Buchcover
Klaus Hoffer

Bei den Bieresch

Roman
2007
gebunden , 13 x 21 cm
272 Seiten
ISBN: 9783854207184
€ 21,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Den Sommer verbrachte ich in einer der unwegsamen Provinzen im Osten des Reiches bei einer älteren, nun alleinstehenden Verwandten. – Die Tage in diesem flachen, wie niedergebrannten Landstrich schienen kurz, flüchtig, kaum erinnerlich zu Beginn der trocken-kalten Nächte, in denen die Haut der Sterbenden wie Töpferglasur zerspringt.
Die täglichen Verrichtungen, die ich nach kurzer Zeit schon wie träumend besorgte, beschäftigten meine Aufmerksamkeit nicht, nur die rechte Hand, während die linke, häufig fest zur Faust geschlossen, wie ein Stein im Sack meiner Uniformhose ruhte. Es war die Hose meines Onkels, des Bruders meines Va­ters und meiner neuen Quartiergeberin, der kurz zuvor als Postbeamter im Dienst einem Gehirnschlag erlegen war.
Ein Brauch der barbarischen Bevölkerung dieses öden, von den Errungenschaften der Zivilisation nur im negativen berührten Gebietes hieß den ältesten, am nächsten stehenden männlichen Angehörigen für die Dauer eines Jahres in die Kleider des Verstorbenen schlüpfen. Dieses Los hatte ich gezogen. Onkel und Tante waren unverheiratet und kinderlos geblieben; ich war das drittgeborene von vier Kindern, aber das einzige aus meiner Mutter zweiter Ehe. Mein Vater war noch vor meiner Geburt im Krieg gefallen.
So sollte ich nun in dem viel zu weiten, um Brust und Beine flatternden Gewand, das um den Bauch von einer Schnur zusammengehalten wurde, wie man sie für das Zusammenbinden von Postsäcken verwendet, das plötzlich verlöschte Leben des Onkels weiterführen, sei es, weil der Erfinder dieser menschenunwür­digen Einrichtung damit versprochen hatte, die feindlichen Geister zu bannen, sei es, daß er selbst geglaubt hatte, die Seelen der Verstorbenen würden eher Ruhe finden, wenn sie dann und wann in der ersten, schwe­ren Zeit nach dem Tod ihre alte Umgebung heimsuchten und alles Rechtens vorfanden.

Bei den Bieresch spielt »in einem rätselhaft-unheimlichen Niemandsland« (Wolfgang Hildesheimer), dem Seewinkel, also dem Ostufer des Neusiedler Sees. Der Erzähler Hans gerät, einem Ethnologen gleich, in eine fremdartige und doch vertraute Volksgruppe, eben die der Bieresch, wo er, einem archaischen Brauch zufolge, ein Jahr lang die Rolle seines soeben verstorbenen nächsten Verwandten zu spielen hat. Diese Welt, die er allmählich zu enträtseln versucht, ist ein labyrinthischer Alptraum aus wechselseitigen Deutungen und Interpretationen, aus Fremdbeobachtungen und Ritualen, aus Kafka und Kabbala, aus Erzählungen, Anekdoten und Mutmaßungen, der ihn immer fester und unausweichlicher umfängt.

Klaus Hoffer erhielt 1979 und 1980 sowohl den Rauriser Literaturpreis als auch den Alfred Döblin-Preis für diesen Roman – von dem gerade der erste Teil erschienen war –, und das Werk wurde von der Kritik und der Kollegenschaft als Ereignis gefeiert. Drei Jahre später erschien der zweite Teil. »Ich glaube, es gehört zum Interessantesten überhaupt, was man heute so lesen kann«, schrieb Friederike Mayröcker. Bei den Bieresch blieb ein Geheimtipp – viel zu unvergleichlich war das, was dieser Autor fernab aller Erwartungen und Konventionen dem Leser vorlegte.

»Wir leben nicht, wir erklären das Leben«, sagt einer der Bieresch einmal, den Reichtum und den Fluch dieser Existenzweise benennend. Wie nur wenige große Bücher ist Bei den Bieresch nicht nur die Beschreibung einer bestimmten condition humaine, sondern ihre Verkörperung, gleichermaßen in seiner Struktur, in seinen Sätzen und Bildern – ein außergewöhnliches, fremdartiges Kunstwerk von Rang!

Presse

»Ein Literatur-Monument.« (Katrin Hillgruber, Frankfurter Rundschau)

»Eines der seltsamsten Bücher der österreichischen Literatur und zugleich eines der wichtigsten. Es lässt sich mit keinem anderen vergleichen.« (Paul Jandl, NZZ)

»Kein Zweifel: Dies ist keine Durchschnittsware, sondern etwas sehr Eigenwilliges, Kunstvolles, Gekonntes.« (Wolfgang Schneider, FAZ)

»Ein literarisches, anspielungsreiches, suggestives Rätselwerk von ganz diesseitiger Sinnlichkeit, das herausragt aus der Masse brav an der Realität Maß nehmender Literatur.« (Alexander Kluy, Der Standard)

»Klaus Hoffers Opus magnum. Ein nicht nur unter Germanisten sagenumwobenes Buch.« (Der kleine Bund)

»Wer Borges mag, wird auch Hoffers Roman lieben. Es ist ungeachtet des klassisch schlichten Erzählstils ein hochkomplexes Sprachkunstwerk, das fest in die Tradition der literarischen Verfinsterung gehört.« (Wolfgang Schneider, Deutschlandradio)

»Hoffers Buch öffnet sich einer ganzen Reihe von Lesarten. Es ist unterhaltsam, witzig und aktuell. Und es enthält fürs Zeitalter der Globalisierung eine Privatethik in nuce.« (Jochen Schimmang, taz)

Bei den Bieresch ist vieles: »postmoderner Roman, ethnologischer Entwicklungsroman, moderne Variante der Mythopoesie und vielschichtige Zivilisationskritik, vor allem aber ein bestechendes Buch, das verdient, neu gelesen, neu entdeckt zu werden«. (Uwe Schütte, Volltext)

»Borges, Kafka, Hubert Fichte zählen zu den geistigen Weggefährten Hoffers bei dieser Exkursion durch eine fremde, vertraute Welt. Große Literatur.« (Werner Krause, Kleine Zeitung)

»Die Germanisten sind sich einig, dass beide Romanteile zu den wichtigsten Werken der österreichischen Nachkriegsliteratur gezählt werden müssen.« (Peter Landerl, Literaturhaus Wien)

»Eine dunke Schönheit« (Stadtblatt Osnabrück)

»Klaus Hoffer schreibt wie Buster Keaton. Ein äußerst großartiges Buch!« (Urs Widmer)

»Das Sein, die Welt, das Fremde, das Eigene, die Sprache, den Urtext. (…) unglaublich dicht erzählte Passagen und Landschaftsbeschreibungen von mythischer Qualität.« (Madeleine Napetschnig, Die Presse)

»Ich möchte den Vorschlag machen, (…) Romane von Peter Handke oder Christoph Ransmayr, von Elfriede Jelinek oder Urs Widmer einmal unter der Perspektive der Hoffer-Nachfolge zu betrachten.« (Hermann Wallmann, WDR)

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