Buchcover
Eleonore Frey

Muster aus Hans

Ein Bericht
2009
gebunden , 13 x 21 cm
120 Seiten
€ 18,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Zeit ist Geld! sagt einer, der Hans beibringen will, was das Leben von einem Mann verlangt. Geld und Zeit ist zweierlei, weiß Hans. Zeit kann man nicht haben, und sie kann einem auch nicht gestohlen werden. Zeit ist, dass es fünf Uhr in der Früh ist oder zwanzig nach eins. Um sieben Uhr abends hört Hans jeweils das Zeitzeichen. Die Zeichen der Zeit jedoch sagen ihm nichts. Was die andern so nennen, ist ihm ein Anblick oder ein Geräusch oder ein Ereignis. Manchmal gefällt es ihm, manchmal auch nicht. Mit Zeit hat es nichts zu tun. Es ist langweilig oder gefährlich oder ein Lärm oder stillschweigend. Es geht vorbei. Rascher, langsamer. Oder es dauert. Wenn es lang genug gedauert hat, ist es kein Zeichen mehr, sondern ein Zustand. Schlechte Zeiten, sagt man dann. Es können auch gute sein, aber das sagt man selten. Hans versteht diese Reden nicht. Dagegen: Es ist Zeit zu gehen, hat er einmal jemanden sagen hören. Höchste Zeit sogar. Das hat er begriffen, weil die Situation, in der es gesagt wurde, für sich selber sprach. Damit war gemeint: Jetzt. Gleich.

So lebt Hans ohne Zeit, so gut das eben unter Zeitgenossen geht. Dort, wo sie stillsteht, begegnet er den Tieren und den Märchen. Die sind ihm zeitgemäß. Was ihnen einmal war, gilt immer, und ihre Zukunft ist ewig, weiß Hans, setzt sich auf eine Bank und macht blau. So kann man nicht leben, sagen die andern und eilen an Hans vorbei. Der bleibt zurück. Manchmal bleibt einer stehen und schaut Hans ins Gesicht. Dieser jemand ist oft ein Kind. Oder, wir wissen schon, ein Dichter. Kinder und Narren! sagen die, die eben noch vorbeieilten, und jetzt sind sie bereits beinahe auf dem Gipfel ihrer Wünsche. Sie wissen, wo es mit ihnen hin soll. Hans weiß das nicht. Er ist kein Kind. Und auch kein Narr. Sein Name ist Hans.

»Hans ist anders als die anderen. Das sind die anderen auch. Es ist sein Anderssein, das anders ist.« So steht es am Beginn von Eleonore Freys Muster aus Hans. Mit denselben Worten wäre auch das ganze Buch treffend charakterisiert. Jeder Satz, der diesen Eingangssätzen folgt, hält inhaltlich und stilistisch, was die ersten drei versprechen.

Hans ist eine jener Gestalten, die auf Biegen und Brechen nicht in die geschäftige Welt der gewöhnlichen Menschen passen wollen. Massig, bärtig, stumm steht Hans immer im Weg, er ist einer jener von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, die viele fürchten und mehr noch beschimpfen. Ihrem Namen und Alter von dreiunddreißig Jahren entsprechend ist die Figur durchaus als Exempel zu verstehen.

Gleichzeitig bleibt Hans ein Einzelfall. Sein Denken, das ein Denken in kleinen Schritten ist, macht sein Anderssein einzigartig. Freys Sprache passt sich diesem Rhythmus an und kommt damit viel weiter, als alle komplexe Theorie den Leser je bringen könnte. In kleinste Portionen unterteilt, überraschen die tiefsten Einsichten durch verblüffende Einfachheit.

Muster aus Hans. Ein Bericht. Schon im Titel klingt der Tonfall des Buches an, der das wunderbare Paradoxon schafft, gänzlich nüchtern und gleichzeitig poetisch verfremdend zu sein. Wie der Titel changiert dieses Buch zwischen Wirklichkeit und Märchen – denn gerade das ist es am Ende, wenn der wilde Mann zum König wird, doch.

»… kann ich nicht manchmal mit der Geige sagen, was ich in Worten nie gewusst habe?«, fragt sich Hans’ Freund, und es sind diese Stellen, an denen uns beim Lesen plötzlich bewusst wird, was hier passiert: Eleonore Frey schreibt Sätze, die uns sagen, was wir in Worten bis jetzt nicht gewusst haben.

Presse

»Das sind 100 Seiten dichter, intensiv leuchtender Prosa. Sie vergegenwärtigen in achtzehn Fragmenten, ›Mustern‹ eben, den eigenwilligen Protagonisten und sein Umfeld, zugleich kompakt erzählend und klug reflektierend. (…) ein betörendes Buch.« (Hans Ulrich Probst in seiner Laudatio anläßlich der Nominierung zum Schweizer Buchpreis 2009)

»Wie Hans mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit kollidiert und gegen ihre Konventionen aufbegehrt, das zeigt dieser literarische ›Bericht‹ auf mustergültige Art.« (52 beste Bücher, DRS 2)

»Das Außergewöhnliche an Eleonore Freys Buch ist, dass sie dem Leser die Welt von Hans nahe bringt, ohne ein Wort über das Krankkeitsbild Autismus zu verlieren oder zu psychologisieren. Allein über die Sprache führt sie den Leser zu der Erkenntnis, dass er sich mit einer Welt und Wahrnehmung auseinandersetzt, die nicht die seine ist.« (Marie-Thérèse Vu, art TV)

»Was das Buch so richtig zum Leuchten bringt, ist sein Doppelcharakter zwischen poetologischer Selbstreflexion und Märchen. Das manifestiert sich auch in der Sprache, in der sich Leichtigkeit mit poetischer Energie verbindet.« (Christine Lötscher, Tages-Anzeiger)

»Ein wundervolles Buch, eine beglückende Leseerfahrung und zugleich der schönste Traktat über die Liebe, den ich seit langem gelesen habe.« (Martin Schneider, Darmstadt)

»Eleonore Frey gehört seit vielen Jahren zu den originellsten, eigenständigsten und konsequentesten Stimmen der Schweizer Literatur. In Muster aus Hans macht sie für uns das Andersseins ihres Protagonisten erlebbar. Ein ganz aussergewöhnliches Buch.« (Manfred Papst, NZZ am Sonntag)

»Sätze von außerordentlicher Schönheit.« (Weltexpress)

Das Buch ist »geschrieben mit einem staunenswerten Einfühlungsvermögen, mit dessen Hilfe ein sehr authentisches, auch in seiner Widersprüchlichkeit nachvollziehbares Portrait entsteht.« (Darmstädter Echo)

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