Von Sprachen und Schriften

 

 
Michaux´ Interesse für Weltwahrnehmungen, die den Vertrag mit dem gesunden Menschenverstand aufkündigen, führte nicht nur zu Experimenten mit Drogen, zu einer Neubewertung des Kindseins, sondern auch zur Beschäftigung mit Geisteskrankheiten und deren bildnerischen Manifestationen.

Seiten, die sich ergeben haben beim Betrachten der Malerei von Geisteskranken, Männer und Frauen in Schwierigkeiten, die das Unüberwindbare nicht überwinden konnten. Die meisten von ihnen interniert. Mit ihren geheimen, unbestimmten, hundertmal bloßgelegten und dennoch verborgenen Problem verraten sie vor allem und ganz und gar ihr riesiges, unsagbares Unbehagen.
(Von Sprachen und Schriften S.42)


 

AKZENTE Heft 4 / August 1981
Harald Kaas
Strategien des Wahnsinns
© CARL HANSER VERLAG, München

Niemandem - mit Ausnahme Gautama Buddhas und der anonymen Verfasser der Veden - hat Michaux größere Achtung bezeugt als den Geisteskranken. Es lohnt sich, kurz auf sein Verhältnis zur Schizophrenie einzugehen. Poesie, sagt er, ist Freiheit. Seine Experimente mit Meskalin und die Berichte darüber bezeichnete er einmal als eine Flucht vor der Poesie. Denn die Droge ist nicht Freiheit, sondern Determination; sie läßt vor allem der Magie keinen Raum. Michaux, als Künstler, ist Magier, Schöpfer möglicher Welten. Der Experimentator mit Drogen ist vorab Opfer, trotz aller Einblicke in jene Zonen, wo die Götter hausen. Eine Zwischenstellung nimmt der Geisteskranke ein. Er ist imstande, »es kippen« zu lassen, d. h. vermöge einer »doppelten Buchführung« zwischen zwei Evidenzsystemen, dem normalen und dem wahnsinnigen, zu wechseln. Er arbeitet ständig an der Veränderung seiner Umwelt, in die er mit Hilfe der Sprache und des Gedankens einzugreifen vermag. Er erklärt. Er bleibt - bis zum möglichen Eintritt einer »kosmischen« Katastrophe, die ihn vernichten kann - Aktivist. Mit Michaux, dem Experimentator, teilt er die maßlose Schärfung der Sinneswahrnehmung, ein Charakteristikum sowohl der Modellpsychose wie der echten Geisteskrankheit. Mit Michaux, dem Künstler, teilt er die Fähigkeit, magisch zu denken, Zauberformeln zu finden, die ihm gestatten, die Sinnesinsel, die jeden Menschen wie ein Käfig umgibt, zu verlassen. Michaux' dichterische Arbeiten gewähren Einblick in die Strategien des Wahnsinns; seine Drogen-Texte umzirken den Ort, an dem die Schlachten des Wahnsinns geschlagen werden.

 

 

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