Buchcover
Gertraud Klemm

Aberland

Roman
2015
gebunden , 13 x 21 cm
184 Seiten
ISBN: 9783854209638
€ 19,00
als ebook erhältlich

AUTOREN

Textauszug

Das Sexuelle ist nicht meine Stärke, denkt sie, als sie in die Küche geht, um sich einen Tee zu machen, war es nie, sie würde nicht so weit gehen zu behaupten, das mache ihr etwas aus, sie weiß ja, dass es da ist, da wäre, alle paar Monate ereignet sich eine sexuelle Ausnahmesituation, ein Leckerbissen, der sie daran erinnert, wie es sein könnte, wie es gewesen ist, mit Ralph etwa, mit Ralph war es einfach, wenn etwas stattfand, das war wohl das Geheimnis, dass so gut wie nie etwas stattfand, das machte die Sexualität mit ihm so intensiv, da ging dann alles von allein, und: nein, sie sehnt sich nicht zurück. Wenn es ihre Stärke wäre, würde es ihr Körper stärker einfordern, ein bis zwei Mal im Jahr ergibt sich eine Situation, in der Franziska kurz dieses fast schon vulgäre Begehren spürt, sich sexuell zu entladen, über alle Poren, mit der Wucht einer Bauchgrippe, aber meistens ist es ein laues Ziehen oder, wie heute, ein günstiger Fortpflanzungstermin, Tom schläft immer gut, aber nach dem Sex schläft er noch besser, Franziska natürlich nicht, sie ist hellwach, welcher Tee soll es denn werden, Abendstimmung-Tee, Gute-Laune-Tee, sie nimmt den Fastenfreude-Tee.

Bürgerliche Mütter, bürgerliche Töchter: ein bitterböses Porträt zweier Frauen-Generationen

Elisabeth, 58, versucht würdevoll zu altern. Ihr gutbürgerliches Leben ist am ehesten charakterisiert durch das, was sie alles nicht getan hat: sie hat nicht studiert und nicht gearbeitet, sie hat ihre Kinder nicht vernachlässigt und ihren Mann nicht mit dem Künstler Jakob betrogen, sie hat der Schwiegermutter nicht die Stirn geboten und stellt noch immer nicht den Anspruch, ins Grundbuch der Jugendstilvilla eingetragen zu werden. Mit Zynismus und verhaltener Selbstreflexion beobachtet sie das Altern der Frauen um sie herum.

Und sie beobachtet ihre Kinder, vor allem Franziska, 35, die zu Wutausbrüchen neigt, mit den Anforderungen der Gesellschaft an ihre Mutterrolle hadert und die theoretische Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag nicht einlösen kann. Auch sie hat ihre Visionen nicht verfolgt, weder beruflich noch privat, und begnügt sich mit einem fast fertigen Studium und einem fast geliebten Mann. Es scheint, als habe sich dieser zahnlose Feminismus von einer Generation an die nächste vererbt.

Gertraud Klemm, die mit einem Kapitel aus diesem Roman den Publikumspreis in Klagenfurt 2014 gewann, schildert eine gesellschaftliche Situation, in der mit viel »ja – aber« die wichtigen Entscheidungen verschoben und verhindert werden, und ihr Blick auf die Lage ist gnadenlos, bissig und (aus Verzweiflung?) wahnsinnig komisch.

Veranstaltungen

  • 18. Oktober 2017, 19:00
    Wien, Literaturmuseum

Presse

»Große Literatur!« (Fatma Aydemir, Missy Magazin)

»Gertraud Klemm hat eine feine Beobachtungsgabe und ein tiefes Interesse daran, wie Menschen leben und vor allem: ein großes sprachliches Talent.« (ZDF aspekte)

»Mit präziser Beobachtung, originellen Bildern, scharfsinniger Analyse und reichlich sarkastischem Humor fühlt sich Klemm in die Protagonistinnen ein.« (Eva Behrendt, Tagesspiegel)

»Klemm arbeitet ihre Sätze sprachlich sehr genau aus; sie ist eine tolle Beobachterin, ihre Präzision trifft die wunden Punkte.« (Carola Ebeling, Zeit ONLINE)

»Gertraud Klemms zweiter Roman hat Blockbuster-Qualitäten.« (Astrid Schwarz, fm4)

»Ein Roman-Furioso, dem man in dieser Intensität nur selten begegnet … gnadenlos komisch und gallbitter, entlarvend, unentbehrlich.« (Werner Krause, Kleine Zeitung)

»Die bürgerliche Vorgartenidylle, ein Weiblichkeitsgefängnis, das Klemm stilistisch elegant auskleidet. Unüberhörbar die Vorbilder Jelinek und Streeruwitz, die scharfzüngigen Grandes Dames der österreichischen Literatur.« (Anna-Lena Scholz, Die Zeit)

»Aberland ist eine oft bitterböse Sprach- und Denkanalyse weiblicher Selbsttäuschung und ein feministischer Apell – beklemmend gefühlsecht beschrieben.« (Michaela Schmitz, Deutschlandfunk Büchermarkt)

»Ich wünsche dem Buch nicht nur weibliche Leser, sondern auch viele männliche. Denn auch sie müssen die angestammten Geschlechterrollen verlassen und sich auf den unsicheren Weg der Suche nach neuen Mustern machen.« (Winfried Stanzick, buecher.de, lovelybooks, amazon.de, buechertreff.de, ebook.de)

»Ich bin schlicht begeistert … bitterböse geschrieben sollte es einen anregen, auch über das eigene Leben nachzudenken.« (Anna Jeller, Buchhandlung Jeller, Buch der Woche, Radio Superfly)

»Ich bin überwältigt. Ja, manche der geschilderten Szenen und Figuren sind fast zu abziehbildchenhaft die Klischees der gelangweilten, nicht verwirklichten westeuropäischen Frau, aber diese gibt es eben auch genau so. Dieses Buch ist grandios!« (Tilmann Winterling, 54books)

»Ganz großartige Lektüre: ich habe schon lange nicht mehr etwas derart gut Geschriebenes gelesen.« (Doris Knecht)

»Von den Büchern mit feministischem Anspruch das interessanteste, differenzierteste und auch fairste, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.« (Tanja Dückers, Literaturagenten, rbb)

»Klemms Roman sprüht mit seinen ebenso originellen und maliziösen Wendungen vor galligem Witz, der allerdings keineswegs gute Laune verbreitet, weiß man doch, dass selbst ihre bitterbösesten Sentenzen schlicht und einfach ins Rabenschwarze treffen.« (Rolf Löchel, literaturkritik.de)

»Bitter komische Gedankenstürme« (Cornelia Fiedler, Süddeutsche Zeitung)

»Das reinste Vergnügen… Ein Wurf, dieser Roman, und eine unerhörte Probe großen sprachlichen Könnens!« (Hardy Ruoss)

»Der Text ist ein Fest voller kleiner Bösartigkeiten, alle bekommen ihr Fett weg.« (Frédéric Valin, Der Freitag)

»Aberland fasst dich an, packt dich mit Inhalt und Sprache, dreht dich einmal herum, bringt dich zum Lachen, macht dich traurig, schüttelt dich, stellt unangenehme Fragen mitten in den Raum, spricht Dinge an, über die du nicht (mehr) reden wolltest, und tut es zu Recht.« (Sandra Gugic, Buchreport)

LONGLIST DEUTSCHER BUCHPREIS 2015

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