Buchcover
Ilse Helbich

Das Haus

2009
gebunden , 13 x 18 cm
144 Seiten
ISBN: 9783854207627
€ 18,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Ein Leben, wie sie es auch an einem anderen Ort so ähnlich führen könnte? Aber da sind die Augenblicke des Aufschauens, der Blick aus dem Fenster während der Schreibarbeit, und beim Schuhewechseln im Vorhaus der zufällige Blick auf die Mauernische – wozu die einmal gut war? Und wenn sie an Sommerabenden zum Ausruhen auf der weißen Bank hinten im Garten sitzt, schaut sie aufs hell daliegende Haus, bemerkt wieder einmal die leise Schrägöffnung der beiden Flügeltrakte – zwei zum Willkommenheißen und Bergen entgegengestreckte Arme: dann trifft sie als Glücksstrahl das Bewusstsein des Hierseins, des Gerade-hier-Seins, und dann weiß sie, dass sie hier daheim ist. Zum ersten Mal in ihrem langen Leben hat sie ein Zuhause gefunden.
Und einmal, es ist noch nicht lange her, sitzt sie abends wieder auf ihrer weißen Bank und schaut über das Wiesengrün auf ihr Haus, wie es so in sich ruhend liegt in seiner leuchtenden Stille. Da weiß sie auf einmal: das Haus hat in seinem langen Leben nie so ausgesehen, wie es sie jetzt ansieht. Damals, als sie hierher kam, hat sie das verlassene Haus, den verkommenen Garten angeschaut, hat ihnen zugehört, hat später vorsichtig, vorsichtig, alles getan, um ihre Schönheit von allen Verunstaltungen zu befreien. Sie wollte dem Haus sein eigenes Leben zurückgeben.
Dabei hat sie ihm alles geschenkt, was sie selber an lebendiger Kraft und, ja, an schimmernder Harmonie, ohne es zu wissen, in sich trug. Was sie wohl anderswo nicht ausleben konnte, hat sie ins Haus gegeben, und den Garten zu einem Stück ihrer selbst gemacht … oder ins Werden geholfen, so ist es besser gesagt, denkt sie jetzt. Das Haus, wie es da steht, ist ihr Haus gerade so, wie es aus seiner eigenen leisen Macht lebt.

Ilse Helbich erzählt in ihrem autobiographisch gefärbten Text Das Haus die Geschichte einer Frau, die sich mit über 60, entgegen aller Vernunft und entgegen dem wohlmeinenden Freundesrat, einen ›Herzenswunsch‹ erfüllt: Sie kauft ein altes Haus.

Es ist beinahe Liebe auf den ersten Blick – und das, obwohl das Haus in einem Dorf und in einer Gegend liegt, in die sie eigentlich nicht ziehen wollte. Mehr noch: Es ist baufällig und feucht, und für sie das Schlimmste: Es ist durch lieblose Umbauten und pragmatische Modernisierungen über Generationen komplett verunstaltet. Und doch kauft sie dieses »verletzte« Haus mit seinem »verwilderten« Garten.

Diese Worte sagen viel über die Autorin und ihre Prosa: Ilse Helbich beschreibt Haus und Garten als geschundene Kreaturen, denen sie ihre ursprüngliche Form und Würde zurückgeben will. Zunächst mit Taten und später, indem sie dieses Buch schreibt, mit Worten. Dabei ist viel vom »Hineinwachsen«, »Herausschälen«, »Entfalten« die Rede. Der Bericht vom allmählichen Entstehen des Hauses, von den behutsamen Annäherungen an einzelne Nachbarn, ja auch die gemeinsam erlebte Flutkatastrophe, die die Fundamente des neuen Heims buchstäblich zu unterspülen droht, ist in seiner geradlinigen Schmucklosigkeit von ungeheurer Spannung. Und erreicht dort, wo die wortlose Einsamkeit, die sich gnadenlos verringernde Zukunft im Genuss der Natur und des Augenblicks sichtbar werden, eine weit über das Erzählte hinausgehende Bedeutung. Ilse Helbich, die erst mit 80 ihren ersten Roman publizierte, besitzt ein ganz außergewöhnliches Talent, das Wesentliche zu formulieren, einen fast buddhistischen Sinn für Konzentration und Leere.

Presse

»Eine bezaubernde wie kluge Erzählung. Was für ein lichtes Alterswerk!« (NZZ)

»Dies ist eine besondere Liebesgeschichte: die Liebe zu einem alten Haus. Helbichs kultivierte Sprache macht Personen wie Gegenstände ebenso deutlich wie eindringlich sichtbar.« (Maria Frisé, FAZ)

»Ein ebenso sensibler wie faszinierender Text.« (Georg Renöckl, Literatur und Kritik)

»Ein hinreißendes Buch von ungeheurer Spannung und Sprachgewalt.« (Schöner Wohnen)

»Ilse Helbich erzählt mit einer Ruhe, der man sich kaum entziehen kann, über das Glück, sich einen heimischen Ort zu erschaffen und sich in einem neuen Leben einzurichten.« (Wiebke Porombka, Das Magazin)

Die Erzählerin »bringt ihr Leben in Ordnung und gewinnt eine wunderbare Gelassenheit. Sie beschränkt sich darauf, das Wesentliche zu formulieren, und das geradlinig und mit einer Ruhe, der man sich kaum entziehen kann.« (Heidel Borner, Landlust)

»Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Rückkehr zu alten Werten der Beständigkeit, Häuslichkeit und vor allen Dingen der Innerlichkeit.« (Winfried Stanzick, libri.de)

»Das Ereignis ist Helbichs Sprache. In schnörkelloser Prosa nähert sie sich einem Ort, der bei aller Sympathie nie verklärt wird.« (Walter Titz, Kleine Zeitung)

»Bauen ist nicht zuletzt Übersetzungsarbeit zwischen den Disziplinen und Menschen – Helbich tut es aus der Sicht eines völligen Nicht-Bau-Menschen, der sich aber hingebungsvoll in das Werk hineinspürt.« (Ute Woltron, Der Standard)

»Mit ihrer dichten, knappen und dabei überaus poetischen Sprache schafft Ilse Helbich eindrucksvolle Bilder; eine außergewöhnliche Schriftstellerin.« (Judith Brandner, Die Presse)

»Ein berührendes Buch, das spürbar macht, wie jeder Augenblick gelebt werden kann.« (Claudia Sykora-Bitter, Bibliotheks-Nachrichten)

Top