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Michel Butor:
Die Figur des Leidenden ist in den ersten Büchern von Michaux von wesentlicher Bedeutung. So als wäre die völlige Gesundheit eine Unverschämtheit, eine unerhörte Unhöflichkeit.
Ich glaube, daß Michaux zur Familie der ultra-raffinierten Belgier gehört, für die der Humor ein Mittel ist, sich Freiraum zu schaffen, ein Mittel ein anderes Belgiertum zu erfinden.

 

Eleonore Frey:
Henri Michaux: von Sprachen und Schriften
Worum gehts? Am Anfang ist die WIEDERHOLUNG, sagt Michaux in seinem Essay Die Anfänge, der von den Entwürfen, den Zeichnungen der Kinder handelt. Es geht um Anfänge à la Michaux. Michaux: Wer er ist? Eine Feder ist er - richtig, er ist ein Monsieur namens Plume. Ein Strich ist er, eine Linie. Ein Klecks, der zerrinnt zum Gesicht, zur Quelle, zur Überschwemmung. Ein Fisch dann ferner, eine Luftblase, ein Schrei und bereits auch schon die Maus, die ihm unter der Hand lebendig wird und wegrennt, bevor sie fertig ist, und ihr Schweif bleibt ihm in der Hand. Michaux? Er ist sich abhanden gekommen. Ist außer sich, auf der Flucht. Hat sich verflüchtigt in einer Welt, die ständig auf der Flucht ist. Die keinen Umriß hat, keine Gestalt. Ob dort Wasser fließt? frage ich ihn. Ob dort die Sonne scheint? Wie soll er das wissen? Er hat kein Gedächtnis. Sein Blick ist jungfräulich. Was ihm gestern ein Berg war, ist ihm heute. Wer weiß. Ein Bergsturz, eine Schlucht? Er weiss es nicht. In jedem Augenblick wird er geboren und stirbt wieder. Versinkt, wohin noch nie je Welt war. In die Stille. Ins Nichts.

Dort, im Finstern, rollt er seine inneren Augen. Schläft. Träumt. Und wird geträumt dass er als Feuerregen vom Himmel fällt, sich zur Wolke ballt und zum Blitz wird. Und jetzt spricht er. Als Gelächter. Als Wind. Als Erdbeben. Im Schweigen spricht er jetzt hörbar. Und dann spricht er das Meer. Nur ein Wort. Aber ein Wort! Einsilbig. Wie die Wörter der Liebe. Wie das Wort Tod. Hingehaucht. Unendlich. Immer. Nie: Einen Augenblick spricht er vor sich hin. Was sonst. Und noch einen. Denn: Am Anfang ist die WIEDERHOLUNG. Der Anfang ist ein Echo. Es gibt keinen Anfang. Nie fing je jemand an. Denn wir ereignen uns in Anfängen. Seit je. Sind Anfänge, Experimente, Versuche, Zufälle; im Entstehen sind wir, im Gelingen, im Mißlingen, im Überfluß, im Zerrinnen, im Schwung - in drehenden, sich drehenden Linien sind wir (wie man in Michaux' Essay Die Anfänge lesen kann, der von den Anfängen der Kinderzeichnungen handelt) - sind wir Entwürfe, Würfe; sind wir Schrift, sind wir Zeichnung, sind wir Klecks, sind wir irgendetwas. Sind wir (jetzt, indem wir Leser sind) - sind wir, lesend:

In drehenden, sich drehenden Linien große, ungeschickte, sich überschneidende Kreise immer wieder von neuem noch und noch einmal wie man mit dem Kreisel spielt

Kreise. Verlangen nach dem Kreisförmigen Platz den Runden.

Am Anfang ist die WIEDERHOLUNG

Aneignung
die Kreise allein machen die Runde die Runde von man weiß nicht was
von allem
von Bekanntem und Unbekanntem, das vorbeigeht das kommt, das gekommen ist,
und wiederkommen wird.

Kreisende Linien, in der Gier einzuschließen (zu verstehen, zu halten, zurückzuhalten?)

Wirrwarr schließlich Verwirrte wimmelnde Fibrillen …

sind wir. Anfänge demnach. Zu irgendetwas. Zur Maus, die uns unter der Hand lebendig wird. Zu einem Atemzug. Zu einem WORT.

 

Helga Glantschnig:
Michaux – ein Anfälliger fürs Eis? ein Schlittschuhläufer? Nur wenn er die Augen schließt, nur dann tut sich vor seinem inneren Auge eine unermeßliche Eisbahn auf, der gefrorene Fluß, der den "Sportler im Bett", wie er sich selbst nennt, durch die Landschaft trägt, sodaß er inbr¨nstig ¨ber die eisige Fläche gleitet, getragen vom Schwung dieser unvergleichlichen Bewegung, gleichsam schwerelos, ohne je zu ermäden. Also abstrake, kompliziertere Wege, also ein Seelenverwandter, der sich aus tatsächlichen Eislaufplätzen nichts macht.

 

Ingram Hartinger:
Wer war er? Wer ist er? Wer wird er sein? Er selbst wußte, was warten heiß – er war das Warten. Jahrzehnte lang das rätselhafte Wort, ein zusammengeschrumpfter Fötus, die furienhafte Mimik. Im großen Kampf ist auch er unterlegen gewesen.

 

Ilma Rakusa:
M I C H A U X
Ein Akronym
Manisch im Chaos anders und Xylophon
mit Illumination chemisch annotiert ulzeriert x-mal
Mäander: im chiffrierten Album unter xenophiler
Matritze ist China: auch und x-fach
Meskalin: immer chimärisch auf Unstetkurs x-te
Metamorphose innerer Chöre: Alpabet unkt: Xenie

 

Peter Rosei:
für Michaux
Eine Welt sagt: da! und
eine andre: da! – jetzt
– nichts mehr; nein; nur
köstlich Schweigen hör ich.

 

 

 

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