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Michaux war 31, als er Indien, Nepal, China, Japan, die malaische Halbinsel und Bali und Java bereiste:
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| Indien |
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In Indien keine Anschauung, nur Deutung. Kabir war hundertzwanzig und sollte sterben, als er sang:
Ich bin trunken vor Freude |
| China |
Die Chinesen sind geborene Handwerker.
Weg sind die hieratischen, für die Meditation ausschlaggebenden Stellungen. Die einen halten zwei oder drei Kinder auf den Armen und spielen mit ihnen. Andere kratzen sich gereizt die Schenkel oder heben ein Bein, als wollten sie eilig davon oder schnell eine kleine Runde machen, fast alle mit Gesichtern von kleinen Gaunern, von Untersuchungsrichtern, Prüfern, Abbes des 18. Jahrhunderts, mehrere machen sich sichtlich über die Leichtgläubigen lustig, und in der Mehrzahl schließlich nachlässige und ausweichende Buddhas. »Oh, wir, müssen Sie wissen
«
Soll man sich totlachen, totärgern oder totweinen oder ganz einfach denken, daß auch die Macht eines Heiligen oder Halbgottes nicht aufkommt gegen die so mächtig gleichmachende und lebendige menschliche Kleinkariertheit?
In einem Tempel fühlt sich der Chinese ganz und gar heimisch. Er raucht, er spricht, er lacht. An beiden Seiten des Altars lesen Wahrsager die Zukunft in vorgedruckten Formeln. Man läßt kleine Stäbchen in einer Schachtel kreisen, eines ragt immer weiter vor als die andern, man nimmt es. Es trägt eine Nummer. Man sucht das zur Nummer gehörige Zukunftsblatt, man liest
. und dann heißt es bloß glauben.
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Wenige Europäer lieben die chinesische Musik. Dabei war Konfuzius, der ja nun wirklich nicht zur Übertreibung neigte, so sehr unter den Zauber einer Melodie geraten, daß er drei Monate keine Nahrung zu sich nehmen konnte.
Ich werde maßvoller sein, muß aber sagen, daß mich, abgesehen von gewissen Bengali-Melodien, die chinesische Musik am tiefsten ergreift. Sie rührt mich. Für die Europäer ist vor allem das polternde Orchester störend, das die Melodie betont und unterbricht. Das ist typisch chinesisch. Wie die Vorliebe für Knallfrösche und Böller. Daran muß man sich gewöhnen. Im übrigen ist die chinesische Musik trotz dieses schrecklichen Krachs das Friedlichste überhaupt, nicht schlafmützig, nicht langsam, sondern friedlich, frei vom Wunsch, Krieg zu führen, zu unterjochen und zu befehlen, ja frei von Leiden und liebevoll.
Wie ist doch diese Melodie wohltuend, angenehm und gesellig. Sie hat nichts Aufschneiderisches, Idiotisches oder Schwärmerisches an sich, sie ist zutiefst menschlich und gutartig, kindlich und volkstümlich, fröhlich und »familienfestartig«.
(Die Chinesen meinen übrigens, die europäische Musik sei eintönig. »Das sind ja nur Märsche«, sagen sie. Und tatsächlich, was wird bei den Weißen nicht alles getrabt und trompetet.)
Und genauso wie manche Personen nur das Buch eines bestimmten Autors aufzuschlagen brauchen und zu weinen beginnen, ohne zu wissen warum, genauso fühle ich, höre ich eine chinesische Melodie, wie die Irrtümer und schlechten Neigungen von mir abfallen und auch eine Art Überschuß, den mir jeder Tag auflädt.
(Ein Barbar in Asien S.118)
Die chinesische Liebe ist nicht die europäische Liebe.
Die Europäerin liebt einen verzückt, dann vergißt sie einen plötzlich am Bettrand, denkt an den Ernst des Lebens oder an sich selbst oder an nichts oder erliegt einfach wieder der »weißen Beklemmung«.
Die arabische Frau verhält sich wie eine Woge. Der Bauchtanz, man erinnere sich, ist nicht eine bloße Augenweide, nein; der Strudel setzt sich in uns fest, reißt uns mit, und ein wenig später sitzt man selig da, ohne recht zu wissen, was einem passiert ist und wie.
Und auch sie beginnt zu träumen, Arabien drängt sich zwischen uns. Alles ist aus.
Die chinesische Frau keineswegs. Die chinesische Frau ist wie die Wurzel des Banyan, die man überall antrifft, selbst unter den Blättern. Hat man sie, so wie sie ist, in sein Bett gebracht, braucht man Tage, um sich von ihr zu lösen.
Die chinesische Frau umsorgt einen. Sie meint, man wäre bei ihr in Behandlung. Nie dreht sie sich auf ihre Seite. Ständig umschlingt sie einen, wie der Efeu, der nicht lockerlassen kann.
Und der zappeligste Mann wird sie nahe und anschmiegsam finden wie ein Laken.
Die chinesische Frau ist einem zudiensten, und zwar nicht unterwürfig, nein, sondern taktvoll, präzise und liebevoll.
Es gibt einen Moment nach anderen Momenten, da fast jeder Lust hat, sich auszuruhen.
Man vielleicht, nicht sie. Diese Ameise sucht sogleich nach Arbeit, und schon ist sie aufmerksam damit zugange, einem den Koffer in Ordnung zu bringen.
Eine richtige Lektion in chinesischer Kunst. Man sieht ihr verblüfft zu. Da ist keine Sicherheitsnadel, kein Zahnstocher, die sie nicht umdreht und zurechtrückt und in eine perfekte Anordnung bringt, die auf Jahrhunderten und Jahrtausenden kluger Erfahrung zu beruhen scheint.
Da ist kein Gegenstand, den sie nicht mit Gesten erkundet, den sie nicht ausprobiert und versucht und beurteilt, und bevor sie ihn plaziert, spielt sie mit ihm. Und betrachtet man dann diese ganze Anordnung, so scheint der Inhalt des Koffers nun etwas Puppenhaftes zu besitzen, etwas Puppenhaftes und auch Hartes, gleichsam nicht zu Beeinträchtigendes.
Spricht die Chinesin von Liebe, so kann sie endlos sprechen, man wird nicht überdrüssig, sie kann sogar von etwas anderem sprechen, was sie wahrscheinlich tut, sie hat die Sprache der Liebe, die Liebe besteht aus Einsilbern (sobald sich ein Wort in die Länge zieht, scheint es sich davonzumachen und einen Sog auszuüben, sobald ein Satz auftaucht, trennt der Satz).
Die chinesische Sprache besteht aus Einsilbern, und zwar aus den allerkürzesten und unstofflichsten mit vier gesungenen Tonhöhen. Und der Gesang ist diskret. Eine Art Brise, Vogelsprache. Eine so gemäßigte und liebevolle Sprache, daß man sie, selbst ohne sie zu verstehen, sein Leben lang hören könnte, ohne nervös zu werden.
So ist die chinesische Frau. Und dennoch wäre alles das nichts, wenn sie nicht die wunderbare Voraussetzung des Wortes mit jemandem schlafen erfüllte. Es gibt Männer, die derart zappelig sind, daß sie sogar ihr Kissen zu Boden werfen, ohne es zu merken.
Wie macht die chinesische Frau das? Ich weiß es nicht. Eine Art Gespür für die Harmonie, das im Schlaf anhält, bewirkt, daß sie sich durch geeignete Bewegungen nie löst und sich immer dem unterordnet, was doch so schön wäre: einer harmonischen Zweisamkeit.
(Ein Barbar in Asien S.120)
Die Taube ist sexbesessen. Kaum hat sie einen Bissen geschluckt und sich ein wenig gestärkt, wird sie schon wieder von ihrem Teufel geritten. Sie röchelt (wer hat denn das als Turteln bezeichnet?), ein zähes Röcheln, das einen Einsiedler aus der Fassung brächte, und schon antwortet das Weibchen, es antwortet immer, selbst wenn es die Annäherung nicht sofort wünscht: ein Röcheln, das es durchströmt, das viel dicker ist als es und dazu plump und fettleibig.
Und sie fliegen davon, geräuschvoller als Stiefel.
(Ein Barbar in Asien S.108)
Zivilisation
Was ist eine Zivilisation? Eine Sackgasse. Nein, Konfuzius ist nicht groß.
Nein, Shi Huangti ist nicht groß, und auch Gautama Buddha nicht. Aber es ist nichts Besseres nachgekommen.
Ein Volk müßte sich schämen, eine Geschichte zu haben. Und natürlich der Europäer genauso wie der Asiate.
In der Zukunft sollen sie ihre Geschichte sehen.
(Ein Barbar in Asien S.182)
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