Buchcover
Manfred Rumpl

Ein Echo jener Zeit

Roman
2012
gebunden , 13 x 21 cm
232 Seiten
ISBN: 9783854208280
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

  • Manfred Rumpl

Textauszug

Der Sommer war vorüber. Ich sah es an den Bäumen auf dem Weg zur U-Bahn, die sich verfärbten, an der Farbe des Wassers, als ich über die Donau fuhr, das auf einmal dunkler und kälter wirkte als noch Tage zuvor, bemerkte es am Licht in der Stadt, an dieser Tiefenschärfe, die Konturen unterstrich und Dinge plastisch in den Blick rückte; und ich spürte, wie die Masse der Menschen wuchs, die unterwegs waren, gebräunt noch von der Sonne des Südens viele, aber in Jacken und Westen gehüllt, weil ein kühler Wind blies, der andere Gerüche und Gedanken mit sich brachte.
Während ich mich dem Treffpunkt näherte, stöberte ich in den Mienen der Leute, die mit mir unterwegs waren. Manchmal gelang mir ein Blick hinter die Fassaden. Ein Moment der Koinzidenz nur, und wir blickten gemeinsam in jene Zeit, der ich mit meinen Recherchen und Erzählungen auf der Spur war. Es vollzog sich wortlos, im Vorübergehen, eine plötzliche Übereinstimmung oder aber ein abrupter Gegensatz, wie aus dem Nichts, und ich befand mich auf einer Zeitreise in die Geschichte. Sogar in den Kindern, kam mir bisweilen vor, waren kollektive Erfahrungen gespeichert, die ihrer Unschuld weit vorausgingen. Hin und wieder, wenn ein paar Worte fielen, auf die es gar nicht ankam, das mochte eine Entschuldigung sein oder die Frage nach dem Weg, tauchte ich in die Tiefe einer flüchtigen Begegnung ein.
Meine Neugier, Schichten der Vergangenheit abzutragen und zutage zu fördern, was sich unter dem Fresko der Gegenwart verbarg, war größer als die Furcht, in Schwierigkeiten zu geraten, und mittlerweile auch viel stärker als alle meine Bedenken, nur ein totes Feld zu bestellen. In gewisser Weise war dieses Feld auch tot, das war mir in den letzten Monaten sukzessive klar geworden: Denn es war immer noch voller Toter, Gefallener, Ermordeter, Vermisster, deren Geschichte jedoch nicht zu Ende war, solange sie in der Erinnerung anderer lebten.

2012. Der in Syrien untergetauchte und unter dem Schutz der Assads lebende SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, Eichmanns Erfüllungsgehilfe und verantwortlich für die Deportationen aus Wien, Berlin, Griechenland, der Slowakei und Südfrankreich, bereitet sich auf seinen 100. Geburtstag vor – und mit ihm ein Netzwerk von Alt- und Neonazis, die sich dieser Symbolfigur, aber auch seiner damals angehäuften geraubten »Schätze« bedienen wollen.

Ausgerechnet Martha, eine junge Journalistin in Wien, der die NS-Zeit wie vielen ihrer Generation sowas von egal ist, die alles darüber gehört hat und der die aktuellen Missstände der Politik wesentlich wichtiger sind als die Geschehnisse des vorigen Jahrhunderts, erhält den Auftrag, eine Serie über Alois Brunner zu schreiben. Die Recherche führt sie als erstes in die Vergangenheit ihrer eigenen Familie nach Fürstenfeld, wo ihre Großmutter, 70 Jahre danach, noch immer ins Schwärmen gerät, wenn sie vom jungen Alois Brunner berichtet, der in einem Nachbardorf aufwuchs. Die Geschichte führt Martha immer häufiger und tiefer in diese steirisch-südburgenländische Welt hinein, an der auch ihr 68er-Vater schon beinahe gescheitert wäre und ihre Mutter tatsächlich zugrunde gegangen ist …

Ein Krimi, eine Ermittlungsgeschichte, eine Serie von historischen Verbrechen – und dennoch erzählt mit unaufgeregter Ruhe, mit dem Wissen, dass nicht die Sensationsfakten zählen, sondern das Alltägliche.

Presse

»Besonders gut gelingt es Rumpl, sowohl in die Haut des greisen Nazi-Schergen zu schlüpfen und die Hinfälligkeit des Körpers, das langsame Verlöschen des Geistes zu beschreiben, aber auch in die Figur einer jungen unbefangenen Frau, die erst ihren Zugang zur Epoche des Nationalsozialismus finden muss.« (Stefan May, Deutschlandradio)

»Ungemein spannend.« (Thomas Trenkler, Der Standard)

»Was Manfred Rumpl mit diesem Buch vortrefflich gelingt, ist das Gefühl einer Generation zu schildern, die glaubt, dass sie der Nationalsozialismus nicht mehr berühren oder interessieren müsse. Rumpl deckt auf, dass gerade durch unsere Ignoranz gegenüber diesen Problemen die Neonazis ihre ideale Entfaltungsmöglichkeit finden. Hier wird dieses Buch leider brandaktuell.« (Spunk Seipel, Literaturhaus Wien)

»Es ist selten, dass Romane mit aktuellen politischen Entwicklungen Schritt halten (…) Manfred Rumpl lässt sich mit seinem Roman über den österreichischen Kriegsverbrecher Alois Brunner auf dieses Wagnis ein.« (Erwin Riess, Die Presse)

»Rumpl beschreibt anhand seiner Figuren die verschiedenen Möglichkeiten, wie man sich heute mit Nationalsozialismus beschäftigen kann. Er beschreibt kurz und knapp, führt die Erzählstränge gezielt zueinander und verzichtet auf eine Bewertung des Beschriebenen. So kann sich der Leser eine eigene Meinung bilden.« (Thomas Neumann, literaturkritik.de)

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