zu der Form zu gelangen, die mir als die für mich angemessenste vorschwebt, ziele ich tastend darauf ab, eine Form mit Füßen, mit Pfoten oder mit Pseudopodien zu werden.
Mit vielen Pfoten hoffe ich, den Boden schneller wiederzufinden, von dem ich mich gefährlich weit entfernt befinde.
Allerdings kann ich nicht damit beginnen. Da ich ein gasförmiger Planet (oder eine unermeßlich riesige chloroformierte Amöbe) geworden bin, kann ich das noch nicht.
Nur Mut! In dieser Masse steckt ein Wille. (1945)
(Passagen S.47)

 

 

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