Ecuador

 

 
Seine erste Weltreise, die ihn 1928 quer durch Südamerika führte, fand ihren Niederschlag in Michaux´ Prosaband Ecuador. In ihm finden sich viele seiner frühen Gedichte und eine Reihe allgemeiner Betrachtungen zum Reisen:

(Die Krise der Dimension)
1. Februar 1928
Nein, ich habe es bereits an anderer Stelle gesagt. Dieser Erde wird jede Exotik ausgetrieben. Wenn wir es in hundert Jahren nicht geschafft haben, mit einem anderen Planeten in Verbindung zu stehen (aber wir werden so weit sein), ist die Menschheit verloren. (Oder etwa das Erdinnere?) Es ist nicht mehr möglich zu leben, wir bersten, wir führen Krieg, wir machen alles schlecht, das Dasein auf dieser Erdkruste macht uns fertig. Wir leiden tödlich: an der Dimension, an der Zukunft der Dimension, die uns vorenthalten wird, wo wir doch nun bis zum Überdruß die Erde umreist haben.
(Ich weiß, schon allein aufgrund dieser Überlegungen werde ich als ein viertklassiger Denker verachtet werden.)
(Ecuador S.28)

(über das Reisen)
20. Februar
Etwas später.
Keine Gegend gefällt mir: so ein Reisender bin ich.
Kleine Dinge konstruiert man gut. Aber große! Nie habe ich eine gut konstruierte Stadt, selten einen Hügel gesehen. Nie ein perfektes Panorama!
Könnte ich einer Provinz Relief verleihen…
(Ecuador S.32)

(die Liebe)
Mittwoch morgen, 21. März.
Wie wenig Möglichkeiten hat doch der Mensch. Die Liebesbereitschaft ist groß, aber wie eintönig, wie wenig überraschend ist ihr Gegenstand.
Oft betrachte ich die Hunde, nicht aus Laster, sondern eher nachdenklich. Aber die Passanten überwachen mich lächelnd, das stört meine Nachdenklichkeit, und ich gehe weiter.
Der Hund besitzt eine Sonderstellung im Reich der Säugetiere. Die Hündinnen sind für ihn eine Welt, die er zu Lebzeiten nicht kennenlernen kann.
Er hat es mit allen Formen, allen Größen zu tun, fünfzehn oder zwanzig Mal so groß wie er. Da kommt eine Riesin. Er läßt sich nicht entmutigen. Seine erotische Phantasie drängt ihn, alles zu erklettern, alles zu penetrieren. Er wird auch mit Zwerginnen zu tun haben, mit einer Art Baby.
Daher nimmt ihn diese Sache sichtlich in Anspruch, und mag auch eine alte Betschwester ihren Regenschirm auf seinem Rücken zerbrechen, er läßt sich von seiner Idee nicht abbringen, die tief sitzt und sich weit verzweigt.
(Ecuador S.63f)

(über Tätowierungen)
TÄTOWIERUNGEN
Die Wald-Indianer tätowieren sich eigentlich nicht wirklich. Sie ritzen sich keine tiefen Male in die Haut.
Sie malen sich ein Muster auf das Gesicht, wenn sie zu ihren Freunden essen gehen, und löschen es, wenn sie wieder zu Hause sind. Jedermann hat bemerkt, wie kleidsam das ist. Gewisse Farben schmutzen sehr. Für uns wäre das unliebsam. Die Türken hatten sehr richtig bemerkt, wie unschicklich das Gesicht ist. Es springt aus den Kleidern hoch, und die Blicke treten daraus hervor wie Irre. Das Ungesunde und Bestialische der Haut verschwindet, sobald sich darauf einige Striche oder Raster befinden. Das Gesicht wird nicht so sehr intelligent, als vielmehr intellektuell, durchgeistigt. Das ist erholsam. Waren meine Indianer tätowiert, hatte ich immer den Eindruck, jetzt könnten wir sprechen, allerdings immer nur, wenn das Muster nicht bloß einfältig die Umrisse und Bestandteile des Gesichts nachzog und betonte.
Ich bin kein großer Prophet, wenn ich behaupte, daß die weiße Rasse binnen kurzem die Tätowierung übernehmen wird. Man sagt mir, die derzeitige Geistesverfassung sei ausgesprochen dagegen, und noch anderes mehr. Die Propheten sagen: »Ihr werdet sehen«, das genügt ihnen, und so halte ich es auch.
Ich füge bloß hinzu, daß die Tätowierung, wie alle Verzierungen, eine Fläche zwar hervortreten, aber diese Oberfläche noch leichter verschwinden lassen kann, ganz so wie ein Wandbehang die Länge einer Wand. Nun ist es aber an der Zeit, sein Gesicht verschwinden zu lassen. Es ist wirklich unmöglich, mit einem Gesicht bescheiden zu wirken, es denn, man hat es speziell dazu präpariert.
(Ecuador S.145)

 

 

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