AUTORENPORTRAIT
LITERATURVERLAG DROSCHL



Anna Kim



Anna Kim, geboren 1977 in Südkorea, studierte Philosophie und Theaterwissenschaft in Wien und
veröffentlicht seit 1999 in Literaturzeitschriften (u.a. ›manuskripte‹) und Anthologien.
2004 erhielt sie das Wiener Autorenstipendium.
Die Bilderspur ist ihr erstes Buch.

»Anna Kim schafft Wunderwerke der Irritation, schöne, goldene Kombinationen aus Wort und Klang.« (Anton Thuswaldner)
»Eine scharfe Beobachterin, mit Sinn für Rhythmus, hat ein fulminantes Sprachgebilde zustande gebracht.« (Der Standard)
»Anna Kim hat eine ganz eigene Sprache für sich gefunden.« (Wolfgang Beyer, ORF TV)




        Die Bilderspur

Der Vater, der Künstler und Ausländer:
eine sprachlich außergewöhnlich dichte Erzählung über Fremdheit und Entfremdung.

»Magische Sprachbilder … grandios« (Kleine Zeitung)

»Ein beeindruckendes Debüt und eine kleine zarte Geschichte vom Abschied nehmen … Anna Kim hat eine ganz eigene Sprache für sich gefunden.« (Wolfgang Beyer, ORF TV)

»ein beachtliches Sprachkunstwerk (…) so voller sprachlicher und thematischer Erfindungskraft« (Literaturhaus Wien)

»So wie die Protagonistin Bilder liest, liest die Autorin in der Gesellschaft, in der Landschaft, in den Gegenständen, in allen Spuren einer vermeintlichen Realität. Sie malt gewissermaßen neue Sprachbilder, erfindet Wörter, macht unbekümmert aus Substantiven nie gehörte Verben.« (Linda Stift, Wiener Zeitung)

»Bilder in Worten, von melancholischer Schönheit – eine Elegie über das Fremdsein schlechthin.« (NDR)

»Der Leser, die Leserin kann einen völlig überraschenden Zugang zur Sprache finden (…) ein Sprachkunstwerk ersten Ranges« (Susanne Jäger, ORF)

»Anna Kim überrascht mit poetischer Sprache und eigenwilliger Wahrnehmung (…) eine subtile, vielschichtige Parabel über die Suche nach ›Heimat‹ in der Sprache.« (Irmgard Schmidmaier, dpa)

»In freizügigem Umgang mit grammatikalischen Regeln, einer Fülle von Wortschöpfungen, überraschenden Vergleichen und neuen Bildern bringt Anna Kim die deutsche Sprache zum Klingen wie ein exotisches Instrument.« (Sabine E. Selzer, Pester Lloyd)




Suchen – Finden – Verlieren: das sind die drei Stadien dieser Erzählung der jungen Autorin Anna Kim. Der Vater, aus einer fremden Kultur stammend, ist Maler und bringt seiner Tochter, der Erzählerin, das Lesen von Bildern und einen besonderen Zugang zu ihnen bei. Die Fremdheit des Vaters spiegelt sich auch in der familiären Entfremdung wider. Immer wieder verschwindet er, kehrt in seine Heimat zurück, konfrontiert seine Tochter mit Abschieden, lehrt sie das Abschiednehmen – ein letztes Mal noch mit seinem langen Sterben. Die Suche nach dem Vater ist das Widerrufen seines Abschieds: die Zeremonien des Abschiednehmens müssen immer wieder und in verschiedenen kulturellen Kontexten durchgeführt werden. Das Fremdsein in einer Kultur, in einer Sprache, das ewige Suchen nach ›Heimat‹, durchzieht und bestimmt die Prosa von Anna Kim in vielerlei Formen, am auffälligsten in ihrer Sprache: in ganz ungewohnter Bildhaftigkeit, in einer Verkehrung der üblichen Verhältnisse im Satz, mit zahlreichen Neuprägungen entzieht sie dem Leser jedes Gefühl für die Sicherheit des Gewohnten. »Das Bilderlesen eine Fremdsprache«, heißt es einmal. Und doch: vielleicht gibt es Heimat nur in den Bildern? Die Bilderspur ist vieles zugleich: eine Künstlernovelle (mit einer spannenden Variante des ostasiatischen Motivs des in seinem Bild verschwindenden Künstlers), ein politischer Text um die Begriffe Exil und Fremde, eine Reflexion über Sprache und Bild und ein spannender Schritt auf sprachlichem Neuland; vor allem aber ist Die Bilderspur ein bewegendes Dokument über Entfremdung als paradigmatische Befindlichkeit der Gegenwart.



Textauszug

Im dritten Jahr: Haut und Knochen mein Vater, nur noch Ohren und Hände, die leben: Bei jedem metallischen Laut, jedem Schnalzen der Tür, ballen sich seine Finger zu Fäusten, pressen sich eng an die Brust, als wollte er Widerstand leisten. Zu viele Eingriffe, murmelt Edith, zu viel Schmerz. Wir haben das Lesen, Sprechen aufgegeben, Vater reagiert nicht mehr, hält seine Augen geschlossen. Kein Bild entlockt ihm Malen, kein Druck Gegendruck. Wäre sein Atem nicht an die Maschine gebunden, würden wir sein Sterben vergessen. An seinem Becken zwei Becken, zwei Löcher, vier breit, vier hoch, vier tief; man hat Medikamente verschrieben, zeitweises Braten der anderen Seite, es scheint sie jedoch nur zu düngen. Man sagt, sie würden Vater verschlucken, Bissen um Bissen. Er ist mir fremd im Sterben. Öffnet er kurz seine Augen, erkenne ich ihn nicht. Eine eigenartige Stille umgibt ihn, zwingt mich, seine Stille mit meiner zu übertreffen. Wir sind müde. Edith bittet mich, mit ihm zu sprechen. Ich sage, ich wüsste nicht, worüber. Sie sagt, über Vergangenes, Gegenwärtiges, die Stille durchbrechen, Sprechen zu üben, nicht Schweigen. Ich sage, ich wüsste nicht, in welcher Sprache. Einerlei, sagt Edith. Ich sage, ich hätte nichts zu sagen. Edith resigniert. Vater gähnt, sein Oberkiefer springt aus dem Unterkiefer, die Zahnkufen reiben auf der Zunge, Edith unterdrückt ihr Schweigen, sagt, sie wolle einen Arzt rufen. Fäustlinge vor der Brust, ein Paar, eng aneinandergedrängt. Die Augen weit geöffnet. Ich versuche, seinen Kiefer wieder einzurenken, es gelingt mir nicht; ich denke, ich möchte nicht mit ihm sprechen, ich müsste sagen, fremd werde er in der Fremde sterben.
Während wir den Orthopäden erwarten, fragt Edith, ob ich mich von Vater verabschiedet hätte. Schlucke meine Orakelspiele, wache nicht mehr nachts. Warte, warte worauf. Lausche dem Krachen des Kiefers; der Kieferorthopäde mit aufgekrempelten Ärmeln, Gummihandschuhen, wendet mir seinen Rücken zu, renkt ein, bevor er den Raum verlässt, nicht mehr lange, Vater werde das Jahr nicht überleben.
Ich hätte gesagt, stets stirbt der Fremde, nie der Nächste, hätte ich gewusst, in welcher Sprache.


Die Bilderspur
Erzählung

88 Seiten, 21 x 13 cm, gebunden
ISBN 3-85420-662-3
€ 15,50

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Stand vom 6. 6. 2005