Buchcover
Bettina Balàka

Der langangehaltene Atem

Roman
2000
gebunden , 13 x 21 cm
144 Seiten
ISBN: 9783854205333
€ 19,00

AUTOREN

Textauszug

Alfred hat wieder einige Bücher gebracht, in einem lese ich die Totenrede Hans Weigels für Hertha Kräftner, die sich mit Veronal vergiftet hat, und halte dieses Gedenkgerede für völlig mißlungen, diese der Toten rosengleich nachgeworfenen Worte, diese wortreiche Sprachlosigkeit. Ich kann mir aber überhaupt keine gelungene Totenrede vorstellen, außer vielleicht sie entstammte einem Stück von Shakespeare: »And Brutus is an honourable man.« Ich wüßte auch selbst keine Totenrede zu halten, ich hätte keine Vermutungen über die letzten Gefühle der Toten, ich hätte keine Erklärung, keine Beruhigung, keinen Glauben, keinen Trost. Und dann der eigene Tod, der so unwürdig ist wie ein herunterhängender Kiefer. Da helfen auch keine Fahnen und Flore und Kondukte, keine Blumen und Kränze und Schleifen, am Ende verglänzt die Phantasie. Vielleicht ist er gestorben, weil er so unglücklich war, vielleicht ist sie gestorben vor Glück. Vielleicht hat ihn die Lebenslust, die Todessehnsucht getötet. Vielleicht hat sie einfach vergessen zu atmen. Wie schnell kann es passieren: eine entgleiste Straßenbahn, die in ein Bankgebäude hineinrast und den Valutenwechsler zerquetscht. Und dann: Wie schwierig es manchmal sein kann, sich aus den zähen Lebensstricken zu lösen, immer wieder wacht man wiederbelebt in den Armen der Stationsschwestern auf. Die Adern zugenäht, die Eingeweide gereinigt, das Herz aufgehetzt, der Kopf zurechtgerückt, das Rückgrat geschient, die Atmung, die Atmung aufgepumpt, angefacht, stabilisiert. Wieder einer gerettet, wieder eine verloren. Hat sie mit dem Tod gespielt wie mit einem großen Engel, der sie eines Tages an den Haaren faßte und ihr den Kopf dorthin drehte, wohin sie niemals hatte blicken wollen? Ich erinnere mich, plötzlich, an die Totenrede für meine Mutter. Sie hatte gewartet, bis ich lesen und schreiben und rechnen konnte, bevor sie das Gift nahm.

»Ich denke, die Aufgabe der Kunst ist es, aus dem Leben eine Melodie herauszusägen, eine Folgerichtigkeit. Aus Chaos und Verwirrung einen Faden zu ziehen, ihn zu verhäkeln zu einem Gewebe, zu Akkorden und Harmonien und Mustern …« Die das brieflich mitteilt, ist die Erzählerin in Bettina Balàkas erstem Roman, eine Malerin nach der (toten, ausgestopften) Natur. Sie steht in Briefwechsel mit ihrem anonymen, unbekannten Auftraggeber, aber auch mit Freundinnen, Freunden und Geliebten. Die Kunst, die Liebe und das Geschlecht sind die Themen der Briefe und der Gespräche, und da die diversen (männlichen) Entwürfe von Weiblichkeit im Zentrum stehen, spielen natürlich ihr schwuler Freund Alfred und ihre transsexuelle Freundin Venezuela die wichtigste Rolle. Bettina

Balàka erzählt eine Fülle von Geschichten, von schmerzhaften Lieben, von missverstandenen Affären, endgültigen Trennungen und gescheiterten Leben: »die Geschichten verästeln und verähnlichen sich, und die Äste, die unten absterben, treiben weiter oben am Stamm unter anderem Namen wieder hinaus.« Ihre kunstvolle, musikalische Prosa berichtet von Schmerz und Verletzung, aber ihr Tonfall bleibt immer lakonisch und verfolgt die Manöver unseres Überlebens mit Sarkasmus.

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