Ideogramme in China

 

 
Jedes Schriftzeichen führt in Versuchung.

Jede Sprache ist ein paralleles Universum. Keine schöner als die chinesische.

 

(beide aus Ideogramme in China)


 

ESSAYS 2
Octavio Paz
Die Expedition ins Unendliche
© 1980 SUHRKAMP VERLAG, Frankfurt am Main

Malerei und Poesie sind Sprachen, mittels derer Michaux sich bemüht hat, etwas zu sagen, das eigentlich unsagbar ist. Als Dichter begann er zu malen, als er sah, daß dieses neue Medium ihm die Möglichkeit geben würde, das zu sagen, was seine Poesie nicht mehr sagen konnte. Aber geht es ums Sagen? Vielleicht hat Michaux nie etwas sagen wollen. All sein Trachten ist darauf gerichtet, mit diesem per definitionem unausdrückbaren und nicht kommunizierbaren Bereich in Berührung zu kommen, wo die Bedeutungen verschwinden, von der Evidenz aufgezehrt werden. Gehaltlose und überquellende Mitte, leer und voll von sich zugleich. Das Zeichen und das Bezeichnete – die Distanz zwischen dem Gegenstand und dem Bewußtsein, das ihn betrachtet – verflüchtigen sich angesichts der bedrückenden Anwesenheit, die nur ist. Michaux' Werk – Gedichte, wirkliche und imaginäre Reisen, Malerei – ist eine lange, in Windungen verlaufende Expedition in einige unserer Unendlichkeiten – die geheimsten, die fürchterlichsten und auch die lächerlichsten –, immer auf der Suche nach dem unendlichen anderen.

Michaux reist in seinen Sprachen: Linien, Worte, Farben, Pausen, Rhythmen. Und er scheut sich nicht, einem Wort das Rückgrat zu brechen, wie der Reiter, der nicht zögert, ein Reittier zu Tode zu hetzen. Um wo anzukommen? In diesem Nirgendwo, das überall ist und hier. Eine Vehikel-Sprache, doch auch eine Messer-Sprache und eine Grubenlampe. Eine Brenneisen-Sprache und eine Bandagen-Sprache, eine Nebel-Sprache und ein Nebelhorn im Nebel. Spitzhackenhieb gegen den Fels und Funke in tiefer Nacht. Die Worte werden wieder Werkzeuge, Verlängerungen der Hand, des Auges, des Denkens. Nicht-künstlerische Sprache. Scharfe und schneidende Worte, auf ihre unmittelbarste und aggressivste Funktion reduziert: sich Bahn zu brechen. Es handelt sich jedoch um eine paradoxe Nützlichkeit, da die Worte nicht mehr im Dienst der Kommunikation stehen, sondern des nicht Kommunizierbaren. Ein unmenschliches und vielleicht übermenschliches Unternehmen. Die außerordentliche Spannung der Sprache Michaux' rührt daher, daß ihre ganze stählerne Kraft von einem Willen gelenkt ist, der auf die Begegnung mit etwas abzielt, das das Unwirksame par excellence ist: der Zustand des Nichtwissens, das das absolute Wissen ist, das Denken, das nicht mehr denkt, weil es mit sich selbst eins geworden ist, die unendliche Transparenz, der unbewegliche Strudel.


 

DIE ZEIT 5. November 1998
Gabriele Killert
Reisen und Schreiben

Reisen und Schreiben: zwei parallele Suchbewegungen. Die Reise geht nicht im Text auf. Der Text ist nicht ihr Abbild. Keine Verschriftlichung von Erlebtem, das vor dem Wort bereits existiert hätte. Der Text selber ist Suche, Exploration. Es geht nicht ums Urteilen, sondern ums Losreißen. Schreiben als Exorzismus. Daher der Ruck, das Gewaltsame, Ruppige des Tons, das Litaneiartige, die vielen rhetorischen Wiederholungsfiguren, gestotterten Anläufe, die Brüche, Beobachtungssprünge, unvermittelten Kontradiktionen und bisweilen skurrilen Datierungen. Nur mühsam können wir den Verlauf der Reise rekonstruieren. Aber darauf kommt es Michaux eben nicht an. Dies sollte kein Reiseführer werden.


 

PASSAGEN 1956
Max Bense
© BECHTLE VERLAG, Eßlingen

Henri Michaux, geboren 1899 in Belgien, seit langem ansässig in Paris, hat eine Literatur, vor allem eine Prosa geschaffen, die der Form und der Substanz nach ihren natürlichen Ort zwischen Epik und Reflexion besitzt. Das gilt wie für fast alle anderen Bücher auch für die »Passagen«, Epizentren zahlloser schöpferischer Unruhen, – echte Modelle für die Zwischenprosa: ein Gedanke wird entwickelt, aber diese Entwicklung ist keine Schlußkette, sondern eine Erzählung, oder eine Fabel wird ausgebreitet, aber diese Ausbreitung erweist sich nicht als Wiedergabe eines Geschehens, sondern als die Analyse einer Wahrnehmung. Daher weiß man auch nie, ob hier eine verzweigte Einbildungskraft oder eine subtile Beobachtungstechnik am Werk ist, und nicht immer ist man sich im klaren darüber, ob man von einem Wirklichen oder Unwirklichen, von Konkretem oder Abstraktem betroffen ist.

Übrigens wird die Schönheit versteckt. Daß das möglich ist, hängt natürlich mit jenen Verwerfungen zusammen. Das Dürre, Kalte, Knöcherne, das Antiexpressive, das Dehydrierte der Michauxschen Sprache, in der das Bild nur im Schatten des Gedankens gedeiht und kein Wort die Befangenheit angesichts der Dinge los wird, verrät die außerordentliche Konzentration eines Bewußtseins. Diese Prosa brütet …


 

Die chinesische Sprache
Es gibt jedoch einen zwar nicht größeren, aber vielleicht beständigeren Zauber, nämlich das gesprochene Chinesisch.
Verglichen mit dieser Sprache sind die anderen schulmeisterlich, mit tausend Lächerlichkeiten behaftet und von der eintönigen, lachhaften Komik der Sprachen der Militärs. Genau das sind sie.
Die chinesische Sprache hingegen ist nicht wie die anderen beschaffen, nicht von einer drängelnden und gängelnden Syntax eingeengt. Die Wörter werden nicht hart, autoritär, methodisch und weitschweifend durch die Zusammenballung dröhnender Silben gebaut oder anhand der Etymologie. Der chinesische Satz gleicht schwachen Ausrufen. Ein Wort umfaßt kaum mehr als drei Buchstaben. Oft hüllt es ein zerfließender Konsonant (das n oder das g) in einen Gongschlag ein.
Um noch näher an der Natur zu sein, wird diese Sprache schließlich gesungen. Im Mandarin gibt es vier Töne, in den südchinesischen Dialekten acht. Keine Spur der Eintönigkeit der anderen Sprachen. Im Chinesischen steigt und sinkt man, steigt wieder, ist auf halbem Weg und schwingt sich empor.
Sie ist, sie spielt noch mitten in der Natur.
(Ein Barbar in Asien S.119)

 

 

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