AUTORENPORTRAIT
LITERATURVERLAG DROSCHL



© André Bonin

Michel Leiris

Michel Leiris wurde am 20. 4. 1901 in Paris geboren. Er wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf, entschied sich für ein Chemiestudium, das er abbrach, um sich der Literatur zu widmen. Er gehörte in den 20er Jahren der Surrealisten-Gruppe an; zu seinen Freunden zählten Pablo Picasso, André Masson und Juan Gris, Max Jacob und Georges Bataille, in dessen Zeitschrift »Documents« er mitarbeitete. 1931 bis 1933 unternahm er eine ethnologische Forschungsreise durch Afrika, die die Denkweisen der Ethnographie weitgehend veränderte. 1938 begründete er das Collège de Sociologie, mit Bataille und Caillois, und leitete lange Jahre die Schwarzafrika-Abteilung des Musée de l'Homme in Paris, wo er 1990 verstarb.

Werke: Phantom Afrika (1934, dt. 1980); Die Nereide des Roten Meeres (1936, dt. 1980); Mannesalter (1939, dt. 1975); Aurora (1946, dt. 1979); Die Spielregel, 4 Bde (1948-1976, dt. ab 1982); Das Band am Hals der Olympia (1981, dt. 1983); darüberhinaus diverse ethnologische Schriften und Künstlerstudien.



Tagebücher 1922 – 1989

Aus dem Französischen von Elfriede Friesenbiller und Chantal Niebisch
1996, 640 Seiten, mehrere Abb., gebunden
ISBN 3-85420-428-0, € 89,00-

Eines der maßgeblichen Tagebücher in diesem Jahrhundert. Es dokumentiert nicht nur
die Entwicklung einer herausragenden Figur der europäischen Intellektuellen-Szene,
sondern darüber hinaus auch ein (nicht nur) europäisches Jahrhundert im Spiegel
eines Beobachters und Akteurs, von den surrealistischen 20er Jahren über
die deutsche Besetzung von Paris und den Existenzialismus bis in die Gegenwart.

Wenn es in unserem Jahrhundert einen Montaigne gegeben hat, dann in Michel Leiris, urteilte Jean Starobinski. Mit Mannesalter erfand er für seine Generation das Genre Autobiographie neu, in einer Mischung aus psycho-analytischer Allegorie und surrealistischer Montage, und mit der Tetralogie Die Spielregel führte er die Bekenntnisliteratur über das Literarische hinaus zu einer »Oper des Selbst« (Rimbaud), deren Arien und Rezitative sich um ein verschwindendes Subjekt sammeln.
Der Rohstoff all dieser konzentrierten Erkundungen, Forschungsreisen an den Ort des ›Ich‹, waren Notizhefte, die Leiris von 1922 bis 1989 führte. Er hielt in diesen Heften alles fest, was ihn bewegte: das politische Leben genauso wie seine Träume (aus denen später sein Buch Lichte Nächte und manch dunkler Tag, 1945, hervorging), Gespräche mit Künstlerfreunden (von André Breton bis Simone de Beauvoir) und ethnographische Gedankengänge ebenso wie sein Eheleben mit ›Zette‹ (Louise Godon), die im übrigen so etwas wie der rote Faden durch Leiris' Autobiographie ist und nach deren Tod seine Eintragungen versiegen.

Das Tagebuch: ein erstrangiges Zeugnis dieses Jahrhunderts, das Selbstportrait einer Ehe, Demonstration masochistischer Introspektion, Anker gegen das unaufhaltsame Vergehen der Zeit, Probebühne für das ›eigentliche‹ Werk, ein »Werk der Abwesenheit jeglichen Werks« (Blanchot).

»Pflichtlektüre für jeden Leser, der sich mit einem exemplarischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts einlassen will. Wenn ich die großen Tagebücher der literarischen Moderne aufzählen soll, gehört Michel Leiris mit seinem Journal von nun an unbedingt dazu.« (Hansjörg Graf in Die Zeit)

»Ein Buch, in dem man sich blätternd und lesend selbst verliert.« (Verena Auffermann in Focus)

»Eines der maßgeblichen Dokumente unserer Zeit« (Dirk Knipphals in DS)

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Stand vom 1. 1. 2002