Buchcover
César Aira

Stausee

Roman
2000
engl. Broschur , 15 x 21 cm
220 Seiten
Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
ISBN: 9783854205418
€ 19,00

AUTOREN

  • César Aira

Textauszug

Ein paar Tage später trat nachmittags das erste wirklich seltsame Ereignis ein, und zwar in einem Augenblick, in dem es Martín unbegreiflich erschien, daß er und seine Familie in Embalse, überhaupt in Córdoba, Ferien machten. Dieser Gedanke überkam ihn ohne ersichtlichen Grund, einfach so. Ja, wirklich, was taten sie eigentlich hier? Die Antwort lag klar auf der Hand, ein jeder konnte sie ganz selbstverständlich formulieren: Sie erholten sich. Nur Martín mochte das nicht ganz so offensichtlich erscheinen. Er war der Auffassung, daß man sich im Laufe eines Tages von einer Anstrengung erholen konnte. Sich aber wochen- oder monatelang erholen? Das war schon keine Erholung mehr, das war Leben. Und vorher, unter normalen Umständen, hatten sie ja auch gelebt. Konnte man also zum zweiten Mal leben? Absurd. Es war das gleiche und doch wieder nicht, sagte sich Martín, auf der Galerie stehend (er saß nicht im Liegestuhl, die Stunde seines Whiskys war noch nicht gekommen) und die Bäume betrachtend. Die fremde und zugleich schon ganz vertraute Landschaft, die unsichtbar hinter der Vegetation lag, zwischen ansteigendem und abfallendem Gelände, das immer gleich und doch jedesmal anders war, trug zu diesem Gefühl bei. In diesem Augenblick geschah das Unerwartete.

Aus dem Dickicht drang ein Schrei, der von Karina kam. Eine Art Kreischen, weniger ein Rufen als eine Äußerung des Erstaunens, zwar nicht besonders beunruhigend, doch mit einer schwachen, aber deutlich wahrnehmbaren Spur von Entsetzen darin. Letzteres nahm Martín besonders wahr; denn das junge Mädchen hatte das Baby bei sich, es war mit dem Kind auf dem Arm spazierengegangen. Sofort setzte er sich in Bewegung. Er war feige, wie jeder normale Mensch, hatte jedoch seine Automatismen, diesen filmischen Impuls, eine Mischung aus Pflichtbewußtsein, nutzlosem Ehrgefühl und Skrupel. Er hätte auch bleiben können, wo er war, und abwarten. Oder er hätte sie laut rufen können. Er war alleine; Adriana war mit Franco zur »Seebrise« gefahren, wo sie eine Cola trinken wollten. Nach dem Schrei war nichts mehr zu hören außer den Vögeln, die in der Ferne zwitscherten, die üblichen Geräusche.

Wie in all seinen Werken stellt der Argentinier César Aira, in seiner Heimat vielgepriesener Autor zahlreicher Romane und Erzählungen, in seinem Roman Stausee, der 1987, wenige Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, entstand, die Wirklichkeit literarisch und philosophisch in Frage. Mit Poesie und feinem Humor entfaltet er dabei eine verblüffende, die klassischen Regeln von Psychologie und Wahrscheinlichkeit missachtende erzählerische Freiheit.

Aus der Perspektive des menschenscheuen Martín, der mit Frau und Kindern in dem kleinen Ort Embalse im Landesinnern ein Ferienhaus an einem Stausee gemietet hat, schildert Aira den banalen Erholungsalltag eines melancholischen Grüblers, den bald skurrile Phänomene in ihren Bann ziehen. Sonderbare Hühner, ein verrückter Professor und sein Fischzuchtbetrieb, in dem sich ein Labor für gentechnische Experimente an berühmten Fußballern verbirgt, vor allem aber Martíns düstere Ahnungen lassen eine unheilvolle, spannungsgeladene und zunehmend fantastische Atmosphäre entstehen.

Als Martín, tragikomischer Held wider Willen, den Machenschaften des Professors auf die Spur zu kommen droht, eskaliert der Wahnsinn nuklear, grotesk und argentinisch gefärbt: die Militärs kehren zurück.

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