Buchcover
Rada Iveković

Autopsie des Balkans

Ein psychopolitischer Essay
2001
kartoniert , 11,5 x 18 cm
212 Seiten
ESSAY 44. Aus dem Französischen von Ilona Seidel
ISBN: 9783854205678
€ 15,50

AUTOREN

Textauszug

Für die Erwachsenen und in weiterer Folge auch für uns war das neue Jugoslawien fast ein halbes Jahrhundert lang jenes Jugoslawien, das sie geschaffen hatten und in dem sie einer Generation das Leben schenkten, die die Freiheit an ihrer Stelle genießen würde. Von diesen drei Jugoslawien waren wir also die Generation des zweiten Jugoslawien, jene Generation, die zu Fleisch und Blut des Landes wurde und in der Folge zu seinem Kanonenfutter – und auch zu seinen Artilleristen. Genauer gesagt, wird diese Generation wohl aus Opfern und Henkern bestehen, manchmal beides gleichzeitig.
Die Erfahrung der Elterngeneration aus der Zeit des Widerstands gegen die Nazis und des Zweiten Weltkriegs ist an uns nicht weitergegeben worden, an »uns«, jene Generation, die für den letzten Balkankrieg verantwortlich ist. Oder falls sie uns doch weitergegeben wurde, so ist die Botschaft nie angekommen. Teilweise sicher aufgrund der dogmatischen Art ihrer Vermittlung. Es gab so etwas wie einen Riß in der Erinnerung, der die Grundlage für das politische Paradigma darstellte. Dieser war so bedeutend, weil er nicht wahrnehmbar war. »Ihre« antifaschistische Erfahrung wurde zu einem Kult erhoben, den »wir« zu feiern hatten in Erinnerung daran, daß sie sich »für uns« geopfert hatten. Die Zeit einer ganzen Generation (oder mehrerer), d. h. »unsere« Gegenwart, wurde von der Zeit der Revolution übermalt oder geprägt. So wurde diese Vergangenheit faktisch zusammen mit der Geschichte negiert. »Unsere« Tage waren in Wahrheit nur das, was sie von dieser Vergangenheit, der »ihrigen«, reproduziert und erwähnt haben wollten. Eine Zeit, die Schöpferin des Universums war, wurde durch den hartnäckigen Versuch, Sinn zu stiften, retrospektiv zu einer glücklichen Zeit. »Wir« waren die Generation, die keine Sorgen zu haben brauchte und aus diesem Grund auch kein politisches Schicksal, keine Verantwortung – eine Generation der Nicht-Subjekte.

Für die in Zagreb und Belgrad aufgewachsene Philosophin ist mit dem Zerfall Jugoslawiens eine Kultur untergegangen, versunken wie die der Mayas oder der Osterinseln. Die Bevölkerung überlebt (wenn sie im rechten Moment genügend Glück hatte) im alten Kulturraum oder wie die Autorin im Exil, aber ihre Kultur ist schon heute nur mehr ein Objekt für Historiker, Archäologen, Ethnologen.

Wie in all den Büchern über ›untergegangene‹, ›versunkene‹ Kulturen wird auch in diesem Buch die Frage danach ge­stellt, wie es zu diesem Zerfall und Untergang kam, aber auch die Frage danach, was überhaupt das Wesentliche an diesem Jugoslawien war. Ivekovic gräbt all die historischen Zuschreibungen aus, die Fantasien, die rund um das Ferien­land Dalmatien kreisten, die Projektionen rund um Titos Selbstverwaltungssozialismus mit »menschlichem Antlitz«, die Führungsrolle in der Bewegung der Blockfreien Länder. Sie hinterfragt die jugoslawische Identität, ein Partisanenland zu sein, und die ganz spezielle Ausformung des Balkan-Patriarchats – und sie beleuchtet die Arbeit der ins Unbewusste verdrängten historischen Fakten und der staatstragenden Mythen.

Die Autopsie des Balkan ist eines der wichtigen historischen, politischen und philosophischen Bücher über ein europäisches Phänomen, das mit dem vorigen Jahrhundert zu Ende ging: klug, vielseitig und vor der Folie vieler diverser Welt­kulturen und Philosophien.

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