Buchcover

Einsamkeit mit rollendem »r«

Erzählungen
2014
gebunden , 13 x 21 cm
160 Seiten
ISBN: 9783854209539
€ 18,00
als ebook erhältlich

Textauszug

Er war fünfzehn, als wir uns trafen, sagen wir fünfzehn. Der beste Skifahrer überhaupt. Wenn er die Steilpiste hinunterwedelte, zog er alle Blicke auf sich. Auch meinen. Ein schwarzer Strich, der in perfektem Zickzack zu Tal schoss, das war Maurice. Nicht zu vergessen der rote Punkt seiner Zipfelmütze.
Er war immer allein unterwegs. Kein Hintereinander, kein Miteinander, kein Winken, kein Schwatz. Er fuhr Ski, als hätte ihm jemand aufgetragen, sich in der Kunst der Leichtigkeit zu vervollkommnen. Tag für Tag, bei jeder Witterung. Lehrerlos übte er sein Ski-Zen, das nie nach Übung aussah. Er flog durch den Hang, konzentriert und elegant und verschwiegen. Und nochmals auf den Lift, und nochmals. Das Gelände kannte ihn, so wie er es kannte. Dort ein Buckel, hier ein tückischer Stein.
Dagegen meine Anstrengung. Meine weiten Bogen, dem Steilhang abgetrotzt. Ich besuchte die Skischule, die zweitoberste Klasse, mit leidenschaftlichem Ehrgeiz. Wollte Schwierigkeiten nicht nur irgendwie, sondern elegant meistern. Aber dazu fehlte noch viel. Sah ich Maurice zu, begann ich zu verzagen. Nie würde ich sein Niveau erreichen. Zwei Wochen Winterurlaub waren eine zu kurze Trainingszeit.
Außerdem gehörte ich zur ängstlichen Sorte.

Da ist die aus Russland nach Berlin gekommene Marja, eine passionierte Köchin, die in der Fremde erst von den Gräueln der sowjetischen Geschichte der Dreißiger Jahre erfährt; da ist Katica aus der ungarischen Steppe, die mit Dóra zusammen irgendwo im Westen auf der Straße Geige spielt und dann doch wieder heimkehrt nach Budapest; Lou, die sich schuldig fühlt am Tod ihrer Schwester und nie mehr ganz heil wird in der Seele; da sind die ersten Küsse mit dem geheimnisvollen 15jährigen Maurice, einem Fremden im Ort. Fremd sind sie alle, und »Alleinchen« ist hier ein zärtlicher Kosename.

Im Zentrum der vierzehn Erzählungen stehen Begegnungen mit Menschen und Orten, vorübergehende Aufhebungen der Einsamkeit, in Zürich und Graz, am Mont Ventoux und im slowenischen Karst. Es sind Menschen mit sehr gegenwärtigen Biografien, freiwillig und unfreiwillig Reisende, in vielerlei Hinsicht Entwurzelte, Suchende mit rätselhaften, oft dramatischen Schicksalen, denen sich Ilma Rakusa mit großer Diskretion nähert. Ihre Sätze sind knapp, ohne zu stenographieren, genau und doch lyrisch verspielt und phantasievoll, sie lassen den Geschehnissen und den Orten ihr unaussprechbares Geheimnis – und machen diese Menschen und ihre Orte daher nur umso anziehender.

Veranstaltungen

  • 15. November 2018, 19:00
    München, Literaturhaus
  • 12. Dezember 2018, 20:00
    Zürich, Kulturzentrum Kosmos

Presse

»Eine feinfühlige, sinnliche Sammlung wehmütiger, aber auch freudiger Einsamkeiten; vierzehn lichtdurchflutete Erzählungen über die Schatten der Einsamkeit, ›durch die das Leben leuchtet.‹« (Michaela Schmitz, Deutschlandfunk)

»Die Lektüre dieser Menschen- und Orteporträts ist eine Reise mit allen Sinnen. Besonders die Orte, ob Stadt oder Land, macht Rakusa mit Auge und Ohr, Nase und Mund intensiv erfahrbar. Aber es bleibt ein Rest von Magie: wenn in der Begegnung zweier Menschen die Welt zu leuchten beginnt.« (Martina Läubli, NZZ)

»Ilma Rakusas Erzählungen zeigen eine grenzenlose Empathie, mitzugehen mit den Mühen der allzu oft geschundenen Menschen. Es sind Liebesgeschichten voller Leidenschaft und unwiderstehlicher Intensität.« (Bernadette Conrad, St. Galler Tagblatt)

»Auf den Punkt gebracht … und von jener Poesie, die Kindern zu eigen ist, wenn sie noch ganz Wahrnehmung und Phantasie sind, wenn sie beginnen, ihr Staunen über die Welt in Worte zu fassen.« (Ingrid Mylo, hr2)

»Mit viel Einfühlungsvermögen und mit grosser Zärtlichkeit erzählt Rakusa von ihren Rastlosen, Heimatsuchenden, Verlorenen, die oft in der Vergangenheit gefangen sind.« (Babina Cathomen, Kulturtipp)

»Man atmet den Thymianduft der Provence, die Föhren in Slowenien, folgt der Autorin versonnen in verborgene Ecken von Zürich.« (Stefan May, Deutschlandradio)

»Ilma Rakusas Sprache ist poetisch, die Sätze knapp und von einer dichterischen Präzision, die die Stimmung unmittelbar spürbar macht.« (Christine Kappe, fixpoetry)

»Rakusa überzeugt mit spinnwebfein hingetupften Beobachtungen, überraschenden Farb- und Geruchseindrücken und immer wieder poetisch starken oder zarten Bildern.« (Ulrike Baureithel, WOZ)

»Erzählungen, die einen aus der Einsamkeit eines Abends entführen und einem die Welt aus anderen Augen zeigen.« (Claudio Notz, Coucou)

Ilma Rakusa »nimmt die Leser mit zu Begegnungen mit Menschen und Orten, schildert mit vibrierender Sinnlichkeit Träume und Schicksale, sodass jede Erzählung zur Liebesgeschichte wird.« (Karin Waldner-Petutschnig, Kleine Zeitung)

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