Buchcover
Lydia Davis

Kanns nicht und wills nicht

Stories
2014
gebunden , 13 x 21 cm
304 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer
ISBN: 9783854209553
€ 23,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Das Hundehaar

Der Hund ist weg. Er fehlt uns. Wenn die Türglocke läutet,
bellt keiner. Wenn wir spät nach Hause kommen, erwartet
uns keiner. Wir finden im Haus und an unseren Kleidern immer
noch hier und da seine weißen Haare. Wir zupfen sie ab.
Wir sollten sie wegwerfen. Aber sie sind alles, was uns von
ihm geblieben ist. Wir werfen sie nicht weg. Wir haben eine
unsinnige Hoffnung – wenn wir bloß ausreichend von ihnen
aufsammeln, können wir den Hund wieder zusammensetzen.

Zirkuläre Geschichte

In den frühen Morgenstunden des Mittwoch gibt es draußen
auf der Straße immer ein Spektakel. Ich wache davon auf und
frage mich jedes Mal, was los ist. Es ist immer der Müllwagen,
der den Müll abholt. Der Wagen kommt jeden Mittwoch in
den frühen Morgenstunden. Immer weckt er mich auf. Immer
frage ich mich, was es ist.

Idee für einen Anstecker

Zu Beginn einer Eisenbahnfahrt suchen sich die Leute einen
guten Sitzplatz, und manche von ihnen sehen sich die Leute,
die in der Nähe bereits ihren Sitzplatz gefunden haben, genau
daraufhin an, ob sie gute Sitznachbarn abgeben werden.
Es wäre vielleicht hilfreich, wenn jeder von uns einen kleinen
Anstecker trüge, auf dem zu lesen ist, inwiefern wir andere
Passagiere wahrscheinlich oder wahrscheinlich nicht stören
werden, wie z.B.: Werde nicht mit dem Handy telefonieren;
werde keine übelriechenden Nahrungsmittel essen.
Auf meinem stünde unter anderem: Werde überhaupt nicht
mit dem Handy telefonieren, ein kurzes Gespräch mit meinem
Mann zu Beginn der Heimreise vielleicht ausgenommen,
in dem ich meinen Besuch in der Stadt zusammenfasse, oder,
seltener, auf der Fahrt in den Süden, einen raschen Hinweis an
eine Freundin, dass ich mich verspäten werde; werde aber fast
während der ganzen Fahrt die Lehne meines Sitzes so weit wie
möglich nach hinten stellen, außer wenn ich meinen Lunch
esse oder eine Kleinigkeit zu mir nehme; verstelle sie vielleicht
aber während der ganzen Fahrt hin und wieder ein wenig nach
oben und hinten; werde früher oder später etwas essen, gewöhnlich
ein Sandwich, manchmal Salat oder einen Becher
Reispudding, das heißt, zwei – wenn auch kleine – Becher
Reispudding; das Sandwich, fast immer mit Schweizer Käse,
wenn auch mit sehr wenig Käse, in Wahrheit mit einer einzigen
Scheibe, und mit grünem Salat und Tomate, wird keinen
nennenswerten Geruch entwickeln, zumindest soweit ich das
beurteilen kann; passe beim Salat auf, so gut es geht, obwohl
Salat essen mit einer Plastikgabel riskant und kompliziert ist;
passe gut beim Reispudding auf, indem ich kleine Bissen nehme,
aber wenn ich den Deckel vom verschlossenen Becher entferne,
kann es einen Moment lang ein Reiß-Geräusch geben;
werde den Verschluss meiner Wasserflasche vielleicht mehrmals
aufschrauben, um einen Schluck Wasser zu trinken, besonders
während ich mein Sandwich esse und etwa eine Stunde
danach; bin vielleicht etwas unruhiger als andere Fahrgäste
und werde meine Hände während der Fahrt mehrere Male mit
einem Desinfektionsmittel aus einer kleinen Flasche reinigen,
um sie danach manchmal mit einer Lotion einzureiben, was
heißt, dass ich in meine Handtasche greife, einen kleinen Kulturbeutel
herausnehme, den Reißverschluss auf- und, wenn
ich fertig bin, wieder zuziehe und ihn in die Handtasche zurückgebe;
werde aber vielleicht ein paar Minuten oder mehr
absolut ruhig dasitzen und zum Fenster hinausschauen; tue
während des Großteils der Fahrt nichts anderes als ein Buch zu
lesen, ausgenommen das eine Mal, wenn ich die Toilette aufsuche
und den Gang entlang- und wieder zurückgehe; vielleicht
aber lege ich an einem anderen Tag das Buch alle paar Minuten
aus der Hand, nehme ein kleines Notizbuch aus der Handtasche,
entferne den Gummiring drumherum und schreibe etwas
in mein Notizbuch; oder ich reiße während der Lektüre
einer alten Nummer einer Literaturzeitschrift ein paar Seiten
heraus, um sie aufzubewahren, werde mich aber bemühen, das
jeweils nur dann zu tun, wenn der Zug in einer Station anhält;
werde schlussendlich vielleicht nach einem Tag in der Stadt
meine Schnürsenkel aufbinden und die Schuhe während eines
Teils der Reise ausziehen, besonders dann, wenn die Schuhe
nicht sehr bequem sind, um meine nackten Füße dann auf die
Schuhe anstatt direkt auf den Boden zu stellen, oder werde –
äußerst selten – die Schuhe ausziehen und, sofern ich welche
dabei habe, Pantoffeln anziehen und diese, bis knapp vor dem
Erreichen meines Ziels, anbehalten; Füße sind aber weitgehend
sauber und Zehennägel mit einem schönen, dunkelroten
Nagellack lackiert.

Ihre Erzählungen sind manchmal buchstäbliche Einzeiler; oder es sind lange geduldige Beobachtungen von Kühen im Laufe eines Winters vom Küchenfenster eines Landhauses aus. Ihre Stories können aber auch Träume sein, Beschwerdebriefe (an Tiefkühlerbsenproduzenten oder Autoren von Buchhändler-Werbebroschüren) oder Geschichten, die aus den Briefen Flauberts kondensiert wurden.

Lydia Davis schreibt in allen Fällen mit großer Präzision, mit Witz und Intelligenz und einem geschärften Blick für die Unerfreulichkeiten des täglichen Lebens. Da sie nichts als gegeben hinnimmt, überschreitet sie auch ständig die Grenzen der literarischen Konventionen, der Genres und Gepflogenheiten – und das macht ihr Werk zu einer Fundgrube für überraschende Entdeckungen. Sie scheut weder das intellektuelle Vergnügen noch die Nähe der Intimität. Ob es sich um die ironische Aufzählung von Lesevorlieben handelt oder um die ungemein intimen Erinnerungen einer Frau an ihre verstorbene ältere Schwester, um die trocken notierten Schwierigkeiten mit renitenten Dienstmädchen oder die Essgewohnheiten von Großstadtneurotikern: Lydia Davis zu lesen erweitert nicht nur den Horizont, es weist uns auch auf unerwartete Freuden in unser aller rätselhaftem Alltag hin.

 

Presse

»Lydia Davis ist ein Star des literarischen Amerikas. Ihre ›Stories‹ – Miniaturen in Prosa – sind präzise, witzig, philosophisch und gelten als neue Gattung.« (Susanne Meyer, DIE ZEIT)

»Einer der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur heute.« (The New Yorker)

»Für einen Kopf, der Ferien macht, eine traumhafte Beschäftigung. Wer sich Davis′ Texten überlässt, fängt irgendwann an, in den eigenen Erfahrungen das Unverwechselbare zu entdecken.« (Claudia Voigt, Spiegel Online)

»Die amerikanische Autorin Lydia Davis ist ein Genie der literarischen Kurzform, wie ihr Band Kanns nicht und wills nicht eindrucksvoll beweist.« (Jan Wiele, FAZ)

»Lydia Davis öffnet Räume. Bei vielen kleinen Geschichten gehen ganz viele Türen auf und der Leser selbst füllt diese Türen mit seiner eigenen Imagination. Das hat einen großen Zauber, weil man plötzlich wieder anfängt, die eigene Phantasie spielen zu lassen.« (Nicola Steiner, Literaturclub Schweizer Fernsehen)

»Unverwechselbar die Kreuzung eines schlank-lakonischen Sprachduktus mit fein verschlungenen Gefühlserkundungen und Gedankengängen.« (Angela Schader, NZZ)

»Ein hervorragender Band (…) ihre Kunstfertigkeit liegt im nüchternen Ausdruck, in der glasklaren Selbstbeobachtung, die nicht selten etwas Komisches hat.« (Fatma Aydemir, taz)

»Mutmaßungen über die Sorgen einer Kuh, die Farbe von Tiefkühlerbsen oder alter Fisch – Lydia Davis ist eine Meisterin der alltäglichen Beobachtungen. (…) Hier wird gesagt, was gesagt werden muss, und zwar so, wie es gesagt werden muss.« (Sacha Verna, Deutschlandfunk)

»Davis schafft es mit nur einem Satz, die Wahrnehmung ihrer Leser aus dem Gleichgewicht zu bringen und mit unerwarteten Wendungen und skurrilen Brüchen auch in längeren Texten für intellektuelle Wow-Momente zu sorgen.« (Christoph Hartner, Kronen Zeitung)

»Ein Kompendium der Fantasie, das frei atmet und lacht und weint und dem Leben hingegeben ist.« (Alexander Widner, Die Presse)

»Lydia Davis besitzt das große Talent, Gedanken, die wir uns alle schon einmal gemacht haben, so zu formen und zu verdichten, dass wir unser eigenes Leben, unsere eigenen Beobachtungen darin gespiegelt sehen.« (Armgard Seegers, Hamburger Abendblatt)

»Sie kann in Köpfe schauen, meint man, und in Herzen.« (Philipp Holstein, Rheinische Post)

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