Im Lande der Zauberei  - Hier Poddema

 

 
Michaux´ Reisebeschreibungen fiktiver Länder und Völker gerieten ihm in den 40er Jahren, mit Blick auf die Vorgänge jenseits des Rheins, zu prophetischen Horrorbildern:

NARA-PODDEMA
[Nirgends sonst in Poddema ist der Zynismus größer als in Dorido. Selbst die höchst legitimen, im ersten Jahresdrittel geborenen Kinder werden ohne weiteres geopfert. Die Eltern verlangen sie oft für sich selbst zurück. Ihre Kinder dienen ihnen als Abführmittel. Kein Purgans, das so sanft, so vollkommen ist. Es ist in Quentchen erhältlich, umhüllt von Muschelschalen.
Doch warum diese Kinder nicht leben lassen? »Das wäre verlorene Mühe«, sagen sie. »Sie sind in einer schlechten Periode geboren. Sie würden gewiß nicht älter als zwanzig. Da sie so gut zur inneren Reinigung taugen, weshalb fortan stur bleiben und Vorräte verschleudern, die anderswo nützlich sein können?«]
(Im Lande der Zauberei - Hier Poddema S.91)

Die Ipanuesen.
Diese bleiben zwei oder drei Jahre im Nahrungstopf, ohne daß sie dort heraus können, ohne das letzte Stadium zu erreichen, das die Ausstoßung des Fötus und das Ins-Licht-Treten ermöglicht. Unmöglich, die Geburt gegen Ende des ersten Jahres einzuleiten. Das hieße, sie vorzeitig auszustoßen.
In allem extreme Langsamkeit. Schwierige, endlose Kindheit.
Der Kehlkopf hat sich übermäßig entwickelt; zuerst kribbelt er und dann brennt er.

*
Aufgrund der starken Vermehrung dieser künstlichen Kinder, von denen viele in irgendeiner Weise behindert sind und es auch bleiben, müssen energische Maßnahmen ergriffen werden. Die Regierung besorgt das schon. Selbstverständlich ehrenvoll! Ein gewisses Geheimnis wird gewahrt. Die Beteiligten haben keine Ahnung. Doch alle, die nachdenken, wissen, daß gewaltsame Maßnahmen unerläßlich sind, daß ein gewisses tragisches Ereignis, das nicht allein durch Schicksalsfügung erklärt werden kann, unmittelbar bevorsteht.
Wie schon zu erwarten war, weiß die Verwaltung über das, was sich vorbereitet, schon lange Bescheid. Drei Wochen zuvor sah ich in Parga das entsprechend betitelte Rundschreiben: Gesetzliche Regelung des Gemetzels. Es ging dabei um das nächste, das gegen Ende des Jahres stattfinden sollte und mit dessen Vorbereitungszeit (oder Anbahnung: Adacura-Tabari) man gerade so hinkam. Selbstverständlich mußten jedesmal einige Änderungen bei der Inszenierung vorgenommen werden, die es dann auch gab; doch läuft es immer auf das Gemetzel an den gleichen hinaus.
Dieses Jahr wurde in Djingola, der Hauptstadt, ein riesenhaftes U auf den Platz der Könige gebracht. Dies war das Startsignal für das Massaker, das zügig durchgeführt wurde. Es sollte gerade einen Monat dauern. Das würde ausreichen, versicherte man mir.
*
Nach der Katastrophe wurde eine Maschine installiert, eine Maschine, von der ein gewaltiges Wehklagen ausgeht, wie von tausend brüllenden Schweinen und Kühen, die man zusammen abschlachtet, oder wie von einem alten Schaufelbagger, der, in einer verschlammten Fahrrinne aufgestellt, langsam und mit Mühe in seinen verrosteten Baggereimern widerlichen Unflat heranschafft und dabei in übermenschlicher Verzweiflung tobt und wütet; solch eine Maschine offiziellen Wehklagens brüllt nun den schrecklichen Jammer heraus, der vom Volk empfunden wird.
In einer Meile Entfernung, manchmal günstiger im Wind, liegt die Stadt in schauriger Klage. Nach einem Monat aber ist das nicht mehr gestattet. Genug der Verzweiflung. Die Maschine muß abgebaut werden.
(Im Lande der Zauberei - Hier Poddema S.88ff)

Die Stadt
Ein denkender Mensch mit ein bißchen Format kann einer Stadt gegenüber nur Haß empfinden. Eine größere Hoffnungslosigkeit gibt es nicht. Da sind zunächst die Mauern und dann all diese hartnäckigen Bilder des Egoismus, des Mißtrauens, der Dummheit und Unbeugsamkeit.
Das Gesetzbuch braucht man gar nicht zu kennen, ein bloßer Blick auf die Stadt genügt, und man weiß Bescheid.
Wenn ich vom Land zurückkomme, von der Stille, die ich mir jedes Mal innerlich zugute halte, springt eine Wut auf, ein Haß…
Ich habe wieder meinen Menschen vor mir, den homo sapiens, den hortenden Wolf.
Städte, Architekturen, wie sehr hasse ich euch!
Über weite Flächen hin Panzerschränke, in die Erde gemauerte Panzerschränke, Panzerschränke mit Fächern, Panzerschränke für die Nahrung, Panzerschränke zum Schlafen, Panzerschränke für Mädchen, Panzerschränke, die schußbereit auf der Lauer liegen, traurig, traurig…
(Ecuador S.64)

 

 

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