Buchcover
Susanne Gregor

Territorien

Roman
2015
gebunden , 13 x 21 cm
208 Seiten
ISBN: 9783854209669
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Ich nehme einen tiefen Atemzug, die Abendluft ist kühler geworden, seit es täglich regnet, und dennoch fühle ich Schweiß auf meiner Stirn, fühle Erschöpfung in meinen Knochen, sehe auf meine Beine hinab, die Streitigkeiten ermüden mich, lass mich bitte einfach mal kurz allein, sage ich zu Samuel, der herauskommt, um mich zu suchen, lass mich einfach, sage ich, und er zuckt mit den Schultern und geht hinein, lässt aber die Tür offen, ich gehe den Weg hinauf zum Nachbarhaus, und als ich daran vorbeikomme, gehe ich zum nächsten und nächsten und sehe in die abendlichen Fenster zu den Familien hinein, die zusammen beim Essen sitzen, die Gerüche von Fleisch und Bohnen dringen aus den offenen Fenstern und Türen, und ich frage mich, werden wir hier je zu dieser Normalität finden, Samuel und ich, wird sich jemals so etwas wie Gewöhnlichkeit einstellen, so wie wir sie in Wien hatten, mit über dem Abendessen erzählten Erlebnissen, wie viel Sicherheit lag doch in der Wiederkehr dieser Rituale, und wie sehr täuschte sie mich, hat Vali vielleicht doch recht und es gibt sie gar nicht, man kann sich nicht am Leben anderer festhalten, hatte sie mich gewarnt, als ich mich in Samuel verliebte und nur noch Zeit mit ihm verbringen wollte, niemand ist unzerbrechlich, verstehst du, du setzt dich auf einen wackligen Stuhl und hoffst, dass er dich hält, sei nicht überrascht, wenn du mit blauen Flecken am Boden landest, und ich murmelte, Samuel ist doch kein wackliger Stuhl, und sie lachte, er ist nicht mehr oder weniger wacklig als die anderen, du musst den Halt in dir selber suchen, verstehst du, und ich dachte damals, ja, jetzt verstehe ich, warum sie selbst mit solcher Hingabe jede Beziehung ihrer Arbeit opfert.
Ich habe keine Zeit für diesen Quatsch, sagt sie immer nach dem ersten Streit mit dem nächsten Freund und macht Schluss, und ihre Augen glänzen vor Stolz, als würde sie den Mann in den Vulkan werfen, als Opfergabe für die Götter der Selbstständigkeit, während ich immer wieder mit Samuel ringe, wem darf es gut gehen und wer muss leiden, wer bringt die größeren Opfer, wie lange muss ich noch aushalten und wann darf ich gehen.

Ein nächtlicher Telefonanruf ändert alles: Als ihr Schwiegervater stirbt, fliegt Emma, im fünften Monat schwanger, mit ihrem nicaraguanischen Mann Samuel zum Begräbnis nach Managua, wo ihn eine problematische Erbschaft erwartet. Emma steht vor der Entscheidung, ihr bisheriges Leben und ihre Arbeit an der Universität aufzugeben und ein ungesichertes Leben im Kreis von Samuels Familie zu führen – oder ihre Ehe aufzugeben, nach Wien zurückzukehren und ihr Kind allein zu bekommen. Immer aussichtsloser scheint, dass sich die verschiedenen Lebensziele der beiden treffen, so wie einst ihre Füße unter der Bettdecke.

Was sich in der tropischen Hitze Nicaraguas in den letzten Monaten von Emmas Schwangerschaft abspielt, ist mehr als eine dramatische Beziehungskrise. Und doch, in Territorien wird weder ein Kampf der Geschlechter noch einer der Kulturen ausgetragen, sondern der des modernen Ichs um Autonomie und Selbstbestimmung. Eine bis dahin fast idyllische interkulturelle Partnerschaft zeigt sich auf einmal mit all ihren Abgründen, und Susanne Gregor zeichnet die allmähliche Entfremdung des Paares minutiös und detailgenau nach, mit großer Empathie und mit Sätzen, deren Suggestivkraft man sich nicht entziehen kann.

Veranstaltungen

  • 6. März 2017, 17:00
    Bratislava, Kulturforum

Presse

»Susanne Gregor zeichnet in ihrem Roman eine Migrationsgeschichte nach. Sie verläuft gleichsam in umgekehrter Richtung – und wirft die Betroffenen trotzdem aus allen Bahnen.« (Samuel Moser, NZZ)

»Ein von Anfang an packender, ausdrucksvoller, intensiver Roman von besonderer erzählerischer Souveränität. Nachdrücklich empfohlen.« (Freya Rickert, ekz Bibliotheksdienste)

»Susanne Gregor ist eine Autorin mit großen erzählerischen Fähigkeiten. Der Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin entwickelt große Sogwirkung.« (Helmut Gollner, Falter)

»Der Mikrokosmos der Liebe mit all seinen temperaturschwankenden Dimensionen steht im Mittelpunkt des sprachlich gelungenen Romans.« (Margret Lammert, Weiberdiwan)

»Der Stream of Consciousness lässt eine Vielzahl an Emotionen auf den Leser einprasseln, denen man sich nicht entziehen kann.« (Alex Wagner, fm4)

»Gregor durchleuchtet hintergründig die Beziehung ihrer Protagonisten, die nach außen noch harmonisch wirkt, in der sich aber auf allen Ebenen zusehends Abgründe auftun.« (Simone Klein, Bibliotheksnachrichten)

»Mit ihrem sprachbewussten Roman erzählt Gregor unter anderem eine Geschichte von Macht – und wie abhängig jemand werden kann, der in der Fremde lebt. Ein wichtiger literarischer Beitrag zu Migrationsdebatten also – aber so wie Gregor ihren Roman erzählt, bietet sie zugleich viel mehr als eine Geschichte über das Zusammenprallen von Kulturen.« (Brigitte Schwens-Harrant, Die Furche)

»Eine Gnadenlosigkeit wohnt dieser Autorin inne, die einen staunen lässt. So jemanden wie Susanne Gregor brauchen wir für die Literatur, ihr Roman ist harter Stoff.« (Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten)

»Mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen arbeitet Gregor heraus, wie labil die meisten Paardynamiken sind, wenn man die Beteiligten erst einmal aus ihrem Alltagstrott herausreißt.« (Anja Kümmel, Fixpoetry)

Top