Passagen

 

 
Das Kind ist mehr Mensch als der Mensch.

Ludwig XIII. machte mit acht Jahren eine Zeichnung, die der ähnelte, die der Sohn eines neukaledonischen Kannibalen anfertigte. Mit acht Jahren hat er das Alter der Menschheit, er ist mindestens zweihundertfünfzigtausend Jahre alt. Einige Jahre später hat er es verloren, er ist nur noch einunddreißig Jahre alt, er ist ein Individuum geworden, er ist nur noch ein König von Frankreich, eine Sackgasse, aus der er nie mehr herauskommt. Was ist schlimmer, als vollendet zu sein?

 

(beide aus Passagen)


 

AKZENTE Heft 4 / August 1981
E. M. Cioran
Michaux oder das Vertiefen
© CARL HANSER VERLAG, München

Seine Gewissenhaftigkeit hat ihn bis zum Fetischismus des Winzigen getrieben, der kaum mehr wahrnehmbaren psychologischen oder verbalen Nuance, die er mit atemloser Insistenz immer wieder aufgreift. Durch Vertiefung den Taumel erreichen: das scheint mir das Geheimnis seines Vorgehens zu sein. Lesen wir doch in »L´ Infini Turbulent« die Zeilen nach, wo er über sich selber aussagt, von »Blankheit durchbohrt« zu sein, wo alles blank, leer ist, sogar das »Zögern« und nicht minder das »Außersich-sein«. Danach gibt es nichts Blankes mehr, er hat es erschöpft, ausgemerzt. Sein besessenes Gieren nach Tiefgang macht ihn unmenschlich grausam, er vernichtet ein Trugbild nach dem anderen, verschont kein einziges, er rottet alle aus, indem er sich abgrundtief darin versenkt und ihrer Tiefe, ihrer nichtexistierenden Tiefe, ihrer radikalen Belanglosigkeit nachgeht.
   Ein englischer Kritiker fand diese Sondierungen schreckerregend. Ich hingegen finde sie positiv und geradezu anregend wegen ihrer fiebernden Ungeduld, alles zermalmen, aufreiben, damit meine ich: bloßlegen, erkennen zu wollen. Die Wahrheit ist letztlich nichts anderes als der krönende Höhepunkt einer Unterminierungsarbeit.

Obwohl er sich selber zu denen rechnet, die bereits erschöpft auf die Welt kommen, hat er seit jeher allen Betrug vermieden, hat weitergebohrt, gesucht. Nichts ist in der Tat so erschöpfend wie das unaufhörliche Streben nach Klarsicht, nach gnadenloser Erkenntnis. Einmal hat Michaux im Gespräch mit mir über einen berühmten Zeitgenossen, der von der universalen Gangräne, die sich Geschichte nennt, ganz fasziniert war, einen aufschlußreichen Ausdruck gebraucht: »geistige Myopie«. Er hingegen ist jemand, der den Imperativ zu sehen, in und um sich, nicht allein einer Idee auf den Grund (das ist einfacher als man glaubt), sondern dem geringsten Erlebnis oder Eindruck, zu weit getrieben hat. Setzt er nicht jede seiner Empfindungen einer Prüfung aus, in der alles mögliche mitspielt, Qual, unbändige Freude, Eroberungswille? Diese Passion, sich selbst zu erfassen, diese bis ins letzte gehende Bewußtheit lassen sich auf ein Ultimatum zurückführen, das er ständig an sich selbst richtet, auf einen verheerenden Streifzug, den er durch die undurchdringlichsten Bereiche seines eigenen Wesens unternimmt.


 


ESSAYS 2
Octavio Paz
Die Expedition ins Unendliche
© 1980 SUHRKAMP VERLAG, Frankfurt am Main

Die Nicht-Vision: fern der Gegenwart, der Geschichte, der Absichten, der Berechnungen, des Hasses und der Liebe, »jenseits aller Entschlüsse und Unentschlossenheit, jenseits jeder Vorliebe«, kehrt der Dichter zurück zu einer ewigen Geburt und lauscht dem »endlosen Gedicht ohne Reime, ohne Musik, ohne Worte, das unaufhörlich das Universum spricht«. Die Erfahrung des Göttlichen ist Teilnahme an einem Unendlichen, das Maß und Rhythmus ist. Zwangsläufig kommen einem die Worte Wasser, Musik, Licht, großer offener und widerhallender Raum über die Lippen. Das Ich verschwindet, doch die Lücke, die es gelassen hat, nimmt kein anderes Ich ein. Kein Gott, sondern das Göttliche. Kein Glaube, sondern das ihm vorhergehende Gefühl, das jeden Glauben, jede Hoffnung nährt. Kein Gesicht, sondern das Sein ohne Gesicht, das Sein, das alle Gesichter ist. Friede im Krater, Wiederversöhnung des Menschen – dessen, was vom Menschen bleibt – mit der totalen Anwesenheit.
Zu Beginn seines Experiments schreibt Michaux: »Ich will die mediokre Natur des Menschen erforschen.« Dieser Satz – übrigens auf das ganze Werk Michaux' und auf das jedes großen Künstlers anwendbar – erwies sich seltsamerweise als falsch. Die Erforschung zeigte, daß der Mensch kein mediokres Wesen ist. Ein Teil seiner selbst – von allem Anfang an vermauert und verdunkelt – ist auf das Unendliche hin geöffnet. Die sogenannte menschliche Natur ist ein Schnittpunkt anderer Kräfte. Vielleicht ist unsere Natur nicht menschlich.


 

E. M. Cioran
Immer dieser Abstand zwischen Empfindung und Bewußtsein, diese Überlegenheit dem gegenüber, was er ist und was er weiß. Weil er wie besessen auf Erkenntnis beharrt, ist es ihm gelungen, mit den Augen eines Fremden seiner eigenen metaphysischen Panik, seiner Panik überhaupt, zuzuschauen. Wir andere werden auf die Dauer von unseren Widersprüchen und Unverträglichkeiten geknechtet und gelähmt. Er aber hat es erreicht, Herr der seinigen zu werden, ohne zur Weisheit abzugleiten, ohne darin zu versacken. Sein Leben lang hat ihn Indien gelockt, glücklicherweise nur gelockt, denn hätte es ihn aufgrund einer fatalen Metamorphose schließlich doch verführt, geblendet, dann wäre ihm jenes Vorrecht abhandengekommen, das gerade für ihn so bezeichnend ist; mehr als einen Fehler zu besitzen, der zur Weisheit führt, und ihr zugleich von Grund auf widerspenstig zu sein. Vedanta, Buddhismus – welche Katastrophe, wenn er Gefallen daran gefunden hätte! Seine Fähigkeiten, sein Talent, maßlos zu sein, wären dadurch verlorengegangen. Die Befreiung hätte ihn als Schriftsteller vernichtet; heftige Aufwallungen, Qualen, Heldentaten, alles wäre dahin! Sein Umgang ist so anregend, weil er sich zu keiner Heilsformel herabgelassen hat, zu keinem Trugbild von Erhellung. Er schlägt nichts vor, er ist einfach, was er ist, verfügt über keine Rezepte der Gelassenheit, bleibt nie stehen, tastet umher, als wäre er nur ein Anfänger. Michaux akzeptiert den anderen nur unter der Bedingung, daß er ihm auch nichts vorschlägt.
   Ein Nicht-Weiser, ein Nicht-Weiser besonderer Art … Mich erstaunt am meisten, daß er seiner eigenen Intensität nicht zum Opfer gefallen ist. Diese Intensität gehört nicht zu den akzidentellen, schwankenden, die sich stoßartig offenbaren; sie ist beharrlich, bruchlos, besteht aus und in sich selbst, ist ihre eigene Stütze; unerschöpfliche Gebrechlichkeit, Seinsintensität, Ausdruck, den ich der Sprache der Theologen entnehme, der einzigen, die angebracht ist, um ein Gelingen zu bezeichnen.

 

 

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