Buchcover
Gertraud Klemm

Herzmilch

Roman
2014
gebunden , 13 x 21 cm
240 Seiten
ISBN: 9783854208488
€ 20,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Ich sitze auf dem Schoß eines Buben. Wir feiern im Keller, denn dort ist der beste Platz. Mürrische Väter haben goldene Hände, Keller werden zu Partyebenen umgebaut, unempfindliche Böden werden verlegt, Bauernstuben mit einer Bar und Barhockern, und eine Stereoanlage, aus der Madonna plärrt. Hier kann man ungestört von den Blicken der Eltern dem Verstoß gegen Verbote nachgehen: Für uns heißt das erst einmal Alkohol in süßen Säften verstecken und beiläufig Berührungen sammeln. Ich weiß gar nicht, wie er heißt, ob das erlaubt ist oder angebracht, und was das soll. Es ist einfach passiert, und es passiert noch immer, jede Sekunde, jeder Quadratzentimeter der Kontaktfläche zwischen dem Bubenschoß und meinem Gesäß, jedes Atom des warmen nach Milch riechenden Bubenatems in meinem Nacken. Dort stellen sich die Härchen auf, erst ist es nur eine Art Wärmeaustausch, doch da drückt etwas durch die Hose des Buben, durch meine Hose durch und gegen meine Innenschenkel, eine Erektion also, so fühlt sich das an, einerseits ekelt mir bei der Vorstellung, wie sich der gewiss blasse Penis sehnsüchtig gegen den Jeansstoff drängt, andererseits schmeichelt mir, dass ich der Auslöser für diese organische Metamorphose bin, von der Sitzgelegenheit zur Fortpflanzungsgelegenheit. Der, auf dessen Schoß ich sitze, hält ganz still, ich hätte ihn mir niemals ausgesucht, er ist erstens rothaarig und müsste zweitens mindestens zwei Jahre älter sein, aber ich habe zwei »Frosch« getrunken und gleite wie auf Rollen durch den Partykeller, und ich frage mich, wie lange so eine Erektion aufrecht bleibt, ohne Aussicht auf Erfüllung ihrer Aufgabe, und ob sie irgendwann nachlässt. In 15 Minuten holt mich die Mutter, in 13 Minuten, in Millionen Mikromomenten, die mir plötzlich peinlich sind; was, wenn wir uns ansehen, wie sieht das Gesicht zur Erektion aus?

In einem großen Haus voller Kinder wächst ein Mädchen auf wie alle anderen; statt für Puppen interessiert sie sich für Wasserkäfer, und dass im Fernsehen immer nur Männer kochen, irritiert sie. Sie wird allmählich erwachsen – Diätwahn, sexuelle Eskapaden, Zorn, Sehnsucht, Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel inbegriffen. Sie lässt sich treiben, von Schule zu Uni zu Arbeitsplatz, von Beziehung zu Beziehung – immer auf der Suche nach ihrer Bestimmung »als Frau«, hinter der sie dumpf die Mutterschaft vermutet (und befürchtet): Alle Welt scheint nichts anderes im Kopf zu haben als sich fortzupflanzen. Aber so viel Unentschlossenheit geht nicht allzu lange gut.

Gertraud Klemms Droschl-Debüt ist ein vor Lebendigkeit sprudelnder Roman mit wachem, klarem Blick auf alte und neue Geschlechterrollen. Sein Witz und sein Humor übertönen aber nie den Ernst der Lage – nämlich die Trägheit der Verhältnisse, den Druck der inneren Zwänge und Neurosen und die Aussichtslosigkeit, wenn alles anders läuft als geplant …

Mit Herzmilch ist Gertraud Klemm ein Romanerstling gelungen, der ein altes und immer gleich heißes Eisen originell, schonungslos und temperamentvoll anpackt und neu formuliert.

Presse

»Ein von Sprachkraft und kritischer Ernsthaftigkeit geprägtes Debüt« (Christian Metz, FAZ)

»Gertraud Klemms Romanerstling ist eine glasklare und nüchterne Bestandsaufnahme und zugleich eine sehr poetische Anklage.« (Barbara Geschwinde, WDR5)

»Wer hätte gedacht, dass sich der abgegriffensten aller Metaphern, dem Herzen, noch solche Intensität abgewinnen lässt?« (Oliver Pfohlmann, NZZ)

»Eine eigenständige Stimme, die zugleich melancholisch und kämpferisch, berührend und humoristisch, hoch literarisch und leicht verständlich ist.« (Christoph Hartner, Kronenzeitung)

»Klemms Mischung aus Ironie, Wut und bissig-literarischer Analyse macht diesen Roman so lebendig – und immer wieder die schönen und klugen Sätze, die die Dinge auf den Punkt bringen und verdichten.« (Carola Ebeling, Missy Magazin)

»Gertraud Klemm schreibt gegen die Vorgaben der Gesellschaft für den weiblichen Lebensplan an – kraftvolle Prosa.« (Anton Thuswaldner, Furche)

»Ein Buch, das tief aus der Seele spricht, den Finger in die offenen Wunden legt und zeigt, wie Frauen auch heute noch Unterdrückte der Gesellschaft sind. Eine tolle Entdeckung, der dringend viele Leser zu wünschen sind!« (Mareike Liedmann, ekz)

»Unglaublich melodiöse und ausdrucksstarke Satzkreationen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Ein ehrliches, radikales, zorniges Buch über unbequeme Wahrheiten. Bemerkenswert – lesenswert!« (Barbara Rieder, bibliotheksnachrichten)

»Bilder, die unter die Haut gehen und die Verletzlichkeit des Mädchens auf wundersam leichte und zugleich verstörende Weise nachzeichnen.« (Susanne Schaber, ORF ex libris)

»Was Klemms Roman lesenswert macht, ist die in ihrer Klarheit und Direktheit geradezu humorvolle Sprache, sind die kraftvollen Bilder, die sich einprägen, ist die kluge Analyse, die den Nagel immer auf den Kopf trifft.« (Maria Fellinger-Hauer, Biblio)

»Wunderbar wütend erzählte Geschichte einer Frau, die nicht in die ihr zugedachten Rollen schlüpfen will.« (Margarete Stokowski, taz)

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