Buchcover
Theodor W. Adorno Lotte Tobisch

Der private Briefwechsel

2003
gebunden , 17 x 24 cm
352 Seiten
6 Abbildungen
Mit einem Geleitwort von Lotte Tobisch. Herausgegeben von Bernhard Kraller.
ISBN: 9783854206385
€ 27,00

AUTOREN

  • Theodor W. Adorno
  • Lotte Tobisch

HERAUSGEBER

  • Bernhard Kraller

Textauszug

»Daß ich hier eben den widerwärtigsten Angriffen der sogenannten linken Studenten ausgesetzt bin; daß ich meine Vorlesung abgesagt habe und wahrscheinlich während des Semesters überhaupt nicht mehr lese, ist Dir wohl bekannt; und die Schmutzflut, die sich im Anschluß daran ergießt, läßt sich schwer vorstellen, ist mir im übrigen ziemlich gleichgültig, da ich mit der anderen Sache viel zu präokkupiert bin. Aber ich hätte wohl Zeit für einen Abstecher nach Wien, der mich auf andere Gedanken brächte – wenn man etwas organisieren würde. […] Wenn Dir sonst etwas einfällt, laß es mich bitte wissen. Auf Lager habe ich einen Vortrag über Freizeit, der mir wohl recht gut gelungen ist, und einen über empirische Sozialforschung; dann auch den kurzen ›Resignation‹, mit dem ich auf die Studentenunruhen geantwortet habe.«
(Adorno an Tobisch, 30. April 1969)

»Dein Spiegelinterview hab ich gelesen, fand es sehr gut und vor allem einleuchtend und wenn ich auch verstehen kann, daß man in manchen Punkten nicht Deiner Ansicht ist, so ist mir die Art und Weise wie man dies Dir kundgetan hat völlig unverständlich, weil doch gerade diese Form der Provokation bei Dir so ganz fehl am Platz ist und ich einfach nicht verstehe wieso Schüler von Dir sich in dieser Weise gegen Dich stellen. Ich frage mich also (vor allem anderen) wie es überhaupt möglich war, daß Deinen Studenten keine besseren und interessanteren Argumente gegen Dich eingefallen sind als die, die sie mit Hilfe von nicht sehr hübschen nackten Busen ins Treffen geführt haben? – Erlaube mir die – vielleicht sehr dumme – Frage: ob man für diese Art der Argumentationsführung, die heut ja gang und gebe ist, nicht doch zu guter Letzt die Professoren und den ganzen heutigen Universitätsbetrieb verantwortlich machen muß? Es kann doch nicht nur am Mangel an Verständnis oder Denkkraft der Studenten liegen, wenn sie sich, par exemple gegen einen Denker wie Du es bist, derart verhalten …«
(Tobisch an Adorno, 15. Juni 1969)

Der Briefwechsel zwischen Lotte Tobisch, Mitglied des Wiener Burgtheaters, und Theodor W. Adorno begann im September 1962 und setzte sich bis zum Tod des Philosophen 1969 fort. Er umfasst etwa 290 Briefe, Ansichtskarten und Telegramme.

Er ist das Dokument einer Freundschaft über die Generationen, über die sozialen Positionen, die Formen der Intellektualität und die Temperamente hinweg. Lotte Tobisch von Labotýn, ein Vierteljahrhundert jünger als der Philosoph, hatte den sozialen Hintergrund, den er schätzte: »nicht bürgerlich«, vielmehr adelig, nonkonform, mit »der Gesellschaft« auf ironische Distanz vertraut. Durch ihren verstorbenen langjährigen Gefährten, den um fast 40 Jahre älteren Chefdramaturgen des Burgtheaters Erhard Buschbeck, Trakls Jugendfreund, war sie zugleich indirekte Zeitgenossin des Wien nach der Jahrhundertwende – jener heroischen Zeit der »großen musikalischen Revolution« durch Schönberg und seine Schule, der sich Adorno als Komponist und Philosoph verbunden fühlte.

Lotte Tobisch, bekannt als Schauspielerin und durch ihre literaturkritischen Beiträge, war auch mit Günter Anders, Gershom Scholem, Fritz Hochwälder, Carl Zuckmayer, Ludwig von Ficker, Elias Canetti, Richard Neutra und anderen Größen des geistigen Lebens verbunden und befreundet. Sie erschloss für Adorno eine Beziehung nicht nur zum zeitgenössischen Wien, sondern zugleich, und emotional bedeutsamer, zum Wien seiner Jugend und seiner musikalischen »Lehrzeit« bei Alban Berg. Der Briefwechsel handelt denn zuletzt auch von Adornos Plan, sich nach seiner Emeritierung in Wien wieder als Komponist zu engagieren.

Presse

»Ein charmanter, wienerisch-abgründiger Briefwechsel.« (Ina Hartwig, Die Zeit)

»Nicht nur wegen der Hellsichtigkeit der Briefautoren verdient das Buch alle Aufmerksamkeit. Vor allem ist es ein Beweis, dass Kultur eine Lebenseinstellung sein kann.« (Wiener Zeitung)

»Interessant an den Briefen sind neben dem Austausch zeitgeschichtlicher Details die daraus ersichtlichen Lebensumstände Adornos. (…) Man blickt in ein Inneres, das von keiner der zahlreichen Arbeiten und Spekulationen über ›Teddie‹ anlässlich des 100. Geburtstages von Theodor W. Adorno erreicht wurde.« (Wolfram Schütte)

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