Herbst 2017

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Gertraud Klemm
Erbsenzählen
Roman

160 Seiten, August 2017

Wie kann man in einer von Regeln und Normen durchdrungenen Welt frei leben? Vor nicht weniger als dieser Frage steht die fast 30-jährige Annika. Job geschmissen, mehr kellnernd als studierend lehnt sie sich nonchalant gegen die unsägliche Erbsenzählerei auf: Ehe, Kinder, Eigenheim? Vielleicht noch ein bisschen Karriere? Das soll alles sein? Aber wie lassen sich Ideal und Lebenswirklichkeit vereinbaren, wenn die Gefühlswelt zu ihrem fast doppelt so alten Partner Alfred durcheinandergerät oder sie die »Stieftussi« für dessen 13-jährigen Sohn Elias spielen muss? Gelingt das Entrinnen aus den Mühlen der Bürgerlichkeit? Ebenso scharfzüngig wie humorvoll erzählt Gertraud Klemm von einer Frau, die sich der neoliberalen Leistungs- und der traditionellen Wertegesellschaft zu entziehen versucht.

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Laura Freudenthaler
Die Königin schweigt
Roman

208 Seiten, August 2017

Gezeichnet vom Leben verbringt die sowohl stolze als auch verletzliche Fanny ihren Lebensabend, alleine. Vergessen möchte sie, denn die Toten soll man ruhen lassen. Und doch trifft Fanny unentwegt auf die Gespenster und Tragödien der Vergangenheit: die Kindheit in den 1930ern, ihre Ehe mit einem »Roten« und die ambivalente Beziehung zu ihrem Sohn Toni.

Die Königin schweigt ist ein hochgradig psychologischer Roman, der ein dichtes Netz aus Erinnerungsfragmenten spinnt. Beeindruckend, wie souverän Laura Freudenthaler in ihrem Debütroman das ganze Leben ihrer Heldin erzählt.

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Lydia Davis
Samuel Johnson ist ungehalten
Stories

Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer
216 Seiten, August 2017

Ein Paar befürchtet, ihre Freunde könnten sie für Langweiler halten; eine Frau führt uns vor, wie schwierig es ist, Prioritäten im Alltag herzustellen; ein Bestattungsunternehmen bekommt einen Beschwerdebrief wegen sprachlicher Unzulänglichkeiten in seinem Werbematerial: Willkommen in der Welt der Lydia Davis! Es sind Erzählungen, die manchmal 30 Seiten, manchmal nur 1 Zeile lang sind, und immer die Tücken des Verhältnisses von Sprache und Welt verhandeln – mit Ernst und Witz und Tücke, ungewöhnlich und raffiniert und niemals langweilig! Eine Offenbarung für alle, die wissen wollen, was Literatur eigentlich kann und wie sie das anstellt.

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Friedrich Kröhnke
Wie Dauthendey starb

120 Seiten, Juli 2017

Hielte ein Schriftsteller seine Poetikvorlesung auf derlei Art, wie es die abgehalfterte Hauptfigur – der auf dem Abstellgleis des Literaturbetriebs stehende Kröck – tut, er wäre vernichtet. Wie Dauthendey starb – das sind Ausschnitte aus dieser Vorlesung, die rasant erzählt zu einem verschlungenen Gedankendschungel auswachsen: Geht es um Dauthendeys Sterben 1918 in der Ferne, geplagt von Sehnsucht und Krankheiten? Das Reisen und Schreiben? Oder um die Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit? Und wo findet der Exotist Kröck als Erbe Dauthendeys selbst seinen Platz? Kröhnkes Protagonist vollzieht eine überraschend schmerzliche Selbstentblößung

Ilse Helbich

Ilse Helbich
Im Gehen
Gedichte

72 Seiten, August 2017

Pointierter noch als in ihren Erzählungen und Aufzeichnungen bringt diese Auswahl an Gedichten Ilse Helbichs Welterfahrung auf den Punkt. Es ist die intensive Kraft ihrer Wahrnehmung – sowohl von Natur, als auch von Menschen und Begegnungen –, durch die die Gegenstände in ein unverwechselbares Licht gestellt werden. Man kennt Helbich als kluge, unsentimentale Chronistin des hohen Lebensalters, als die Autorin präziser und gleichwohl poetischer Erinnerungen, sie hat aber auch, Mitte der 1970er Jahre beginnend, immer wieder Gedichte geschrieben – aus denen sie nun erstmals eine Auswahl an die Öffentlichkeit bringt.

Elfriede Gerstl

Elfriede Gerstl
Das vorläufig Bleibende
Werke Band 5
Texte aus dem Nachlass und Interviews

Herausgegeben von Christa Gürtler und Martin Wedl
ca. 360 Seiten, Juni 2017

Bisher unbekannte Texte aus sechs Jahrzehnten finden sich im abschließenden Band der Werkausgabe; darunter auch so manche Überraschung, denn wer hätte gedacht, dass die erklärte »Anti-Naturalistin« auch einige heiter-ironische Tiergedichte verfasst hat?

Neben Lyrik, Prosa, Träumen, Reflexionen und Denkkrümeln versammelt der Band Gespräche, in denen Elfriede Gerstl (1932-2009) mitunter sehr offen über ihre traumatischen Erfahrungen im Holocaust und die Mühen einer Randexistenz in der österreichischen Avantgarde spricht

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Julien Gracq
Das Abendreich
Roman. Aus dem Französischen von Dieter Hornig

224 Seiten, Mai 2017

Gracq gibt seinen eigenen Erfahrungen an der Front im Zweiten Weltkrieg eine Färbung, die den Krieg einerseits in beinahe surrealistisches Licht taucht, andererseits daraus eine Art Vorläufer der phantastischen Reiche und mythischen Endkämpfe bei Tolkien macht. Die Mythen der europäischen Romantik werden mit denen des phantastischen Romans verschmolzen, in einer Stilistik, die ihresgleichen sucht.

Die unerhörte Eindringlichkeit der gracqschen Prosa ist in diesem Roman aus den frühen 50er-Jahren, den der Autor nie zur Veröffentlichung freigab, so intensiv wie in seinen großen Romanen dieser Zeit, Das Ufer der Syrten und Der Balkon im Walde.

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