![]() |
AUTORENPORTRAIT LITERATURVERLAG DROSCHL |

|
|
Anna Kim
»Anna Kim schafft Wunderwerke der Irritation, schöne, goldene Kombinationen aus Wort und Klang.« (Anton Thuswaldner)
|


|
Im dritten Jahr: Haut und Knochen mein Vater, nur noch Ohren und Hände, die leben: Bei jedem metallischen Laut, jedem Schnalzen der Tür, ballen sich seine Finger zu Fäusten, pressen sich eng an die Brust, als wollte er Widerstand leisten. Zu viele Eingriffe, murmelt Edith, zu viel Schmerz. Wir haben das Lesen, Sprechen aufgegeben, Vater reagiert nicht mehr, hält seine Augen geschlossen. Kein Bild entlockt ihm Malen, kein Druck Gegendruck. Wäre sein Atem nicht an die Maschine gebunden, würden wir sein Sterben vergessen. An seinem Becken zwei Becken, zwei Löcher, vier breit, vier hoch, vier tief; man hat Medikamente verschrieben, zeitweises Braten der anderen Seite, es scheint sie jedoch nur zu düngen. Man sagt, sie würden Vater verschlucken, Bissen um Bissen. Er ist mir fremd im Sterben. Öffnet er kurz seine Augen, erkenne ich ihn nicht. Eine eigenartige Stille umgibt ihn, zwingt mich, seine Stille mit meiner zu übertreffen. Wir sind müde. Edith bittet mich, mit ihm zu sprechen. Ich sage, ich wüsste nicht, worüber. Sie sagt, über Vergangenes, Gegenwärtiges, die Stille durchbrechen, Sprechen zu üben, nicht Schweigen. Ich sage, ich wüsste nicht, in welcher Sprache. Einerlei, sagt Edith. Ich sage, ich hätte nichts zu sagen. Edith resigniert. Vater gähnt, sein Oberkiefer springt aus dem Unterkiefer, die Zahnkufen reiben auf der Zunge, Edith unterdrückt ihr Schweigen, sagt, sie wolle einen Arzt rufen. Fäustlinge vor der Brust, ein Paar, eng aneinandergedrängt. Die Augen weit geöffnet. Ich versuche, seinen Kiefer wieder einzurenken, es gelingt mir nicht; ich denke, ich möchte nicht mit ihm sprechen, ich müsste sagen, fremd werde er in der Fremde sterben. Während wir den Orthopäden erwarten, fragt Edith, ob ich mich von Vater verabschiedet hätte. Schlucke meine Orakelspiele, wache nicht mehr nachts. Warte, warte worauf. Lausche dem Krachen des Kiefers; der Kieferorthopäde mit aufgekrempelten Ärmeln, Gummihandschuhen, wendet mir seinen Rücken zu, renkt ein, bevor er den Raum verlässt, nicht mehr lange, Vater werde das Jahr nicht überleben. Ich hätte gesagt, stets stirbt der Fremde, nie der Nächste, hätte ich gewusst, in welcher Sprache. |
88 Seiten, 21 x 13 cm, gebunden
ISBN 3-85420-662-3
15,50
![]() |
![]() |
Unsere lieferbaren Bücher | ![]() |
Aktuelles / Neuerscheinungen |
![]() |
Autorenportraits | ![]() |
Zurück zum Anfang |
|
A-8010 Graz Alberstraße 18 Tel: +43/(0)316/32-64-04 Fax: +43/(0)316/32-40-71 Stand vom 6. 6. 2005 |