
| In den fünfziger Jahren experimentierte Michaux mit Drogen in erster Linie mit Mescalin, Psilocybin und Haschisch und ihren Auswirkungen auf das Bewußtsein und die Wahrnehmung. Hauptsächlich in drei großen Büchern berichtete er über seine Erfahrungen: Armseliges Wunder (1956), Turbulenz im Unendlichen (1961) und Erkenntnis durch Abgründe (1961): |
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| Austellung der Neuen Galerie Graz 1998:
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| Erkenntnis durch Abgründe | |
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Man muß eine Droge genommen haben, um zu wissen, wie wenig das ist, das Bewußtsein, wie selten das ist, wie beliebig das ist, wie wenig angebracht, wie das sich quer stellt, wie wenig es »wir« ist und noch weniger unser Gut; Bewußtes, das uns die Hände bindet, das man überschreiten können muß, um eines zweiten Bewußtseins willen, Bewußtes, das bald zur Unzeit einzuschläfern, bald zur Unzeit aufzuwecken ist, Bewußtes, das loszulassen man lernen muß, wenn es sich zeigt, und das man wiederbeleben muß, wenn es verschwindet, das man vor allem in den außergewöhnlichen parapsychischen oder fast wunderbaren Zuständen nicht verschwinden lassen darf, außer man begnügte sich unterhalb dessen mit dem Wissen von Menschen, die gewiß außerordentlich sind, die aber doch vorgefaßte, anerkannte und im voraus gelenkte Vorstellungen haben; Bewußtes schließlich, das fast alle Mechanismen des normal Geistigen entwischen läßt, die man, wenn sie auch besonders, erstaunlich, unbekannt sind (wenn man Wert darauf legt, sie aufzuspüren), hinterrücks anfallen und angemessen unter Beschuß nehmen muß.
(Erkenntnis durch Abgründe S.234)
PASSAGEN 1956
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Max Bense Reise durch die Medikamente |
Man muß beachten, daß sich dieses experimentelle Denken nicht in schwankenden Schlußketten ausdrückt, vielleicht besteht es noch nicht einmal in seinen Versuchen mit der Wahrheit, es vollzieht sich offensichtlich als eine Differenzierung der Wahrnehmungen, die nicht den Gesetzen der Optik, sondern dem Maßwerk der Einbildungskraft gehorchen. Es ist nicht die klassische Form experimentellen Denkens, die dabei entsteht, der Essay; was sich bildet, sind vielmehr Kurzformen, die Gedanken, Sachverhalte, Themen nicht sagen wir wie bei Montaigne oder bei Bacon hin und her wenden, sondern zerstückeln, vergrößern oder verkleinern, die also wie Raster und Linsen wirken, indessen dem klassischen Essay das Kaleidoskop entspricht. Man muß auch darauf hinweisen, daß die Experimente Michaux' weder auf neue Gegenstände, noch auf die sprachliche Sichtbarmachung ihrer Funktion, ihrer Seinsbeziehungen aus sind, wie das bei Francis Ponge, dem anderen Pol der metaphysisch inspirierten methodischen Dichtung des gegenwärtigen Frankreich, etwa in "Le parti pris des choses" der Fall ist. Beim Autor der "Passages" handelt es sich vielmehr vor allem um den Entwurf, um die Konzeption neuer Substanzen und ihrer Attribute und Akzidenzen (wobei es fast den Anschein hat, als widme Michaux sein episches und spekulatives Interesse besonders den letzteren, also den zufälligen Eigenschaften, die er dann mit einem sichtlichen Behagen zu nuancieren pflegt). Es geht also um Materialien, um Stoffe, aus denen Gegenstände und ihre Funktionen herstellbar sind; es geht um eine kategorial tiefere Schicht als bei Ponge; es ist eine höchst somatische Seinsthematik, die Michaux entwirft, Gegenstände sind nur interessant unter dem Aspekt ihrer Materie und Funktionen nur im Hinblick auf das Medium, in dem sie ablaufen; also keine Tendenz auf Evidenzen oder Schemata, wohl aber auf Zustände, Modi, Vorgänge des Seins und des Bewußtseins: nicht umsonst ist die "Sensibilität" eine Voraussetzung seines Denkens und Schreibens, nicht umsonst hat er die "Reise durch die Medikamente" gemacht; stoffliche Bestimmungen scheinen ihm am wichtigsten zu sein, und das Vergnügen an Diagnose und Registratur wird immer häufiger zum eigentlichen Sinn der Wahrnehmung.
DIE ZEIT 5.November 1998
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Gabriele Killert Haschisch erklärt einem schlagartig den gesamten Orient |
Die Droge ausspionieren? Da fragt sich, wer hier wessen »Operationsvorgang« ist, wer wen in Schach hält. Jede Droge hat, wie es scheint, ihren eigenen starken Charakter und läßt sich so leicht zu gar nichts zwingen. Von den dreien, die Michaux auspobierte: Meskalin, Haschisch und den mexikanischen Pilz Psilocybin, verstand das Meskalin entschieden am wenigsten Spaß. Ungefähr soviel wie ein Zyklon oder ein Erdbeben, denn von der Art scheint der Angriff auf den visuellen Kortex zu sein. Im besten Fall erlebt man ein irres »Paradies« unendlich gesteigerter Sensationen. Eine Reizüberschwemmung bis zur völligen Selbstentfremdung, die Michaux, und nicht nur ihn, glauben ließ, einen Blick in die Abgründe des echten Wahnsinns geworfen zu haben. Wobei er schon ahnte, daß dies womöglich nur einer der vielen Trugschlüsse des Meskalins selber ist.
Der »Skandal« dieser Droge ist die mechanische Überfülle bombastischer Jahrmarktsensationen bei gleichzeitig völligem Gefühlsverlust, Verlust des Menschlichen. Und: gänzlicher Humor- und Poesieresistenz. Eine rasante Degeneration zu einem sensuellen Monstrum also. »Man geht nicht würdig daraus hervor.« Diese »moralische« Zerstörung ließ schon Baudelaire dem »ungeordneten Dämon« des Haschisch nicht durchgehen, der einem die Freiheit und den »unerläßlichen Schmerz« nehme. Mit Baudelaires Gedicht vom Haschisch, das gar kein Gedicht, sondern ein wunderschönes kluges Stück Prosa ist, kann es so leicht niemand aufnehmen. Auch Michaux' Text nicht, der zwar quasi gedichtförmig dasteht, aber doch mehr ein resteverwertendes Poem-Surrogat ist. Denn wie bei diesem Tohuwabohu der Erscheinungen, diesem »Nebel mit Volldampf« eine Handvoll Sinn herausgreifen? ,Wie eine Abwesenheit notieren, wenn man abwesend ist mit zerfetztem Bewußtsein
Bewußtlosigkeit abschätzen?« fragt Michaux selbst in seinem anschließenden, sehr erhellenden Gedankenglossar.
Und dann: das Psilocybin. Eine Harmonie-Droge, die aus einem Jäger ein frommes Lamm macht. Die ihn einebnet, zu einer knetbaren Masse verformt. »Ein Pilz gegen die Unabhängigkeit. Gegen die Einzigartigkeit
Ich hatte meinen Stil nicht mehr. Mein Stil hatte seine »Jähen« verloren
Eine ziemlich verpatzte Begegnung.«
Seiner »Jähen«, seines Zorns beraubt wie Samson seiner Haare. Von einem Pilz geführt, »dorthin, wo Gott ist«, wie die Indios sagen: für einen Mystiker wie Michaux wohl der größte Affront. Und das ist gut so, meinte Emile Cioran über den Freund, gut, daß Michaux nicht über den Fehler verfügte, der zur Weisheit führt. Daß er sich, trotz großer Versuchung, nicht zum Buddhismus noch zu irgendeiner anderen Form des Heils »herabgelassen« habe. Denn bei der Rettung wäre es um seine ganze Kraft und Maßlosigkeit geschehen gewesen.
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