
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 8. Juni 1996
|
|
||
|
»Es gibt mein Terrain und mich; und dann gibt es noch die Fremde« notierte Henri Michaux in dem 1970 bei Gallimard neu herausgekommenen Text Mes propriétés (»Was mir eigen ist«/»Meine Besitzungen«). Einen möglichen Zusammenhalt zwischen diesen Elementen vermittelten ihm das Reisen und das Schreiben. Das Reisetagebuch »Ecuador« ist, ebenso wie »Ein Barbar in Asien«, ein Dokument dieser vom Autor auf vielfältige Weise dynamisierten Wechselbeziehung zwischen den Bewegungen in den äußeren und den inneren Räumen, der äußeren Fremde und dem »inneren Ausland« (wie Freud die Seele nannte). Beide Texte gehören zum Frühwerk des 1899 im belgischen Namur geborenen und 1984 in Paris verstorbenen Schriftstellers, Künstlers und zeitweise nicht weniger professionell des Seefahrers Michaux. Die Erfahrung der Unendlichkeit des Meeres nennt er selbst mit an vorderster Stelle, als er die Summe seines Lebens zieht. |
|||
Zugleich macht er sich lustig über die klischeehafte Seefahrer-Leidenschaft: »Ist vom Atlantik die Rede, dann heißt es: Ja, der Ozean, der Ozean. Und man rollt die inneren Augen« und fährt fort im dürftigen Leben auf dem Land. Mal ist es er selbst, der in seinen Büchern als Held und als Verlierer auftritt, mal sind es Figuren (wie ein Herr A. oder Plume), an denen er eigene Leidenschaften durchspielt und sie sogleich unterläuft. »Das Reisen«, schreibt er einmal, »bringt keine Erweiterung
Man findet seine Wahrheit genausogut, indem man achtundvierzig Stunden irgendeine Tapete anstarrt.«
In Henri Michaux begegnen wir einer Empfindlichkeit, die im landläufigen Sinn die schlechteste Voraussetzung für den professionell Reisenden ist. Warum aber reiste Michaux ein Leben lang, welchem Begehren und welcher Leidenschaft folgte er? Wogegen kämpfte er an? »Ich habe gegen meinen Vater gelebt (und gegen meine Mutter und gegen meinen Großvater, meine Großmutter, meine Urgroßeltern). Gegen noch entferntere Ahnen, da ich sie nicht kannte, habe ich nicht kämpfen können«, notiert er im Nachwort seines erstmals 1930 erschienenen Prosabandes Plume, der ihn berühmt gemacht hat. Wenn André Gide davon sprach, daß dieser Dichter eine verborgene Stelle des Herzens anrühre »wie der Gesang des Vogels«, so versteht man sogleich, daß dieser Gesang ein erworbener, ein erkämpfter war, sich durchzusetzen hatte gegen die Prägungen und das schwere Erbe.
Man sei von »zu vielen Müttern« geboren und müsse sich gegen all die Gedanken anderer durchsetzen, »die überall durch den Raum telefoniert werden«. Bei vielen hätte es deswegen nur dazu gereicht »zu blinzeln und schon verschwanden sie«. Jeder ist an einen Ort oder eine Zeit, an ein bestimmtes »Klima« auch gebunden und doch kann er sich, in einem beständigen Wandel, schrittweise davon lösen. Darin mag er dem jungen Puma nacheifern, der mit geflecktem Fell geboren wird. Seine Macht gegenüber den Ahnen besteht darin, daß er seine Flecken nach und nach verliert.
»Vom Narziß zum Barbar«, so überschreibt Brigitte Ouvry-Vial in ihrer Michaux-Biographie das Kapitel, das von den Reisen der Jahre 1927 bis 1932 handelt. Wir lernen hier den Autor als einen unruhigen, nomadisierenden Geist (mit einem fragilen Körper) kennen, einen auf Selbstexploration und Introspektion Versessenen, der sich Keyserlings berühmtes Wort zu eigen gemacht zu haben schien: »Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt.« Und später dann über den Weg der Droge Meskalin, aber nicht mißzuverstehen als Ersatz für ausbleibende Inspiration, wie einige wähnten, sondern verstanden als eine Erforschung, um das Grenzland zwischen Bewußtem und Unbewußtem besser kennenzulernen. Erst einmal begegnet uns Michaux als der geborene Reisende, stets im Zustand des Aufbruchs. Sein Motto: »Reisen, um heimatlos zu werden.«
Zeitweise hat sich Michaux über sich selbst mokiert und über seinen Glauben an die Wahrnehmung, über seine Fixierung an Äußeres, wovon seine frühen Texte geprägt sind.
War es in den frühen Texten der Hang zum Äußeren, der ihn später störte, so waren es am Ende die falsch verstandenen paradiesischen Vorstellungen (»Die Drogen langweilen uns mit ihrem Paradies«) und der Wunsch nach Ekstase, von denen er sich distanziert. »Achtung vor den sprühenden Einfällen! Schreiben heißt vielmehr, Kurzschlüsse herzustellen«, vermerkt er. Und an anderer Stelle nennt er das Schreiben eine »Notlösung«.
Es ist nicht die »Literatur«, und es ist nicht das »Werk«, worauf Michaux hinauswill: Als man nach Erscheinen von »Wer ich war« meinte, das sei keine Literatur, antwortete Michaux: »Zum Glück.« Das Buch sei vielmehr die entschiedene Konfrontation mit der Frage, was es heißt, zu sein. Die Sorge und auch das Mißtrauen, diese Frage (vom Standpunkt der eigenen Subjektivität) beantworten und dies mit der inneren und der äußeren Reiseerfahrung in Übereinstimmung bringen zu können, bestimmen sein Schreiben. Reisen und Schreiben, »um etwas auszufragen und auszuhorchen, um sich dem Problem des Seins zu nähern« (Passagen).
Das macht Michaux' Modernität aus: sich von den Chimären des Ichs ein Stück weit gelöst zu haben, dem Fetisch »Werk« und der schwammigen Chiffre »Literatur« nicht länger blind gehuldigt zu haben. »ICH«, so lesen wir in Plume, »ist nur eine Position des Ausgleichs, eine unter tausend anderen, die jederzeit möglich und beständig realisierbar sind
Ich unterzeichne dieses Buch im Namen von vielen.«
Von hier aus führt auch ein direkter Weg zu den »Ideogrammen in China« einer Hommage an die Kunst der Zeichen. »Striche in allen Richtungen. Nach allen Seiten Kommas, Schleifen, Haken, Akzente
Brüche, Anfänge, die plötzlich zum Stillstand gekommen zu sein scheinen
endlos abgewandelt.« Seine Ideogramme haben selbst die endlose Wandelbarkeit der Chiffren zum Gegenstand. Und dies demonstriert der Autor ebenso in seiner Malerei wie in seinen Dichtungen.
An China faszinierte ihn die Kalligraphie als Vollendung der Poesie. In Indien, das er 1930 und 1931 bereist, entdeckt er eine Kultur, die das Wesentliche zum Ausdruck zu bringen scheint. Fühlte sich Michaux in Ecuador von allem geplagt, empfindet er sich in Indien geradezu als erlöst.
Michaux lebte und reiste also gegen gegen seine Traditionen, seine nationale und kulturelle Herkunft und assimilierte sich doch auch wieder und löste so dieses »gegen« ein Stück weit auf. Jede seiner Reisen stellt sein Schreiben auf eine neue Probe; zuweilen glaubt er auch, daß das Schreiben die Erfahrung »tötet«, den Raum verkleinert.
Die äußeren und inneren Reisen, das bei sich selbst empfundene Fremdartige und die Fremdheit in den Dingen, Menschen und Kulturen, denen er begegnete und denen er sich aussetzte das war Michaux' Thema. Die Sprache, die er dabei ausbildete, reiht ihn ein in die Tradition einer konzentrierten Prosalyrik neben René Char und Francis Ponge. Die »schrankenlose Freiheit« eines Lautréamont habe er, meint Kurt Leonhard zu Recht, »mit einer noch nicht dagewesenen Härte und Kargheit des Wortes« verbunden, einer Kargheit also, die sich keinen Ausflug in die Phantasie, den schwarzen Humor und die Verspieltheit verbietet. Dies gilt ebenso für seine Visionen: Auch sie werden schnörkellos vorgetragen, atmen die größte spielerische Freiheit und sind doch im Kern spröde. So notiert er im Reisejournal »Ecuador« unter dem Datum vom 1. Februar 1928: »Wenn wir es in hundert Jahren nicht geschafft haben, mit einem anderen Planeten in Verbindung zu treten (aber wir werden soweit sein), ist die Menschheit verloren
Wir leiden tödlich
«
AKZENTE Heft 4 / August 1981
|
Harald Kaas Das Ich ist nur eine Gleichgewichtsposition. Jeder Garten ist grausam für die Bäume. |
Der Raum ist durch die Lage der Dinge definiert. Mit den Dingen verändert sich auch der Raum. Es gibt die Welt der Schnecke, die Welt des Vogels, die Welten der unbelebten Materie und die Welt des Menschen, der sich verändern muß, wenn er jene anderen Welten bereisen will. Die Metamorphosen des Ichs stehen folgerichtig im Zentrum der Welt Michaux'. Das Ich, sagt er, ist nur eine Gleichgewichtsposition: »Eine unter tausend immerfort möglichen und stets bereitliegenden.« Diese immer bereitliegenden Ichs können erforscht werden; dann begibt man sich auf die innere Reise. Sie können ausgesandt werden; dann bricht man auf in die Länder, die »außerhalb« liegen. Doch was heißt »außerhalb«? Auch draußen ist der Erlebnisraum. Innen und Außen sind miteinander verquickt wie in der Monade, die mehr oder weniger deutlich das Universum spiegelt: »
dieses entsetzliche Innen-Außen, das der wahre Raum ist.« Sind aber Innen und Außen vertauschbar, dann läßt sich die Außenwelt mit den Ausgeburten des Inneren bevölkern, während sie selbst mit Felsen, Vögeln und Eidechsen sich im Inneren festzusetzen vermag. Die Geister des Inneren wandeln sich in leibhaftige Gestalten, die realen Figuren der Außenwelt wandeln sich in Dämonen. Im Lande der »Meidosem«, das Michaux erfunden hat, existieren Lebewesen, die verschiedene Grade der Körperlichkeit entsprechend ihren seelischen Dispositionen annehmen: »Sie nehmen die Form von Blasen zum Sinnen an, sie nehmen die Form von Lianen an für die Erregung.« Ich sagte, Michaux habe dieses Land erfunden. Ich hätte sagen sollen, er habe sein Ich so weit ausgesandt, bis es den Punkt erreichte, an dem das Meidosem-Land zum Erlebnis werden konnte. Michaux - auch wenn er nach Ecuador, Brasilien oder China fährt - befindet sich immer auf der inneren Reise. Weltinnenraum, hätte Rilke gesagt. Dieser Weltinnenraum aber ist das Merkmal der Monade, die - mit Plotin oder Cusanus zu sprechen - das Universum in sich einfaltet. Entfaltete man sie, käme nicht nur das Universum, sondern Gott selbst, die primitivste und höchste aller Monaden, zum Vorschein. Die innere Grenze, die uns allen gezogen ist, hängt mit unserem Mangel an Perzeptionsfähigkeit zusammen. Wir perzipieren alles: einen kleinen Teil deutlich, den größeren, der wie das Rauschen des Meeres zu uns dringt, nur verworren. Michaux - darin Novalis verwandt, dessen Heinrich von Ofterdingen Blume, Stein und Stern wird - überschreitet die innere Grenze. Und die Augenblicke der Schwäche, der Krankheit sind das geeignete Vehikel, den »Übergang« zufinden.
PASSAGEN 1956
|
Max Bense Spiritueller Tourismus |
Indessen diese Texte sind nicht ausschließlich durch einen experimentellen und abstrakten Charakter ihrer Prosa bestimmt: darüber hinausgehend, und selbstverständlich aus dem Geiste des Experiments stammend, zeigen sich in der Literatur Michaux' beinah alle wichtigen Attribute eines spirituellen Tourismus, eine allgemeine Erscheinung auch in der intelligiblen Sphäre unserer Zivilisation, und zwar nicht nur im Sinne einer geübten Praxis, sondern vor allem auch als eine entworfene Theorie.
|
Seine zweite große Reise führte Michaux 1931 nach Asien. Bei der Neuveröffentlichung seines Berichtes Ein Barbar in Asien notierte er zu seinen Beobachtungen von damals: |
Ich gerate 1931 dorthin, ohne viel zu wissen, aber das Gedächtnis durch die Schilderungen der Klugschwätzer gereizt, und sehe den Mann von der Straße. Er fesselt mich, er packt mich, ich sehe nur mehr ihn. Ich fasse Zuneigung zu ihm, ich folge ihm, ich begleite ihn in der Überzeugung, daß ich mit ihm, vor allem mit ihm, ihm und dem Mann, der Flöte spielt, und dem Mann, der in einem Theater spielt, und dem Mann, der tanzt und Gebärden ausführt, alles
oder so ziemlich alles an der Hand habe, um zu begreifen.
Mit ihm, von ihm aus, nachdenkend, mich bemühend, die Geschichte zurückzuverfolgen.
(Ein Barbar in Asien S.19)
Unwissentlich ein Kind geblieben, hatte ich andere Illusionen.
Bis dahin waren mir die Völker und auch die Leute weder sehr wirklich noch sehr interessant erschienen.
Als ich Indien sah und als ich China sah, schien mir zum ersten Mal, daß es Völkern auf dieser Erde zustand, wirklich zu sein.
Fröhlich stürzte ich mich in diese Wirklichkeit mit der Überzeugung, viel davon nach Hause zu bringen.
Glaubte ich vollständig daran? Wirkliche Reise zwischen zwei Phantasiewelten.
Vielleicht beobachtete ich sie innerlich wie imaginäre Reisen, die sich, als Werk von »anderen«, ohne mich verwirklicht hätten. Länder, die ein anderer erfunden hätte. So überraschten, rührten und irritierten sie mich auch.
Fehlt doch dieser Reise viel, um wirklich zu sein. Das erfuhr ich später. Hatte ich absichtlich genau das übersehen, was in manchen dieser Länder eine neue Wirklichkeit schaffen sollte: die Politik?
Wie man sieht, begann diese Reise schlecht. Ich werde sie nicht einholen. Ich könnte es nicht. Ich möchte es oft, aber nichts läßt sich ihr aufladen. Man kann nur wegstreichen, freilegen, kürzen, einiges flicken, schnell etwas in eine plötzlich störende Leere stopfen, sie aber nicht verändern, nicht neu ausrichten.
Dieses Buch, das mir nicht mehr genehm und peinlich ist, mich brüskiert und beschämt, gestattet mir meistens nur, Lappalien zu korrigieren.
(Ein Barbar in Asien S.11)
|
© 1999 Literaturverlag Droschl Alberstraße 18 A-8010 Graz Österreich Tel: +43 (0)316 32640 FAX: +43 (0)316 324071 e-mail: literaturverlag@droschl.com |
KNOWO