Ein Barbar in Asien

 

 
Michaux war 31, als er Indien, Nepal, China, Japan, die malaische Halbinsel und Bali und Java bereiste:

Indien
 

In Indien keine Anschauung, nur Deutung.

Kabir war hundertzwanzig und sollte sterben, als er sang:

Ich bin trunken vor Freude
der Freude der Jugend
die dreißigtausend Götter sind da.
Ich breche auf. – Glück! Glück!
Ich betrete den heiligen Kreis…

Ich kenne an die zwanzig Hauptstädte. Pah!
Aber da ist Kalkutta, Kalkutta, die vollste Stadt des Alls.
Man stelle sich eine ausschließlich aus Chorherren bestehende Stadt vor. Siebenhunderttausend Chorherren (und dazu siebenhunderttausend Bewohner in den Häusern: die Frauen. Sie sind um einen Kopf kleiner als die Männer, sie gehen nicht außer Haus). Man ist unter Männern, ein außerordentlicher Eindruck.
Eine ausschließlich aus Chorherren bestehende Stadt.
Bengalen werden als Chorherren geboren, und mit Ausnahme der Kleinkinder, die man trägt, gehen die Chorherren immer zu Fuß. Lauter Fußgänger, auf den Trottoirs wie auf den Straßen, groß
gewachsen und schlank, ohne Hüften, ohne Schultern, ohne Gebärden, ohne Lachen, Kleriker, Peripatetiker.
Unterschiedliche Kleidung.
Die einen fast nackt. Aber ein wirklicher Chorherr ist und bleibt ein Chorherr. Die Nackten sind vielleicht die ehrwürdigsten. Die anderen sind in Talare mit zwei zurückgeworfenen Schößen oder mit einem zurückgeworfenen Schoß gekleidet, in einen weißen, rosa, grünen, weinroten Talar oder in eine weiße Robe; alle selbstsicher, mit spiegelndem Blick, mit einer heimtückischen Aufrichtigkeit und jener Art Unverschämtheit, die sich durch die Meditation mit gekreuzten Beinen herausbildet.
Vollkommene, makellose, erfolglose und angstlose Blicke, ohne Oben und Unten.
Stehen sie, scheint ihr Auge liegenden Männern zu gehören. Liegen sie, stehenden. Ungekrümmt, ungebeugt, alle in einem Netz gefangen. In welchem?
Eine unverhohlene Menge, die in sich selbst badet, oder vielmehr ein jeder in sich, frech, aber wenn sie angegriffen wird, feige, weil überrumpelt, und dumm.
Ein jeder von seinen sieben Zentren umhegt, von den Lotussen, den Himmeln, von seinen Morgen- und Abendgebeten zu Kali mit Meditation und Opfer.
Bedacht, allerlei Beschmutzungen auszuweichen, den Wäschern, den Lederzurichtern, den mohammedanischen Fleischern, den Fischern, den Schuhmachern, den Taschentüchern, die aufbewahren, was zur Erde zurückkehren soll, dem widerlichen Mundgeruch der Europäer (der noch nach dem Mord am Opfer riecht) und, ganz allgemein, den zahllosen Ursachen, die einen unachtsamen Menschen fortwährend bis zum Hals in den Kot tauchen.
(Ein Barbar in Asien S.15)

China
Die Chinesen sind geborene Handwerker.
Was immer man bastelnd erfinden kann, haben die Chinesen erfunden.
Den Schubkarren, den Buchdruck, die Radierung, das Kanonenpulver, die Rakete, den Flugdrachen, den Taxameter, die Wassermühle, die Anthropometrie, die Akupunktur, den Blutkreislauf, vielleicht den Kompaß und eine Unmenge anderer Dinge.
Die chinesische Schrift wirkt wie eine Schrift von Handwerksleuten, eine Reihe von Werkstattzeichen.
Chinesen sind Handwerker, und zwar geschickte. Sie haben die Finger von Geigern.
Ohne geschickt zu sein, kann man kein Chinese sein, das ist unmöglich.
Sogar um mit zwei Stäbchen zu essen, wie er es tut, bedarf es einer gewissen Geschicklichkeit. Und diese Geschicklichkeit hat er gesucht. Der Chinese konnte die Gabel erfinden, auf die hundert Völker gekommen sind, und sie benutzen. Aber dieses Instrument, dessen Handhabung keinerlei Fingerfertigkeit erfordert, ist ihm zuwider.
Einen unskilled worker gibt es in China nicht. Was ist einfacher, als Zeitungsausrufer zu sein?
Ein europäischer Zeitungsausrufer ist ein brüllender und romantischer Bengel, der sich abrackert, aus Leibeskräften »Morgenblatt! Vierte Ausgabe« schreit und einem in die Quere kommt.
Ein chinesischer Zeitungsausrufer ist ein Experte. Er prüft die Straße, die er einschlagen wird, beobachtet, wo sich die Leute befinden, schirmt den Mund mit der Hand ab und schickt seine Stimme seelenruhig und gezielt einmal zu einem Fenster, dann zu einer Gruppe und schließlich etwas weiter nach links.
Wozu auch mit der Stimme um sich schlagen und sie dorthin schikken, wo keiner ist?
Es gibt kein Ding in China, das nicht Geschicklichkeit verriete.
Die Höflichkeit ist dort kein bloßes Raffinement, das mehr oder weniger dem Ermessen oder dem guten Geschmack jedes einzelnen überlassen bleibt.
Der Chronometer ist kein bloßes Raffinement, das dem Ermessen jedes einzelnen überlassen bleibt, sondern ein Gebilde, das jahrelangen Fleiß erfordert hat.
Sogar der chinesische Räuber ist ein qualifizierter Räuber, er hat eine Technik. Er raubt nicht aus Wut über die Gesellschaft. Er tötet nie umsonst. Er ist nicht auf den Tod der Leute aus, sondern auf das Lösegeld. Er beschädigt ihnen nur das Nötigste, nimmt ihnen einen Finger nach dem andern ab und schickt ihn mit Geldforderungen und nüchternen Drohungen an die Familie.
Dazu ist die List in China keineswegs mit dem Bösen im Bunde, sondern mit allem.
Die Tugend »ist das am besten Kombinierte«. Führen wir eine oft verachtete Zunft an: die Träger.
Weltweit häufen die Träger gewöhnlich möglichst viel auf ihren Kopf, auf ihren Rücken oder ihre Schultern. Ihre Intelligenz leuchtet nicht gerade unter den Möbeln hervor.
Dem Chinesen ist es gelungen, aus dem Tragen einen äußerst präzisen Arbeitsgang zu machen. Vor allem liebt der Chinese das ausgeklügelte Gleichgewicht. An einem Schrank: eine Schublade gegenüber drei oder zwei gegenüber sieben. Der Chinese, der ein Möbelstück zu transportieren hat, teilt es so auf, daß der hinten hängende Teil den vorn hängenden Teil ausbalanciert. Sogar ein Stück Fleisch trägt er an einer Schnur. Befestigt werden diese Sachen an einer großen Bambusstange, die er auf der Schulter trägt. Oft sieht man auf einer Seite einen riesigen seufzenden Kochtopf oder einen rauchenden Ofen und auf der andern Schachteln und Teller oder ein schlummerndes Kind. Es ist unschwer ersichtlich, welche Geschicklichkeit dies erfordert. Und dieses Schauspiel findet im ganzen Fernen Osten statt.
(Ein Barbar in Asien S.113)

Weg sind die hieratischen, für die Meditation ausschlaggebenden Stellungen. Die einen halten zwei oder drei Kinder auf den Armen und spielen mit ihnen. Andere kratzen sich gereizt die Schenkel oder heben ein Bein, als wollten sie eilig davon oder schnell eine kleine Runde machen, fast alle mit Gesichtern von kleinen Gaunern, von Untersuchungsrichtern, Prüfern, Abbes des 18. Jahrhunderts, mehrere machen sich sichtlich über die Leichtgläubigen lustig, und in der Mehrzahl schließlich nachlässige und ausweichende Buddhas. »Oh, wir, müssen Sie wissen …«
Soll man sich totlachen, totärgern oder totweinen oder ganz einfach denken, daß auch die Macht eines Heiligen oder Halbgottes nicht aufkommt gegen die so mächtig gleichmachende und lebendige menschliche Kleinkariertheit?
In einem Tempel fühlt sich der Chinese ganz und gar heimisch. Er raucht, er spricht, er lacht. An beiden Seiten des Altars lesen Wahrsager die Zukunft in vorgedruckten Formeln. Man läßt kleine Stäbchen in einer Schachtel kreisen, eines ragt immer weiter vor als die andern, man nimmt es. Es trägt eine Nummer. Man sucht das zur Nummer gehörige Zukunftsblatt, man liest …. und dann heißt es bloß glauben.

*

Wenige Europäer lieben die chinesische Musik. Dabei war Konfuzius, der ja nun wirklich nicht zur Übertreibung neigte, so sehr unter den Zauber einer Melodie geraten, daß er drei Monate keine Nahrung zu sich nehmen konnte.
Ich werde maßvoller sein, muß aber sagen, daß mich, abgesehen von gewissen Bengali-Melodien, die chinesische Musik am tiefsten ergreift. Sie rührt mich. Für die Europäer ist vor allem das polternde Orchester störend, das die Melodie betont und unterbricht. Das ist typisch chinesisch. Wie die Vorliebe für Knallfrösche und Böller. Daran muß man sich gewöhnen. Im übrigen ist die chinesische Musik trotz dieses schrecklichen Krachs das Friedlichste überhaupt, nicht schlafmützig, nicht langsam, sondern friedlich, frei vom Wunsch, Krieg zu führen, zu unterjochen und zu befehlen, ja frei von Leiden und liebevoll.
Wie ist doch diese Melodie wohltuend, angenehm und gesellig. Sie hat nichts Aufschneiderisches, Idiotisches oder Schwärmerisches an sich, sie ist zutiefst menschlich und gutartig, kindlich und volkstümlich, fröhlich und »familienfestartig«.
(Die Chinesen meinen übrigens, die europäische Musik sei eintönig. »Das sind ja nur Märsche«, sagen sie. Und tatsächlich, was wird bei den Weißen nicht alles getrabt und trompetet.)
Und genauso wie manche Personen nur das Buch eines bestimmten Autors aufzuschlagen brauchen und zu weinen beginnen, ohne zu wissen warum, genauso fühle ich, höre ich eine chinesische Melodie, wie die Irrtümer und schlechten Neigungen von mir abfallen und auch eine Art Überschuß, den mir jeder Tag auflädt.
(Ein Barbar in Asien S.118)

Die chinesische Liebe ist nicht die europäische Liebe.
Die Europäerin liebt einen verzückt, dann vergißt sie einen plötzlich am Bettrand, denkt an den Ernst des Lebens oder an sich selbst oder an nichts oder erliegt einfach wieder der »weißen Beklemmung«.
Die arabische Frau verhält sich wie eine Woge. Der Bauchtanz, man erinnere sich, ist nicht eine bloße Augenweide, nein; der Strudel setzt sich in uns fest, reißt uns mit, und ein wenig später sitzt man selig da, ohne recht zu wissen, was einem passiert ist und wie.
Und auch sie beginnt zu träumen, Arabien drängt sich zwischen uns. Alles ist aus.
Die chinesische Frau keineswegs. Die chinesische Frau ist wie die Wurzel des Banyan, die man überall antrifft, selbst unter den Blättern. Hat man sie, so wie sie ist, in sein Bett gebracht, braucht man Tage, um sich von ihr zu lösen.
Die chinesische Frau umsorgt einen. Sie meint, man wäre bei ihr in Behandlung. Nie dreht sie sich auf ihre Seite. Ständig umschlingt sie einen, wie der Efeu, der nicht lockerlassen kann.
Und der zappeligste Mann wird sie nahe und anschmiegsam finden wie ein Laken.
Die chinesische Frau ist einem zudiensten, und zwar nicht unterwürfig, nein, sondern taktvoll, präzise und liebevoll.
Es gibt einen Moment nach anderen Momenten, da fast jeder Lust hat, sich auszuruhen.
Man vielleicht, nicht sie. Diese Ameise sucht sogleich nach Arbeit, und schon ist sie aufmerksam damit zugange, einem den Koffer in Ordnung zu bringen.
Eine richtige Lektion in chinesischer Kunst. Man sieht ihr verblüfft zu. Da ist keine Sicherheitsnadel, kein Zahnstocher, die sie nicht umdreht und zurechtrückt und in eine perfekte Anordnung bringt, die auf Jahrhunderten und Jahrtausenden kluger Erfahrung zu beruhen scheint.
Da ist kein Gegenstand, den sie nicht mit Gesten erkundet, den sie nicht ausprobiert und versucht und beurteilt, und bevor sie ihn plaziert, spielt sie mit ihm. Und betrachtet man dann diese ganze Anordnung, so scheint der Inhalt des Koffers nun etwas Puppenhaftes zu besitzen, etwas Puppenhaftes und auch Hartes, gleichsam nicht zu Beeinträchtigendes.
Spricht die Chinesin von Liebe, so kann sie endlos sprechen, man wird nicht überdrüssig, sie kann sogar von etwas anderem sprechen, was sie wahrscheinlich tut, sie hat die Sprache der Liebe, die Liebe besteht aus Einsilbern (sobald sich ein Wort in die Länge zieht, scheint es sich davonzumachen und einen Sog auszuüben, sobald ein Satz auftaucht, trennt der Satz).
Die chinesische Sprache besteht aus Einsilbern, und zwar aus den allerkürzesten und unstofflichsten mit vier gesungenen Tonhöhen. Und der Gesang ist diskret. Eine Art Brise, Vogelsprache. Eine so gemäßigte und liebevolle Sprache, daß man sie, selbst ohne sie zu verstehen, sein Leben lang hören könnte, ohne nervös zu werden.
So ist die chinesische Frau. Und dennoch wäre alles das nichts, wenn sie nicht die wunderbare Voraussetzung des Wortes mit jemandem schlafen erfüllte. Es gibt Männer, die derart zappelig sind, daß sie sogar ihr Kissen zu Boden werfen, ohne es zu merken.
Wie macht die chinesische Frau das? Ich weiß es nicht. Eine Art Gespür für die Harmonie, das im Schlaf anhält, bewirkt, daß sie sich durch geeignete Bewegungen nie löst und sich immer dem unterordnet, was doch so schön wäre: einer harmonischen Zweisamkeit.
(Ein Barbar in Asien S.120)

Die Taube ist sexbesessen. Kaum hat sie einen Bissen geschluckt und sich ein wenig gestärkt, wird sie schon wieder von ihrem Teufel geritten. Sie röchelt (wer hat denn das als Turteln bezeichnet?), ein zähes Röcheln, das einen Einsiedler aus der Fassung brächte, und schon antwortet das Weibchen, es antwortet immer, selbst wenn es die Annäherung nicht sofort wünscht: ein Röcheln, das es durchströmt, das viel dicker ist als es und dazu plump und fettleibig.
Und sie fliegen davon, geräuschvoller als Stiefel.
(Ein Barbar in Asien S.108)

Zivilisation

Was ist eine Zivilisation? Eine Sackgasse. Nein, Konfuzius ist nicht groß.
Nein, Shi Huangti ist nicht groß, und auch Gautama Buddha nicht. Aber es ist nichts Besseres nachgekommen.
Ein Volk müßte sich schämen, eine Geschichte zu haben. Und natürlich der Europäer genauso wie der Asiate.
In der Zukunft sollen sie ihre Geschichte sehen.
(Ein Barbar in Asien S.182)

 

 

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