AUTORENPORTRAIT
LITERATURVERLAG DROSCHL




© Franz Linschinger
Heimrad Bäcker

Heimrad Bäcker, 1925 in Wien geboren, in Ried und Linz aufgewachsen.
Studium der Philosophie, Soziologie und Völkerkunde in Graz und Wien, Dissertation 1953 über Karl Jaspers. 1955-1976 Referent an der Volkshochschule Linz, seit 1968 Herausgeber der Zeitschrift »neue texte«, aus der 1976 die »edition neue texte« erwuchs (1994 vom Literaturverlag Droschl übernommen); hier erschienen wichtige Bücher etwa von Achleitner, Czurda, Gerstl oder Priessnitz, und auch Bäckers Hauptwerk nachschrift, 1986, sowie nachschrift 2, 1997.
Heimrad Bäcker starb am 8. 5. 2003.

Die Arbeiten des Schriftstellers und Künstlers Heimrad Bäcker gelten als Hauptwerke der internationalen Avantgardekunst. Aus seiner umfassenden Kenntnis der Literatur und Kunst der Moderne, deren Förderer als Gründer der Zeitschrift und edition neue texte er ist, hat Bäcker ein unverwechselbares eigenes literarisch-künstlerisches Werk geschaffen. Seine konkreten Texte und Fotografien, die das Projekt nachschrift ausmachen, schließen die Kluft zwischen autonom formaler und politisch orientierter Kunst. Die nachschrift mit ihrem Zugriff auf die Dokumente des Nationalsozialismus und des Holocaust ist Dokumentarliteratur und -kunst mit den Mitteln der konkreten Poesie.

»Was bleibt, ist die Gewissheit, dass Bäckers Kunst der noch immer zwingend erforderlichen Thematisierung des Nationalsozialismus völlig neue Aspekte zugetragen hat.« (style)



»Die Methoden der Dichtung hat er weiter getrieben als mancher andere, die Menge des Hervorgebrachten ist aber insofern ungefähr gleich geblieben wie bei den weniger gründlichen Kollegen, weil er den eitlen Stolz auf die Methoden weggelassen hat. Weglassen war überhaupt seine größte Kunst. (…) Bäcker hat es verstanden, aus den Schriftzeugnissen des Holocaust Sätze, Wendungen, einzelne Wörter herauszuschneiden, an denen in der Vereinzelung blitzartig erfahrbar wird, was in dem längeren Dokument halb verschüttet bleibt, weil der bloße, vor sich hintrottende Zusammenhang und der sich fortzeugende Behördenjargon den Leser betäuben und die Wirklichkeit der Vernichtung genrehaft überpolstern. So entstanden seine Sezier-Bücher nachschrift und nachschrift 2.« (Schuldt in der ZEIT)

Paul Jandl schreibt in seinem Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung: »Dass das Verbrechen der Sprache den tatsächlichen Verbrechen vorausgeht, hat der 1925 in Wien geborene Heimrad Bäcker in einem wachsenden und prinzipiell unabschließbarenŒuvre zu zeigen versucht. Die Literatur wollte Bäcker nie zu einer Harmonisierung des Unverständlichen missbraucht sehen. Das aufklärerische Element des Schreibens wurde auch zum Programm seines Verlags. 1976 geht aus Heimrad Bäckers vormaliger Literaturzeitschrift "neue texte" der Verleag "edition neue texte" hervor, in dem vor allem die experimentelle Literatur erscheint. Gerhard Rühm, Franz Josef Czernin, Valie Export, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und Reinhard Priessnitz erscheinen in der "edition neue texte", die damit zum bedeutendsten österreichischen Avantgarde-Verlag der späten siebziger und frühen achziger Jahre wird. Den Epitaphen, die in den der konkreten Poesie verwandten Texten und den Photographien Heimrad Bäckers immer anwesend sind, ist mit seinem Tod ein weiterer hinzuzufügen. Eine letzte nachschrift auf den in Linz verstorbenen Schriftsteller.«

Und Ronald Pohl schreibt im STANDARD:
»Die prekäre Frage, ob das Grauen des Holocaust überhaupt "angemessen" zur Sprache gebracht werden kann - sie schleppt eine vorgegebene Auffassung davon, was Sprache darf oder zu unterlassen hat, als unsichtbare Tonnenlast mit sich. Es blieb dem großen oberösterreichischen Dichter und Verleger Heimrad Bäcker vorbehalten, die eingangs aufgeworfene Frage nicht zu umgehen, sie im Gegenteil zu radikalisieren. Mit den beiden Bänden der nachschrift brachte Bäcker etwas zur Sprache, was, mit Blick auf die Opfer, zugleich niemals hinreichend ausgedrückt werden kann: Bäcker lud sich den obszön ausgenüchterten Jargon der Täter, das Vernichtungsrotwelsch der mit der so genannten "Endlösung" befassten Planungsmörder und Genozidbeiträger, wie eine lebenslange Bürde auf. (…) Er lud sich das Vernichtungsrotwelsch der Genozidplaner wie eine Bürde auf. Er begann, aus der vieltausendseitigen Flut der erhaltenen Holocaust-Dokumente Sprachgebilde zu formen - die weder den unmenschlichen Impetus einer vorsätzlich ausgenüchterten "Verwaltungssprache" unterschlugen, noch aber methodische Besserwisserei betrieben. (…) Nun ist Bäcker, einen Tag vor seinem 78. Geburtstag und nur wenige Monate nach dem Tod seiner Frau, am Donnerstagabend gestorben. Einer der ganz Großen, so wird berichtet, entschlief ganz still.«




nachschrift 1

1993, 144 Seiten, engl. Broschur, ISBN 3-85420-188-5, € 15,50

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nachschrift 2

1997, 262 Seiten, engl. Broschur, ISBN 3-85420-472-8, € 15,50

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nachschrift 1 & 2

ISBN 3-85420-188-5 + ISBN 385420-427-8, € 27.-

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Heimrad Bäcker

Hrsg. von Thomas Eder und Martin Hochleitner
Die große Personale Heimrad Bäckers zeigt Schriftblätter, Fotografien des Konzentrationslagers Mauthausen,
Fundstücke und andere ›Relikte‹ aus dieser einzigartigen künstlerischen Bearbeitungsform der nachschrift.
Sie zeigt aber auch andere konkret-visuelle Arbeiten Bäckers, die die Genese dieser
Künstlerpersönlichkeit nachvollziehbar machen.

»Ein Band, der das Werk des Schriftstellers umfassend und höchst verdienstvoll nachzeichnet.« (NZZ)

»Einer der weitreichendsten und wichtigsten Annäherungs- und Bewältigungsansätze deutsch-österreichischer Vergangenheit.« (style)

2003, 316 Seiten, 105 Abbildungen, gebunden, ISBN 3-85420-629-1, € 40.-

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Stand vom 17. 2. 2004