Buchcover
Werner Schwab

Abfall Bergland Cäsar

Eine Menschensammlung. Werke Band 2
2008
Leinen gebunden, mit Lesebändchen , 13 x 21 cm
144 Seiten
Mit einem Nachwort von Elisabeth Strowick. Herausgegeben von Ingeborg Orthofer unter Mitarbeit von Lizzi Kramberger.
ISBN: 9783854207399
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

HERAUSGEBER

  • Ingeborg Orthofer
  • Lizzi Kramberger

Textauszug

Das augenlicht bestrahlt bereits abwechselnd den lip­penstift und den nagellack einer damenhaften dame, die am anderen ende des tresens lacht und trinkt und spricht. vorsichtig reguliert D seine scheinwerfer und verarbeitet, verwurstet und verdaut die roten eindrüc­ke in der wirbelsäule, die sich prompt durch ein hefti­ges jucken bemerkbar macht und Ds gesicht verzieht.
verzogene gesichter werfen allerlei prozesse an, und D faßt sich heimlich und interessiert ans hosenschlitzter­rain, um euphorisch die gewölbte erkenntnis abzuzie­hen, daß er wieder obenauf ist, daß er wieder teil hat an der welt. selbstverständlich weiß D nichts von der welt und von den welten, von denen selbst einer wie D eine ist. einer wie D definiert sich ausschließlich über die durchblutung seiner mitte und durch fleisch­farbene unterstellungen. an einer solchen stelle emp­findet D sich als heilig, unabwendbar. D ist nichts als der blickgeschmack einer flüssigkeit, die einmal vor D, aber D verursachend: ohne ergreifenden appell an ir­gendwelchen vorfremden beinen heruntergeflossen sein muß.
D nimmt einen großen schluck wein und beginnt ein neues leben. D beschießt die angepeilte leiblichkeit mit Ds Blick, bis das gesehene erst irritiert und schließlich entsetzt zurückschaut. das gesehene ist entsetzt und gebannt, weil es plötzlich nichts als das von D gesehene ist, weil es merkt, daß es nicht überle­ben können wird, wenn es von Ds blick geschlachtet wird.
selbstverständlich grinst D jetzt zärtlich, rühmt sich seines instinkts und hebt ebenso zärtlich sein fast geleertes glas, um dem gesehenen: abermals zärtlich: zu­zuprosten.

Der Star-Dramatiker Werner Schwab sah sich selbst als Prosaschriftsteller – aber zu Lebzeiten erschien nur ein einziger größerer Prosatext, die »Menschensammlung« Abfall Bergland Cäsar. Mit diesem Buch griff Schwab auf eine Gattung des 17. und 18. Jahrhunderts zurück, Typenbeschreibungen des Menschlichen, Sittenbilder und Porträts des adeligen und bürgerlichen Verhaltens. Wo die Autoren solcher Human-Typologien bestenfalls skeptisch und leicht spöttisch waren, setzt Schwab in seiner »Menschensammlung« zur totalen Vernichtung an. Die Personen von A bis Z sind weniger Charaktertypen als Opfer einer endgültigen Dekonstruktion: sie werden ermordet und gemetzelt, zersägt und zerschnitten, sie werden erstickt in Jauche und Müll und ertränkt in Blut, Schweiß und Tränen. Täter, Opfer und Werkzeug dieses Mordens ist die Sprache, als das wichtigste Instrument des »verfeinerten menschen«.

Die Attacke gegen den guten Geschmack, gegen den humanistisch-edlen Zeitgenossen ist programmatisch: »TÖTEN wir das kulinarische. VERMEIDEN wir das graduelle des genusses.« Die grundsätzliche Kritik an den gesellschaftlich produzierten Menschentypen enthält darüberhinaus eine radikale Sprachkritik und Erkenntnisskepsis und erweist sich im nachhinein als der vielleicht wichtigste Selbstkommentar des Autors – der aber auch in diesem Text nicht auf seine drastische Komik verzichtet und lustvoll Situationen und Handlungen konstruiert, die zielsicher ihre jeweils schlimmste Wendung nehmen.

Presse

»Ein grosses Dokument einer Literatur sprachberauschter Ernüchterung.« (Paul Jandl, NZZ)

»Abfall, Bergland, Cäsar ist, aller Sinnlichkeit seiner Bilder, allem jazzigen Drive seines Sounds zum Trotz, Gedankenprosa, Denkspiel auf der Grenze zur philosophischen Essayistik.« (Klaus Ramm, Tagesspiegel)

»Ein unglaubliches Alphabet des Wahnsinns, des Menschenelends und der torpedierten, hin und her geschleuderten Grammatik. Werner Schwab auf den Gipfeln seiner Verzweiflung und seiner Kunst.« (Volker Weidermann, FAZ)

»Aufgefädelt von A bis Z reiht sich die Menschensammlung und stirbt in ihren vom Leben in dieser Gesellschaft zugerichteten Körpern manch unschönen Tod.« (Cornelia Niedermeier, Der Standard)

»Genüsslich führt Schwab eine Reihe von unsympathischen Typen vor, um sie nach allen Regeln seiner Schreibkunst auseinanderzunehmen.« (Wolfgang Kralicek, Falter)

»Charakterstudien der schwabschen Art, eingebettet in ein Pandämonium aus Körpersäften und Skurrilitäten künden von der Größe des zu früh Verstorbenen als Prosaautor.« (Tiroler Tageszeitung)

Top