Buchcover
Stefan Schmitzer Helwig Brunner

gemacht | gedicht | gefunden

über lyrik streiten
2011
gebunden , 13 x 21 cm
192 Seiten
ISBN: 9783854207870
€ 19,00

AUTOREN

Textauszug

Stefan Schmitzer:

lyrik heute im deutschsprachigen raum ist – mit ausnahme von song-lyrics, die zu ihrem glück nicht als zum feld gehörig behandelt werden – eine exklusiv-veranstaltung von leuten, die genug tagesfreizeit haben und sich etwas davon versprechen, die syntagmatischen feldchen von, meist kurzen, texten abzuschreiten und dann darüber zu reden. was sie sich davon versprechen, wird höflicherweise keiner den anderen fragen. genau gegen diese mangelnde kenntnis der eigenen bedingungen, oder diese unwilligkeit, sie einzubekennen, kann die frage nach der funktion des jeweiligen texts fruchtbar sein – als frage nach der funktion seiner rezeption.
welches rudel-ich pflegen wir da? wird, wie wir ans gebilde herangehen, allen den texten gerecht, die wir uns in solcher weise unterwerfen? gibt es andererseits nicht auch texte, die uns nicht gerecht werden, die schlicht zu blöd oder zu eitel sind (was wir aber nicht zugeben, weil wir nicht drüber reden, was wir uns im feld der lyrik eigentlich erwarten)?
nochmal anders, als frage strikt an die autoren gefasst: für wen schreiben wir eigentlich? also: für wen schreiben wir faktisch, und für wen wollen wir schreiben?

Helwig Brunner:

Auch wenn die Qualität des Gedichts sich letztlich in den Grenzbereichen seines Sprechens erweist und sich erst jenseits davon vervollständigt, ist es nicht gleichgültig, worüber das Gedicht spricht. Am besten redet es natürlich über das, worin sein Autor sich auskennt. Dass das Gedicht sich nicht im Diskursiven erschöpft, heißt ja noch lange nicht, dass es nicht zu so manchem Thema so manchen geistreichen Gedanken in bekömmlich destillierter Form beizutragen hätte – vorausgesetzt, sein Autor ist sachlich und weltanschaulich kompetent und hat etwas zu sagen. Dann und nur dann lässt sich mit dem präzise und treffend Gesagten auch an die Ränder des Sagbaren rühren.
Je überzeugender es sich seinem Gegenstand nähert, desto zwingender macht das Gedicht mit uns das, was es in seiner „Nähe zum Nichts“ auch an sich selbst vorführt. Es geht ans Eingemachte, eliminiert die Redundanzen, wirft Autor und Leser mit seinen Ideen und Wahrnehmungen auf sich selbst zurück, auf das Wenige (das Nichts), dessen wir uns sicher sein können. Es schafft die Tabula rasa, auf der immer wieder neu zu beginnen ist. Denn nichts ist vorgefertigt, nichts ist unumstößlich: kein Besitz, kein Lebensentwurf, kein Glaube, keine Ideologie.

Wenn Sie gedacht haben, »über Lyrik streiten« bedeutet, sich über Gedichte und Lyriker in die Haare zu geraten und sich in einiger Entfernung von dem zu bewegen, was den durchschnittlichen Leser bewegt – ja, doch, Lesen sollte schon zu Ihren Kompetenzen und mehr noch, zu ihren Leidenschaften gehören! –, haben Sie sich geirrt. In gemacht | gedicht | gefunden geht es darum, die Praxis des Schreibens und Lesens mit dem Gespräch über die Praxis in eine Beziehung zu setzen. Verhandelt werden die alten Fragen nach dem »wer schreibt was wieso und wie für wen«, die Frage nach dem Erkenntniswert von Lyrik (versus Wissenschaft), und zwar in kleinen Essays zu diversen Fragen, auf die der jeweils andere dann erwidert.

In erfreulicher Angriffslust sprechen hier zwei Vertreter von äußerst gegensätzlichen Lyrik-begriffen miteinander, um ihre Vorstellungen zu präzisieren und Schwachstellen in der Theorie des anderen – und auch der eigenen? – aufzudecken (welche Theorie zur Dichtkunst hätte keine?); der eine steht für die materialistische Gemachtheit des Gedichts und seine Einbettung in gesellschaftliche Produktionsbedingungen, der andere für eine Autonomie des dichterischen Zeichensystems, in dem primär etwas anderes spricht als eine bestimmte sozial verankerte Person. Ein größerer Gegensatz ist kaum vorstellbar als der zwischen soziologischer und idealistischer Sprechweise – und dennoch führen Brunner und Schmitzer vor, wie der Gegenstand, um den es geht, den Konsens erzwingt, bei allen unüberwindbaren Gegensätzlichkeiten: Worauf der durchaus heftige Disput abzielt, ist das gute, das relevante Gedicht, und vielleicht sogar das gute, sinnvolle Leben.

Presse

»Ein erfrischender Disput über Lyrik und das Leben« (Werner Schandor, KSG)

»Ein streitlustiger Band, in welchem die konträren Ansichten beider Dichter bezüglich der Tendenzen zeitgenössischer Lyrik ordentlich aufeinanderprallen.« (Axel Helbig, Ostragehege)

»Wirklich lesenswert!« (Nils Jensen, Buchkultur)

»Gepokert wird um nichts weniger als das goldene Kalb oder den Gral: den Erkenntniswert von Lyrik, speziell der gegenwärtigen.« (Max Christian Graeff, Kulturmagazin Luzern)

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